Trigger
26.06.2019

Reisterrassen im Hinterland der Philippinen

Gewöhne dich niemals daran!

Pauline Metz hat nun fast ein Jahr als Missionarin auf Zeit auf den Philippinen verbracht. In ihrem neuesten Rundbrief appeliert sie an uns alle, sich selbst und das Leben immer wieder zu hinterfragen.

Wenn man einer neuen Kultur begegnet, gewöhnt man sich nach einer Weile an sie.
Man isst mit den Händen, akzeptiert die Luftverschmutzung, lernt die heimischen Früchte zu lieben und ebenso die Musik. Eben genauso, wie man die erste Kultur kennengelernt hat, so kann man auch alle anderen annehmen. Es hinnehmen, dass man den Teller leer zu essen hat, oder eben auf keinen Fall leer essen darf (das gilt auf den Philippinen nämlich oft als Mangelbeweis). Dass man immer Klopapier benutzt, egal wie unangenehm es sein mag in Deutschland oder immer eine Wasserkelle (Tabò genannt) auf den Philippinen.

Es ist leicht, sich an alles zu gewöhnen. Sicher ist es gegebenenfalls mit einem Kulturschock verbunden und man vermisst knackige Brötchen, an die man sich doch schon so lange Zeit gewöhnt hatte, aber es ist einfacher, sich zu gewöhnen, eine so schillernde Kultur anzunehmen, statt selbst eine Brötchenbäckerei im Regenwald zu eröffnen.

Genauso einfach ist es, auch kleine Übel hinzunehmen. Wenn man täglich großes Leid sieht, ist es einfach, abzustumpfen. Es ist auch bequemer. Auf den ersten Blick. Tatsächlich ist es aber anstrengender. Auf den ersten Blick sind die Philippinen ein Entwicklungsland, im Südchinesischen Meer bestehend aus 7641 Inseln, von denen 3144 benannt und ca. 880 bewohnt sind, mit einer Bevölkerung, die sich überwiegend zum Christentum bekennt, und geformt von Jahrhunderter alter Kolonialgeschichte sich den Basketball als Nationalsport erwählte.

Auf den ersten Blick gibt es immer Strand, blauen Himmel, arme kleine Kinder in dünnen Hemden und freilaufende Hunde. Alleine aber schon die Aussage meiner klagenden Nachbarin „Es ist immer zu heiß auf den Philippinen“ zeigt, dass der erste Blick trügen kann. Macht man sich aus der bequemen Stadt am Meer auf eine beschwerliche Reise und folgt den Vulkandampfschwaden in die Berge der Insel, so findet man Orte vor, die so kalt sind, dass man nachts mehrere Decken braucht, um nicht zu frieren. Diese Tatsache führt dann dazu, dass man bei der nächsten 40 Grad Hitzewelle nicht klagt, sondern lachend sich an die Nacht zurückerinnert, als man fast in den Bergen erfroren ist – es ist bequemer zu hinterfragen.

Dann stellt sich nämlich auch her raus, dass einige der ärmlich dünn gekleideten Kinder, sehr reich sind, aber bei der Hitze nicht schwitzen wollen, dass Christsein, nicht unbedingt heißen muss, den Naturglauben ablegen zu müssen, der dann bisweilen größer ist, als der an Jesus. Dann findet man Strände, die überschwemmt sind von Plastikmüll, und Menschen, die sich daran setzen, das zu ändern.

Die Philippinen beherbergen eine Diversität an Sprachen, Natur, Kulturen, Lebenseinstellungen. Im Norden Pinienwälder und kalte Wasserfälle, im Süden pinke Strände und heiße Quellen. Es gibt Orte, in denen man vor lauter Dreck in der Luft schwarze Haare bekommt, und Städte, deren Hauptverkehrsmittel alle mit Strom betrieben werden und die auf Walay-Usik (kein Abfall) setzen. Jede Stadt, jedes Haus, jeder Mensch und jede Faser eines einzelnen Organismus ist unterschiedlich – so ist das überall auf der Welt. Geradezu wundersam.

Letztlich ist es überlebenswichtig – lebenswichtig immer wieder zu hinterfragen. Denn wenn ich das nicht tue, lebe ich nicht mehr. Das ist ein großes Problem. Das offene Geheimnis besteht darin, dass man jeden Tag neu geboren wird – aufwacht und lebt, noch einen Tag geschenkt bekommt. Viele Leute vergessen das und sterben jeden Tag aufs Neue.

Ich habe viele Künstler auf den Philippinen getroffen, die aus ihren Erfahrungen genau das berichten. Es gibt die Möglichkeit, Geld zu verdienen und der Masse zu gefallen, gefällt man aber sich selbst nicht, tut man dem Leben und der Welt keinen Gefallen. Ist es nicht das, was wir eigentlich an Kindern schätzen und von dem wir dennoch so schnell genervt sind – das ständige Hinterfragen? Die Faszination an dem Gegebenen? Heißt Kindsein dann nicht, man selbst sein und kindisch sein, ist die Begabung, sich selbst nicht zu vergessen, sondern immer wieder neu zu entdecken.

