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Liebe Freundinnen und Freunde,

der diesjährige Impuls zur Einstimmung auf das Pfingstfest steht unter dem Titel: JUGEND UND ARMUT in Deutschland!

In Deutschland leben ca. 9 Millionen Jugendliche. Von ihnen ist jeder fünfte von Armut betroffen. Dies sind etwa 2,8 Millionen der unter 18-jährigen. Die Tendenz ist steigend und in Relation zu anderen Altersgruppen unterliegt die junge Generation zwischen 24 und 27 Jahren dem höchsten Armutsrisiko. Das Risiko, arm zu werden, nimmt zu, je älter die Jugendlichen sind. Besonders groß ist das Problem in den Städten – am größten in Berlin.

Wer arm ist, ist in vielen Bereichen des Lebens benachteiligt. Neben Bildung, Beruf oder Gesundheit erfahren in Armut lebende Jugendliche auch im sozialen Leben grundlegende Nachteile, mit Auswirkungen auf das ganze Leben.

11. Mai: Woran lässt sich Armut bei Jugendlichen erkennen?

In Deutschland existiert vor allem die sogenannte "relative Armut". Zu den armutsgefährdeten gehören alle, die weniger als 60% des Nettoeinkommens der Durchschnittsbevölkerung haben. Anders als bei der absoluten Armut, wie sie z.B. in Afrika in Form von Hunger und Mangel an (gesundem) Wasser vorkommt, handelt es sich bei der relativen Armut in Deutschland um ein Leben mit dem Allernotwendigsten. Arm bedeutet dann auch für Jugendliche, ausgeschlossen zu sein von Ressourcen, die anderen selbstverständlich verfügbar sind. Dies zeigt sich zum Beispiel, in schlechten Wohnverhältnissen leben zu müssen, keinen Zugang zu hochwertiger Bildung zu haben oder über nicht genügend finanzielle Mittel für Freizeit, Sport, gute Kleidung oder gesundes Essen zu verfügen. Relative Armut ist also nicht unbedingt auf den ersten Blick sichtbar.

"Für mich bedeutet Armut nicht reine Mittellosigkeit. Es sind vielmehr die damit verbundenen Emotionen und die Auswirkungen auf das Leben. Weil ich arm bin, muss ich oft zurückstecken und bin nicht in der Lage in einem Ausmaß am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, wie ich es mir wünschen würde".

12. Mai: Wie kommt es zu Armut bei Jugendlichen?

Die Ursachen für die Entstehung von Armut in unserer Gesellschaft sind vielfältig: Allgemein liegt es an (zum Teil globalen) Phänomenen, Strukturen und Ungleichheitsverhältnissen, die mangelnde Chancengleichheit hervorrufen. Zum Beispiel werden in Deutschland Familien aus ihrem Wohnraum verdrängt, wenn Mieten immens und plötzlich ansteigen und sie sich die neuen Mieten nicht mehr leisten können. Die Folgen sind häufig Wohnungsnot, Abstieg in sozial schwächere Wohngegenden oder sogar Obdachlosigkeit. Die meisten armutsgefährdeten Jugendlichen kommen aus Alleinerziehendenhaushalten (Ein-Eltern-Familien) und aus Familien, die von Arbeitslosigkeit oder niedrigem Einkommen betroffen sind. Das Aufwachsen in ärmeren Familien führt oft zu Problemen des Übergangs von der Schule in den Beruf und zur Arbeitslosigkeit. Die Armut von Jugendlichen ist sehr häufig Familienarmut und nicht selbst verschuldet.

"Es stimmt nicht, dass jeder seines Glückes Schmied ist. Ich habe das Gefühl, ich war von klein auf abgehängt von den anderen, am Rande, gehöre nie richtig dazu."

13. Mai: Wer ist besonders gefährdet, arm zu werden?

Zu den Risikogruppen für Armut gehören besonders Jugendliche aus armen, bildungsfernen und kinderreichen Familien, Jugendliche mit Migrations- und Flüchtlingshintergrund sowie arbeitslose Jugendliche.

"Ich komme aus Syrien. Dort ist Krieg. Meine Familie ist dort, ich bin alleine geflohen. Angst habe ich oft, zum Beispiel, dass ich keinen Job bekomme und irgendwann auf der Straße lande und kein Geld habe."

