Trigger

"Wo Jesus heute hingehen würde"

Die weihnachtliche Verheißung des "Frieden auf Erden" klingt bei vielen Menschen in dieser Zeit besonders an. So auch bei unseren Schwestern, die mitten unter den Flüchtlingen in Griechenland leben. Ständig werden sie mit Geschichten von Bedrohung des Lebens, der Gesundheit, der Menschwürde konfrontiert. In ihren Gesprächen und dem alltäglichen Umgang mit den Geflüchteten versuchen sie, den Frieden Jesu spürbar zu machen. Anbei zwei sehr persönliche Erfahrungsberichte.

Sr. Preethi

Als ich vor vier Monaten hier in Griechenland ankam, war ich nicht in der Lage, Schmerzen zu lindern und die Tränen von Frauen, Erwachsenen und Kindern abzuwischen... Ich fragte mich, was ist der Grund für ihre Tränen? Warum weinen sie? Weinen sie nur, weil sie all ihren Besitz und ihre Heimat verloren haben? Für mich war es nur ein Schmerz, als ich ankam. Ich habe nie tiefer darüber nachgedacht, was diese Tränen bedeuten würden.

Es war an einem sonnigen Tag, als mich ein Flüchtling aus Syrien tiefer in die Realität ihrer Tränen einführte.  Es waren Tränen für den Verlust geliebter Menschen, Tränen für den Verlust ihres Besitzes: Land, Gebäude, Zukunft, sogar die Flucht aus dem Land, das sie am meisten geliebt haben und vor allem Tränen, weil sie die Menschenwürde verloren haben. Der Verlust der Menschenwürde lastete schwer auf ihnen… Es waren Tränen der Frust, des Ärgers, der Rache und der Frage um ihre Zukunft … Warum passiert uns das? Das war ihre Frage an mich… Ich konnte diese Frage nicht beantworten, denn es ist leicht, eine Antwort zu geben, aber es ist schwer, solche innere Zerrissenheit im Leben zu erfahren, wie sie es getan haben.
               
Ich sah ein Video, in dem maskierte Männer über eine Frau lachen, die ihr lebloses Baby an ihr Herz drückt und bitter schluchzt. Mein anderer Flüchtlingsfreund sagte, dass die maskierten Männer eine junge schwangere Frau vor den anderen vergewaltigt haben. Wo bleibt da die Menschenwürde?  Ein Mädchen aus Afghanistan erzählte mir, dass sie gezwungen wurde, mit einem Mann zu schlafen, um ihre Familie vor dem sicheren Tod zu bewahren. Was ist heute der Wert des menschlichen Lebens? Es gibt noch mehr Geschichten zu erzählen, aber werden diese Geschichten meine Einstellung zum Respekt vor dem menschlichen Leben verändern?
                            
Obwohl die Flüchtlingskrise in den Medien nicht mehr erwähnt wird, sind die Probleme derer, die versuchen, die europäischen Küsten zu erreichen, um wieder ein gewisses Sicherheitsgefühl zu erlangen, noch lange nicht vorbei. Laut den Daten des UNHCR sind allein in diesem Jahr 160.879 Menschen auf dem Seeweg nach Europa gekommen, und es gab schätzungsweise 3049 Tote oder Verschollene. (unhcr.org, 28. November). Auf ihrem Exodus machen sie viele Erfahrungen von Unmenschlichkeit wie Vergewaltigungen, Belästigung, Quälerei, Entführungen und Menschenhandel. Die meisten alleinstehenden Frauen aus Afrika sind schwanger, ohne dass sie wissen, wer der Vater des Kindes ist, das sie tragen. In den letzten drei Monaten bilden Familien mit kleinen Kindern, Schwangere und Folteropfer die Mehrheit der Neuankömmlinge auf den griechischen Inseln. Diese Männer, Frauen und Kinder kommen in einem äußerst gefährdeten Zustand an, aber ihre Probleme hören bei ihrer Ankunft in Europa nicht auf.   Anstatt willkommen zu sein, sind sie gezwungen, auf den überfüllten Inseln zu bleiben. Das Camp auf Lesbos beherbergt derzeit über 6000 Flüchtlinge, obwohl seine Infrastruktur nur für 2000 Personen angelegt ist. Der Zustand dieser Menschen ist schrecklich und sie sind gezwungen, unmenschliche, unnötige und völlig inakzeptable Bedingungen zu ertragen. Abgesehen von diesen Problemen, hat der Winter begonnen und die Menschen haben kaum etwas, um sich vor der beißenden Kälte zu schützen.  Um ihre Probleme zu lindern, hat der JRS (Jesuiten Flüchtlingsdienst) Winterschuhe, Decken, Kleidung, darunter auch die dringendste Unterwäsche für diese Menschen geschickt.

Das Leben ist wertvoll für jeden von uns. Ich schätze mein Leben, meine Freiheit zu sagen, was mir wichtig ist, meine Freiheit, mich ohne Angst zu bewegen, meine Freiheit, glücklich zu leben, meine Freiheit, alle Rechte zu genießen, ohne den anderen zu stören. Dieses Leben bevorzuge ich für uns alle. Das ist der Schrei jedes Menschen und besonders der Flüchtlinge, die uns bitten, dass wir sie wie Menschen und nicht wie Tiere, sondern mit Würde und Respekt behandeln.