Eine empathische Freiwillige hat auf einer ihrer Reisen eine traditionell gekleidete Dame getroffen. Statt mit ihr Fotos vor dem unglaublich schönen Bergpanorama zu machen, begann sie mit ihr zu reden und die Idylle zu hinterfragen. Nach einer halben Stunde wusste sie mehr über den Zerfall der Jahrtausende alten Reisterrassen von Banaue, über die Schattenseiten des Tourismus, die knochenharte Arbeit auf den Reisfeldern, die Schönheit und Gefahr von wilder Natur, die nächtlichen Kälte in den Bergen und den Wandel der Landschaft, den die 90-Jährige erlebt hat.

Nach dem Ersten Weltkrieg wussten die meisten Menschen in Deutschland um das Übel, das geschehen war. Doch in den 1920er Jahren, kam es der Jugend schon wie eine Geschichte aus dem Mittelalter vor, so lange lag das hinter ihnen. Heute liegt der Zweite Weltkrieg über 70 Jahre hinter uns und die letzten Zeitzeugen schwinden. Stimmen werden immer wieder laut, man solle auch mal gut sein lassen dürfen und neu anfangen. Leute vergessen, dass Erinnerungskultur nicht dasselbe ist wie Schuldkultur. Doch überall leuchten die Narben, platzen fast auf.

Manila – die Hauptstadt der Philippinen ist die vom Zweiten Weltkrieg am zweitstärksten zerstörte Stadt der Welt (dicht hinter Warschau). Neue Häuser schießen aus dem Boden, zerschießen grüne Lungen und zerstückeln den Himmel. Wie in Deutschland. Man gewöhnt sich an den Smog, die Menschenmassen und gewöhnt sich auch daran, den kapitalistischen Fraß zu konsumieren, den uns täglich, die durch uns reicher Werdenden schenken.
Es ist nicht gut, sich an alles zu gewöhnen. Es hinzunehmen, dass so viel Essen fünfmal in Plastik verpackt wird und der Nachbar eben etwas gegen Ausländer hat. Wenn man darüber nachdenkt, ist das nämlich schlimm und etwas, das man liebevoll ändern kann.

Ich spüre es selbst. Wenn mir Leute immer wieder sagen, ich sei groß, wie die Luft da oben sei, ob ich etwas davon abgeben könnte, wie das möglich sei – bin ich denn nicht mehr als mein Körper? Wenn mein Vermieter mir immer wieder sagt, meine Familie würde Juden vergasen und er wisse um meine Geschichte – bin ich vielleicht nicht anders, als die Medien es vermeintlich darstellen? Wie oft verhalte ich mich auch so gegenüber der Umwelt?

Ein Auschwitz-Überlebender hat mal auf die Frage „Was ist die Verbindung zwischen dem Holocaust und der Welt heute?“ geantwortet: „Wenn man am Anfang geduldig ist, wenn du Gewalt mitbekommst und hinnimmst, Gesetzesbrüche, Angriffe auf die Demokratie, auf die Menschenrechte; dann ist das der Anfang, von etwas, das am Ende ein Mord sein könnte. Wenn es also irgendetwas gibt, dass auch für dich wichtig ist vom Holocaust, dann ist das: Gewöhne dich niemals daran! Akzeptiere das niemals! Von Anfang an!“- Marian Turski

Wer nichts tut, wird zum Mittäter. Das fängt auf dem Schulhof beim Mobbing an und geht weiter bei der Klimakatastrophe. Wie geht aber hinterfragen? Wie begegne ich Neuem und Fremden? Vor allem wenn ich nicht weiß, ob es eine heilende, süße, bittere oder wohl möglich mir sogar giftige Frucht ist, in die ich da beiße? Anita Lasker-Wallfisch sagte einmal „Hass ist ganz einfach ein Gift und letzten Endes vergiftet man sich selbst“. Das ist es, was ich meine, wenn ich von Menschen schreibe, die jeden Tag sterben. Ein anderer Kreuzweg-Überlebender sagte einmal „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Meiner Meinung nach, ist das die Erleuchtung. Begegne dem Fremden in dir und im anderen mit Liebe.

Ich werde zurückkehren in ein Land, in dem meine Urgroßmutter Brei für unterernährte Kinder kochte, meine Großmutter ein Krankenhaus wieder mi aufbaute, meine Mutter Jeanshosen anzog und in dem mein Urgroßvater mit in den Krieg zog, in den so viele ohne zu hinterfragen, mitzogen. Ich bringe neue und alte Gedanken und Ideen mit. Hoffnungen und ein bisschen Abgestumpftheit. Vor allem bringe ich aber mehr von mir mit, das ich in anderen Menschen wiederfinden durfte. Denn der Mensch wird am Du zum Ich, wenn er sich nie an das, was er sein soll gewöhnt.

Gewöhne dich nie! Lebe lieber ungewöhnlich.

Pauline Metz