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Erste Eindrücke, Erlebnisse und Erfahrungen aus Bolivien

Kaum zu glauben, dass ein und derselbe Monat zwei Zeitgefühle in mir erweckt: Einerseits kommt es mir so vor, als wäre erst letzte Woche der 22. August, der Tag meines Abfluges, gewesen, aber andererseits habe ich in diesen vier Wochen schon so vieles gesehen, erlebt und auch gelernt, sodass
ich meinen könnte, schon seit einer halben Ewigkeit in Bolivien zu leben. Und genau deshalb wurde es nun Zeit, meinen allerersten Rundbrief zu verfassen, in dem ich Euch/Ihnen von meinen ersten Eindrücken, Erlebnissen und Erfahrungen in Bolivien berichte. Bevor ich jedoch beginne, möchte ich noch auf die Subjektivität meiner Rundbriefe aufmerksam machen und Euch/Sie bitten, meine persönlichen Wahrnehmungen weder auf das Land selbst, die bolivianische Kultur noch auf die Menschen und ihre Mentalität zu projizieren.

Ich habe den meisten von Euch/Ihnen bereits von meiner Vorbereitungszeit auf meinen Dienst berichtet. Aber dennoch möchte ich die Gelegenheit nutzen, um nochmals unsere intensive und wertvolle Vorbereitung hervorzuheben:
Im Januar dieses Jahres entschied ich mich für einen Auslandsfreiwilligendienst mit den Steyler Missionsschwestern und seither habe ich an insgesamt
fünf Seminaren teilgenommen. Meine letzten zwei Monate vor meiner Ausreise waren geprägt von Seminaren. Neben dem länderspezifischen Seminar und dem Identitätsseminar, waren insbesondere das zehntägige Blockseminar in Steyl und die zweiwöchige Mitlebezeit in einer Kommunität in Frankfurt eine große Bereicherung für mich und meinen Einsatz.
Mitte August ging es für mich abermals nach Frankfurt, jedoch diesmal zum Frankfurter Flughafen. Von dort aus flog ich über Madrid nach Cochabamba und wurde dort von den Leitern der Sprachschule Runawasi in Empfang genommen.

Da ich mir in Deutschland nur die Grundlagen der spanischen Sprache angeeignet habe, war es die richtige Entscheidung, für drei Wochen die Sprachschule zu besuchen. Das Neugelernte vom täglichen, vierstündigen Einzelunterricht konnte ich immer direkt in der Gastfamilie, mit der ich
zusammenlebte, anwenden und somit habe ich in nur drei Wochen schon riesige Fortschritte machen können.
Des Weiteren gab es mir die Möglichkeit, ein wenig die bolivianische Kultur und die kulinarischen Spezialitäten kennenzulernen: "Pique Macho", zum Beispiel, ist ein typisches bolivianisches Gericht, bei dem kleine, gebratene Rindfleischstücke mit Würstchen, Kartoffeln, Zwiebeln, Locoto (Chili-Art), gekochten Eiern serviert und mit Senf, Mayonnaise und Ketchup verziert werden.

Essen ist, so habe ich es zumindest in den ersten Wochen wahrgenommen, ein sehr großes Thema in Bolivien. Das Mittagessen ist die Hauptmahlzeit und besteht aus Suppe und einem Hauptgericht. Kartoffeln sind der Bestandteil eines jeden Gerichtes und werden entweder allein oder mit Nudeln
oder Reis zusammen serviert. Liebgewonnen habe ich insbesondere die als Frühstück servierten Heißgetränke: Mate de Coca (Coca-Tee), Api (Heißes Maisgetränk aus violettem und weißem Mais ) und Tojorí (Heißes, dickflüssiges Getränk aus zerstampftem, weißem Mais).
Api ist das bolivianisch-andine Nationalgetränk und wird morgens zum Aufwärmen insbesondere im Andengebiet Boliviens getrunken.