Sr. Ada

Fast jeden Tag kommen Flüchtlinge, meist sind es Familien, und fragen um "Herberge". Sr. Clara und Sr. Preethi sind dafür zuständig, hören sich die Leidensgeschichten dieser armen Menschen an, und müssen dann fast immer sagen: "Leider haben wir auch keinen Platz!" Das ist sicher sehr schwer für die beiden und auch eine seelische Belastung, wovon ich mehr oder weniger verschont bin.

Unsere Menschen um uns, leben eigentlich immer im "Advent" - in Erwartung, egal, welcher Religion sie angehören. Sie warten meist schon sehr lange, hoffen aber immer, dass sie bald in ein anderes Land weiterreisen können. Gleichzeitig leben sie aber auch in der Angst der Ungewissheit, wie es wohl weitergeht und ob sie nicht zurückgeschickt werden.

Seit Mai dieses Jahres, wo wir hier sind, haben ungefähr 15 Menschen unser Heim in Richtung eines anderen Europa verlassen, sowohl legal als auch illegal. Wie dem auch sei: Wir freuen uns immer, wenn alles gut geht! Wir fühlen dann aber auch die Betroffenheit der Zurück-Gelassenen. Es ist eine eigenartige Situation. Wenn Ersteres der Fall ist, freuen sich alle mit - das ist sozusagen ein Fest. Man spürt aber auch Traurigkeit: "Warum nicht ich/wir?!"

Freude erleben wir aber auch als z.B. unser 7-jähriger Ali endlich nach einem Jahr Wartezeit zu seiner Mutter nach Schweden durfte. Seine Großmutter wartet hier alleine weiter und hofft...... oder, als Frau Jenan mit ihren beiden Buben nach 1 1/2 Jahren Warten endlich zum Papa nach Frankfurt durfte. Oder Frau N. mit ihrer Tochter nach Frankreich.....

Mohammed mit seiner Familie wohnt mit uns hier in diesem Haus. Die Tochter wartet in Deutschland. Und nun darf die ganze restliche Familie dorthin. Beide Elternteile sind meine fleißigen Deutschschüler, obwohl der Vater bislang nichts von Englisch wissen wollte. Sohn und Tochter lernen ohnehin fleißig Griechisch und Englisch, nun aber besuchen sie auch den Deutschkurs auswärts.

Aber Maroof - sein Freund, mit seiner Familie - ebenfalls bei uns hier, muss Weiterwarten und seine Frau wartet in Holland auf Mann und Kinder.....Wohl auch deshalb ist er seit einiger Zeit krank und ich darf ihn mit Spritzen und Massagen versorgen. Weil es gar nicht besser wurde, und er nur auf dem Boden lag, haben wir ihm unser leerstehendes Bett von Sr. Rasti hinunter gestellt, mit einer Bretteinlage versehen, damit es hart genug ist. Siehe da, gleich geht es nun aufwärts und er fühlt sich besser!

Das ist so unser Alltag. Sr. Preethi nimmt sich sehr in Einzelgesprächen um unsere Flüchtlinge an, und schreibt deren Geschichten auf, worum ich sehr, sehr froh bin! Sie ist ein Segen für uns, weil sie ja vielfach deren Sprache versteht, so sie aus Pakistan und Afghanistan kommen.

Gestern machten wir ein Zimmer fertig für eine Mutter mit ihren 2 Buben -7 und 9 Jahre, aus Syrien. Ob der Vater noch irgendwo lebt, das wissen sie nicht. Auf alle Fälle konnte man die Freude aus ihren Augen ablesen, weil sie eine "Herberge" bekommen haben!

Frau Muslima kommt aus Afghanistan, sie ist im vierten Monat schwanger. Ihren Freund hat man in der Türkei zurückbehalten. Trotzdem ist sie immer freundlich und höflich, eine ausgesprochen sympathische Frau und hilfsbereit für die Nöte anderer. Heute kam eine Mitbewohnerin aus dem Irak zu ihr ins Zimmer. Diese muss mit einer Matratze auf dem Boden Vorlieb nehmen, weil weder ein Bett noch ein Platz dafür vorhanden wäre.

Vorhin las ich den SOLWODI-Weihnachtsbrief. In den griechischen Nachrichten stand Erschreckendes über "Prostitution" hier in Athen. Seit der Flüchtlingswelle sei diese um 1500 % gestiegen. Ich möchte Euch die genannten Zahlen ersparen, denn ich war einfach erschrocken! Für Athen ist diesbezüglich eine bittere Zukunft vorausgesagt, was AIDS und andere Krankheiten betrifft, denn das meiste läuft illegal und daher auch ohne nötige Gesundheitskontrollen.

Oh ja, eine Weihnachtsfeier mit den Flüchtlingen hat viel Freude bereitet - natürlich auch bei Tanz und Gesang. Worum es genau geht, wissen ja unsere muslimischen Brüder und Schwestern weniger. Nach Weihnachten laden wir Schwestern zu einem Fest in unserem Haus. Übrigens, seit die Küche geschlossen ist, ist dort jeden Nachmittag von Montag bis Freitag "offene Tür" für alle Flüchtlinge. Vorerst sind es meist Afghanen und Pakistani -bis zu 200. Langsam kommen auch schon andere, wie heute aus Afrika. Das geht von den Jesuiten aus.

Am Samstag gehen wir mit unseren Kindern zum nahegelegenen "Viktoria Platz" - wo sich immer, auch über Nacht, viele Flüchtlinge aufhalten und auf den Bänken schlafen - um "Weihnachtsfreude" zu bringen. "Auf lasst uns nach Bethlehem gehen..." - überall dorthin, wo auch Jesus heute hingehen würde!