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Freundschaft - aus der MaZ-Karwoche

Bereits zum zehnten Mal kamen die MissionarInnen auf Zeit in Berlin-Kreuzberg zur Kar- und Osterwoche zusammen, das viele im Nachhinein als ihr eindrücklichstes Vorbereitungsseminar beschreiben.



Dieses Jahr war die Gruppe aus elf jungen Frauen und vier zurückgekehrten Missionarinnen auf Zeit sowie dem Team in der Pfarrgemeinde St. Michael untergebracht.
Im Fokus stand auch dieses Mal die Auseinandersetzung mit dem Thema Armut in Deutschland: durch den Besuch unterschiedlicher Einrichtungen wie z. B. der Fazenda da Esperança oder von Suppenküchen, durch die Begegnung mit Wohnungslosen, die Exerzitien auf der Straße oder den Besuch der Gedenkstätte Plötzensee zur Todesstunde Jesu am Karfreitag. Den freudigen Abschluss bildete die gemeinsame Osternacht.

Pauline Metz, die als Missionarin auf Zeit auf die Philippinen ausreisen wird, hat ihre Erfahrungen zu dieser ganz besonderen Woche im folgenden Essay zusammengefasst:

Wenn ich die Karwoche in einem Wort zusammen fassen müsste, wäre es Freundschaft.
Das klingt so, als würde ich jetzt beginnen, von meinem Reiterwochenende der letzten Sommerferien zu erzählen. Denn wir alle wollen ein Pferd als Freund haben. Besonders, wenn wir zehn Jahre und weiblich sind. Hinter dem Wort "Freundschaft" steht aber mehr.
Reißen wir es doch erst mal genauso auseinander und kleben es neu zusammen, so wie diese Woche das mit mir gemacht hat.
Freundschaft bedeutet, dass nicht nur ein Freund schafft, sondern mehrere Menschen. Und es bedeutet, dass, wenn man Freude haben will, man schaffen muss.
Die Karwoche hat mir ziemlich zu schaffen gemacht. Wieso?
Es wäre plausibel, wenn ich sage, dass wir um 7:45 Uhr schon im Gottesdienst saßen, nachdem ich auf einer Isomatte, die dünner als mein Tagebuch ist, aufgewacht bin, nachdem ich nachts geduscht habe, nachdem die elf anderen Mädchen geduscht haben.
Aber das waren nicht im mindesten Gründe, die mir zu schaffen machten.

Das waren eher Gründe, die mich jeden morgen aufstehen ließen. Denn der Gottesdienst war morgens ein Grund aufzustehen und den Tag zu genießen, die Isomatte lag in einem Zimmer, das voll mit Leuten war, die sich nicht beschwerten, wenn ich um Mitternacht mit meiner laut knisternden Duschtüte ins Zimmer gestolpert kam, und das Warten auf die Dusche machte mir klar, dass man überall Ruhe finden kann und jemanden, der dir zuhört.
Diese Woche hat mir gezeigt, dass ich nicht allein mit meinen Ideen bin, die so oft belächelt, beschimpft und totgeschwiegen wurden.
Diese Woche hat mir gezeigt, dass es Menschen gibt, die dir zuhören und vielleicht einen Gott, der dir bedingungslos zuhört.
Diese Woche hat mir Menschen gezeigt, die so, so, so viel Leid gesehen haben und trotzdem Hoffnung haben und Menschen die so, so, so viel Hoffnung haben und trotzdem fast nur Leid sehen.
Das war es eigentlich, was mir zu schaffen gemacht hat.
Dass ich jeden Tag noch ein bisschen mehr von dem entdecke, was Menschen nur einfällt, um Grauen zu bereiten. Nicht darin unterzugehen, ist etwas, das nur ein Freund mit dir schaffen kann.
Was mir zu schaffen machte und mich gleichzeitig schaffen ließ.