14. Mai: Was bedeutet "neue/verdeckte Armut" bei Jugendlichen in Deutschland?

Der Name "neue Armut" bei jungen Menschen bezieht sich darauf, dass die Armut in Deutschland trotz wirtschaftlichen Aufschwungs steigt, die Armut in bestimmten Risikogruppen zunimmt z.B. bei Kindern und Jugendlichen, aber auch bei älteren Menschen, und generell in Familien. "Verdeckte Armut" wiederum bedeutet, dass aus Schamgefühl oder Angst vor Sanktionen und Kontrolle Ansprüche auf soziale Leistungen nicht geltend gemacht werden oder Jugendliche versuchen, ihre Armut zu verdecken/zu kompensieren, indem sie sich verschulden, Statussymbole erwerben, um nach außen hin mithalten zu können.

"Ich glaube, ich habe Armut in Deutschland schon mal gesehen, aber ich weiß nicht genau wo."

15. Mai: Welche Folgen hat Armut für junge Menschen in unserer Gesellschaft?

Die Kluft zwischen arm und reich wächst. Immer mehr junge Menschen fühlen sich von der Gesellschaft "abgehängt", haben nicht teil am Wohlstandszuwachs. Es entstehen Gefühle wie Unzufriedenheit, Wut, Ängste, Übervorteilung, Resignation, Hilflosigkeit oder ein "Loosing-Gefühl", das Gefühl, versagt zu haben. All diese Emotionen belasten zusätzlich, erschweren die zentrale Herausforderung der Jugendphase, einen sicheren Platz in der Gesellschaft zu finden, sich selbst zu verantworten und zu positionieren. Dabei besteht schon generell für Jugendliche das Problem, wie Papst Franziskus in seinem Buch "Gott ist jung" (2018) betont, dass die Jugendlichen von heute in einer individualisierten und entwurzelten Gesellschaft aufwachsen. Folgen hat jedes Einzelschicksal für unsere gesamte Gesellschaft, die sich mehr und mehr teilt in "gewinnen" oder "verlieren", in "zugehörig sein" oder "ausgeschlossen sein". Armut ist zudem längst in der gesellschaftlichen Mitte angekommen.

"Ich habe irgendwie aufgegeben, es bringt alles nichts. Ich stehe einfach auf der falschen Seite der Gesellschaft."

16. Mai: Was bedeutet ein Nicht-Teilhaben für junge Menschen?

Oft kommt es zu einem sogenannten "Teufelskreis der Armut": Jugendliche aus Armutsverhältnissen haben häufiger eine schlechtere psychische und physische Gesundheit, eine problembehaftete Bildungsbiografie, geringere Sozialkontakte und müssen im Alltag generell viel mehr (familiäre) Belastungen bewältigen als Jugendliche aus gesicherten finanziellen Verhältnissen. Bildung, Armut und Gesundheit hängen eng zusammen und bestimmen die Teilhabechancen von Jugendlichen in unserer Gesellschaft! Es ist nur sehr schwer, der Armutsspirale zu entkommen.

"Da ich arm bin, habe ich schlechte Zukunftschancen. Meine Gesundheit ist auch nicht gut. Wer arm ist, ist oft krank und hat meist keinen Job."

17. Mai: Was können wir, die Gesellschaft, gegen Armut bei Jugendlichen tun?

Zunächst einmal: WIR alle sind Gesellschaft. Nicht nur die Politik, die Wirtschaft, das Rechtssystem oder die staatlich-sozialen Institutionen tragen Verantwortung. Nicht nur sie sind aufgefordert, aktiv etwas gegen Jugendarmut zu tun, zum Beispiel indem die Ein-Eltern-Familien gestärkt werden oder soziale Unterstützungen und Angebote die spezifischen Bedürfnisse von Jugendlichen berücksichtigen, sondern jeder einzelne von uns! "Es gibt immer jemanden in unserer Nähe, der in Not ist, materiell, emotional oder spirituell" (Papst Franziskus 2015).
In jüngster Zeit zeigte das Beispiel der Tafeln, zu der auch Jugendliche – oft mit großem Schamgefühl – hingehen, um für ein kostenfreies Essen anzustehen, wie prekär die Armutslage in Deutschland ist. Junge Menschen geraten in die Rolle als Bittsteller und in Abhängigkeiten (auch von Sozialhilfe!), sprich in unwürdige Situationen.

"Ich schäme mich einfach."