Bolivien wird im Westen von zwei großen Ketten der Anden durchzogen, deren Höhe bis über 6500m reicht. Östlich schließt sich das bolivianische Bergland an. Vom ostbolivianischen Bergland bis an die Grenze zu Brasilien und Paraguay erstreckt sich das tropisch-heiße Tiefland. Aufgrund der
enormen Höhenunterschiede ist das Klima in Bolivien sehr vielfältig. Cochabamba, zum Beispiel, gilt als die Stadt des ewigen Frühlings.
Cochabamba befindet sich zwischen La Paz (Regierungssitz) und Sucre (Hauptstadt) und ist mit etwa 650.000 Einwohnern die viertgrößte Stadt Boliviens. Die Stadt selbst liegt auf etwa 2500m, ist jedoch von Bergen umgeben, die über 5000m hoch sind. Dadurch herrscht in Cochabamba ein geschütztes
und moderates Klima, sodass die Temperatur am Tag meist auf 23°C klettert.

Nicht nur an die Temperatur und auch die unterschiedlichen Wetterwahrnehmungen, sondern auch an die Höhe musste ich mich in den ersten Wochen gewöhnen. Während ich am Morgen meist im T-Shirt am Frühstückstisch saß, war mein Gastvater in einer dicken Daunenjacke und Wollmütze
eingepackt. Die Höhe machte sich schon nach wenigen Schritten bemerkbar. Ich war schnell völlig außer Atem und auch das Nachlaufen eines verpassten Trufis oder Micros hat mich schon fast kollabieren lassen.

Fortbewegen tut man sich nämlich in Cochabamba mit dem öffentlichen Nahverkehr. Die vielen Minibuslinien (Micros) und Sammeltaxen (Trufis)
haben jeweils eine feste Route und das Ein- und Aussteigen erfolgt an jedem beliebigen Ort. Dies setzt natürlich voraus, dass man die Routen
der Trufis bzw. Micros auswendiglernt und gleichzeitig die Stadt auch noch so gut kennt, sodass man ja nicht die richtige Stelle zum Aussteigen
verpasst.
An einigen Tagen wird das Ganze noch durch Straßenfeste, Straßenblockaden oder Fahrverbote erschwert. Irrfahrten sind in den ersten Wochen alltäglich. Auch die Verkehrsregeln erschienen mir zunächst ziemlich chaotisch, aber mittlerweile habe ich mich an sie gewöhnt: Die Hupe und auch ein kleines Handzeichen finden hier häufiger ihre Verwendung als unser altbekannter Blinker.

Gehupt wird eigentlich jede Sekunde: Beim Überholen, beim Überqueren einer Kreuzung, um dem restlichen Verkehr mitzuteilen, dass man Vorfahrt hat, beim Überfahren einer eigentlich roten Ampel, im Stau und insbesondere Micros, Trufis und Taxis hupen als Zeichen dafür, dass sie frei sind.
Besonders praktisch finde ich jedoch die bolivianischen Ampeln, in denen eine Art Countdown installiert wurde, der einem anzeigt wie lange die Ampel noch grün beziehungsweise rot ist. Das hilft einem als Fußgänger auch weiter, da es kaum Fußgängerampeln gibt und Zebrastreifen in Bolivien
nicht dieselbe Bedeutung haben wie in Deutschland.
Trotz allem löst die bolivianische Verkehrssituation in mir ein Gefühl der Freiheit, Spontaneität und auch Aktivität aus. Die verschiedenen Geräusche und die vielen Menschen machen Cochabamba zu einer lebensfrohen und wunderschönen Stadt.

Das einzig Negative sind die vielen Abgase. Laut meiner Gastmutter hat Cochabamba einen der schlechtesten Abgaswerte Südamerikas und auch ich habe bemerkt, dass die trockene Luft vermischt mit den vielen Autoabgasen, einen schwerer atmen lassen. Aus diesem Grund wurden die
Fahrverbote eingeführt und so kam es, dass an einem Sonntag in Cochabamba weder der öffentliche Nahverkehr noch Privatautos, LKWs oder Fernbusse fahren durften. An diesem Tag waren gefühlt alle Cochabambinos (Einwohner der Stadt Cochabamba) zu Fuß oder mit dem Rad auf den Straßen unterwegs. Es kam mir vor wie ein riesiges Straßenfest mit Hüpfburgen, Musik und Aktivitäten für Jung und Alt.
Und so lockte es auch einige meiner Freunde aus der Sprachschule und mich in die Stadt und noch ein kleines Stückchen weiter zum Wahrzeichen Cochabambas, der Christusfigur "Cristo de la Concordia", die auf dem ca. 260m hoch aufragenden "Petersberg" triumphiert, von welchem man
einen beeindruckenden Panoramablick auf die Stadt hat.