Diese Welt ist nicht grau. Und wenn Menschen eine graue Mauer bauen, so wie sie vor ein paar Jahren noch nahe St. Michael stand, dann kommen immer auch Menschen, die die Mauer so lange bunt anmalen, bis sie umfällt.
Woher nehmen sie diese Kraft?
Die Kraft, die sie weiter laufen lässt, die Kraft, die sie auf die Straße bringt, die sie nein zu einer einzigen nett gemeinten Zigarette sagen lässt, die Kraft mit Zuversicht auf ihr Todesurteil in Plötzensee zu blicken?
Wo nehmen sie die Kraft her, wenn uns schon manchmal die Kraft fehlt weiterzumachen, mutig auf die Straße zu gehen, nein zu Schokolade zu sagen, mit Zuversicht auf unser Jahr im Ausland zu blicken?

In einer Friedenskirche in Berlin nahe einer Kleingartenanlage (die nicht klein ist) steht hinten links neben einer Eingangstür an einer Glasscheibe das Zitat einer Frau, die auch mal so alt war wie ich: "Gott verlangt nichts vom Menschen, ohne ihm zugleich die Kraft dafür zu geben." (Edith Stein)
Viele aus unserer Gruppe hat das Zitat berührt, gepackt und nicht mehr los gelassen. Es ist eine Antwort. Auf die Frage, die uns die ganze Zeit nachgelaufen ist. Die uns in der Fazenda Kuchen gebacken, auf der Straße den Mund, in dem Vortrag über Menschenhandel die Augen und in Plötzensee das Herz geöffnet hat.

Schon am ersten Tag wurde unser Blickwinkel auf Berlin einfach auf einen dreckigen Bürgersteig geworfen. Es warf uns aus der Bahn. Zog uns unter die Erde der U-Bahn und ganz unter die Haut. Es stolperte uns nach Kreuzberg und verführte uns, schob uns auf ein Kreuz zu, das wir seit etwa 18 Jahren kennen, aber jetzt neu benennen können.
Dank Freundschaft. Denn durch die Freundschaft mit diesem Mensch der vor einigen Jahren mal ein Kreuz tragen musste und dem Mensch, der vor einigen Monaten mal trinken musste, weil er sonst ertrank, und dem Mensch, der vor einigen Wochen hier ankam und kein Deutsch sprechen konnte und dem Mensch der vor wenigen Tagen in der Küche stand und ekelhafte Plastikbecher abtrocknete und dem Mensch der heute in Neukölln auf der Straße, dir mitten im Weg steht,
durch die Freundschaft mit diesen Menschen, schafft dein bester Freund etwas in deinem Leben, das dir so viel zu schaffen macht, dass es dir irgendwie Freude schafft.
Komm du Kraft, die Frieden schafft.

Pauline Metz

  • Gruppenbild vor St. Michael

  • Wenn du gekommen bist...

    Wenn du gekommen bis, um mir zu helfen, dann vergeudest du deine Zeit. Doch wenn du gekommen bist, weil du verstanden hast, dass deine Befreiung unauflösbar mit meiner Befreiung zusammenhängt, dann lass uns gemeinsam an die Arbeit gehen.

  • Am Arbeiten

  • Am Planen

  • Gebet in der Kirche

  • Alternative Stadtführung

  • Stadtführung Gruppenbild

  • Auf der Frauenfazenda

  • In der Kapelle der Fazenda

  • Vor St. Michael

  • Aufbruch zum Kreuzweg

  • Auf dem Kreuzweg

  • Ziel des Kreuzweges: Plötzensee

  • Edith-Stein-Zitat

    Gott verlangt nichts vom Menschen, ohne ihm zugleich die Kraft dafür zu geben. (Edith Stein)

  • Delp-Denkmal

  • Gedenkstätte

  • Osterlicht

  • Frühstück

Veröffentlicht: 06.04.2018 / Martin Eibelsgruber

Mehr gibt's hier:

Freiwilligendienst MaZ (MissionarIn auf Zeit)