18. Mai: Wir sollten reflektieren....

Wir sollten unsere Haltung reflektieren und damit auch unser Handeln. Wie gehen wir mit dem Thema Armut in unserer Gesellschaft um? Und insbesondere mit dem Thema armutsgefährdeter Jugendlicher? Holen wir diese Themen aus dem Tabu? Gehen wir auf Betroffene mit Zuwendung und Verständnis zu, frei von Vorurteilen und Diskriminierung? Geben wir ihnen Würde? Begegnen wir ihnen mit christlicher Nächstenliebe? Handeln wir bewusst und reflektieren kritisch, wie wir mit den uns geschenkten Gütern in dieser Welt umgehen? Wie sieht unser Konsumverhalten aus? Laut der Oxfam-Studie 2018 sind genügend Ressourcen in dieser Welt vorhanden – sie sind nur nicht gerecht verteilt!

…und wir sollten teilen…
d.h. in Communio sein, miteinander teilen, die (Über-)Fülle, an der viele von uns täglich teilhaben dürfen. Teilen, nicht nur materiell, sondern auch unsere Achtung, unseren Respekt, unsere Zuwendung und Liebe für jeden Menschen in unserer Gesellschaft, in unserer Welt. Dies heißt auch für die Würde (junger) Menschen aufstehen, die uns brauchen, sich aktiv einsetzen, Fürsprache halten, sie schützen und unterstützen, hinsehen, sie stark machen (Empowerment geben). Hierbei geht der Apell nicht nur an die Erwachsenen, sondern auch an die Jugend selbst. "Habt keine Angst und verändert die Welt", ermutigt der Papst die Jugendlichen. "Eine bessere Welt wird auch Dank Euch, Dank Eures Willens zur Veränderung und Dank Eurer Großzügigkeit, aufgebaut. Habt keine Angst, auf den Geist zu hören, der Euch zu mutigen Entscheidungen drängt […]." (Papst Franziskus 2018).

"Das einzige, was die Armut beseitigen kann, ist miteinander zu teilen." (Mutter Teresa)

19. Mai: Eines Geistes sein: Einbeziehen der Jugend in unsere Gesellschaft

Teilen heißt auch, Einbeziehen der Armen, der Jugend, in unsere Gesellschaft. Keine Grenzen ziehen und Barrieren aufbauen zwischen arm und reich, gleichwertigen Zugang geben, etwa zu guter Bildung, einer der wichtigsten Präventionsfaktoren gegen die Entstehung von Armut. Einbeziehen der Armen beinhaltet im Hinblick auf die Jugend ebenso, sie einbeziehen in soziale und kulturelle Räume und sie befähigen, die Vorteile unser Gesellschaft, der es überwiegend gut geht, zu nutzen. Solidarität und volle Teilhabe bzw. "full inclusion" (UN 2006) ist das entscheidende Konzept gegen Armut. Papst Franziskus empfiehlt in seinem Buch "Gott ist jung" (2018), der Jugend verlässliche Bindungen zu geben, da diese ein bedeutendes Fundament sind, dass Jugendliche reale Lebensperspektiven entfalten können. Die Jugend ist die Hoffnung und Zukunft unserer Kirche und Gesellschaft! "Um Armut zu verstehen, muss man sie berühren, wo auch immer man ihr begegnet " (Mutter Teresa, 1997).

Im Geist der Solidarität mit unserer Jugend beten wir mit den Worten von Papst Franziskus:

"Wir sind also gerufen, den Armen die Hand zu reichen, ihnen zu begegnen, in ihre Augen zu schauen, sie zu umarmen, sie die Wärme der Liebe spüren zu lassen, die den Teufelskreis der Einsamkeit zerbricht. Die Hand, die sie ihrerseits uns entgegenstrecken, ist eine Einladung, aus unserer Sicherheit und Bequemlichkeit auszubrechen. Sie lädt uns ein, den Reichtum zu erkennen, den die Armut in sich selbst bereithält."

Die persönlichen Zitate in diesem Impuls stammen aus einem wissenschaftlichen Projekt mit Studierenden an der Universität Paderborn, Institut für Soziologie.

Zur Autorin

Dr. Bianca Preuß, verheiratet, drei Kinder, beruflich tätig als Wissenschaftlerin, Beraterin/Coachin, Heilpraktikerin (Psychotherapie) mit Praxis in Soest.
Mitglied in der "Lebensgemeinschaft mit den Steyler Missionsschwestern".

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