Die ersten Wochen waren insgesamt für mich sehr aufregend: Es gab vieles neues zu entdecken, zu probieren und zu erleben und somit zog es mich jeden Tag aufs Neue in die Innenstadt. Besonders beeindruckend finde ich den Süden des Stadtkernes, geprägt vom Markt "La Cancha", der größte
Straßenmarkt in Südamerika, auf dem du von Tieren bis zu der neusten Technologie alles findest, was dein Herz begehrt. Das riesige Meer von Menschen, Gemüse-, Obst- und Lebensmittelständen, Schuh-, Kleidungs- und Haushaltswarenverkäufern und vielem mehr ist ein Erlebnis für sich.

Wie vielleicht einige von Euch/Ihnen wissen, hatte ich nach den ersten zwei Wochen Geburtstag: An diesem Tag ging es für mich auf den
Gipfel des "Cerro Tunaris" mit einer Höhe von 5035 m. Der Cerro Tunari ist der höchste Berg der Kordillere, die Cochabamba umschließt. Allein
die zweistündige Autofahrt ließ einen vieles Gegensätzliche zu dem Großstadtleben entdecken:
Zu der artenreichen Tierwelt der Kordillere gehören unter anderem Lamas, Alpakas, Schafe, Wildpferde, Kondor, Vicuñas und Vizcacha. Vorbei ging es
auch an einigen indigenen Dörfern: In selbstgebauten Spezial-Häusern, die den Wohnraum sehr gut vor Wetter und Kälte schützen, leben Menschen ohne Stromanschluss. Die meisten von ihnen beherrschen nur die Sprache Quechua und haben noch nie die Stadt Cochabamba betreten.

Auf etwa 4300 m haben wir das Auto stehen lassen und den Aufstieg zu Fuß begonnen. Aufgrund des steilen und stellenweise rutschigen Terrains kamen wir nur sehr langsam vorwärts. Hinzu kam die Höhe, die einen ziemlich zu schaffen machte – was man sonst locker bewältigt, gerät auf 4500 m zum anstrengenden Abenteuer. Nach fast drei Stunden und vielen kleinen Pausen standen wir auf dem Gipfel in 5035 m Höhe. Hier zeigte sich ein unerhört schöner Ausblick auf die Cordillera Real, auf das Tal von Cochabamba und die endlosen, wolkenbekrönten Bergketten im Süden.

Es gäbe nun noch so vieles zu berichten, aber so wie meine Zeit in der Sprachschule zum Ende kam, muss ich auch mit diesem Rundbrief zum Ende kommen. Nach drei Wochen Sprachschule stand für mich mein Umzug ins Studentinnenwohnheim San Ignacio an, welches von Josefschwestern
geleitet wird. Zusammen mit meiner Mitfreiwilligen Nikolina und elf bolivianischen Studentinnen und Berufseinsteigerinnen werde ich nun die
kommenden elf Monate leben. Im Haus hat jedes Mädchen sein eigenes kleines Zimmer, aber geteilt wird sich Küche, Esszimmer, Gemeinschaftsräume, Waschküche, Bäder und natürlich die alltäglichen Haushaltsaufgaben.
Seit zwei Wochen arbeite ich auch schon in dem Projekt der Fundación Estrellas en la calle. Bis ich meine Routine, meine Aufgaben in den Projekten Coyera und Fenix gefunden habe, wird es noch einige Zeit, aber ich verspreche jetzt schon mal, dass der Schwerpunkt meines nächsten Rundbriefes auf der Arbeit der Fundación und meinen Aufgaben liegen wird.

Veröffentlicht: 11.10.2017 / Martin Eibelsgruber

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