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Pia Föhrenbacher - Argentinien: Lebendiger Glaube bringt Energie

Seinen Glauben mit anderen jungen Menschen zu teilen, tut gut, sagt Pia. In ihrem neuen Rundbrief aus Argentinien schreibt sie von einer jungen Kirche, aber auch von den Sorgen der Menschen, die ihren Alltag prägen.

Nein, gerade regnet es mal nicht, aber den Wassermassen, die hier gerne mal vom Himmel herunterkommen, kann ich nun entspannt entgegenblicken, da sich nun unter meiner Kleidungsausrüstung auch ein Paar Gummistiefel befindet, das schon sehr häufig Anwendung gefunden hat.

In Gedanken bin ich aber nicht beim Wetter, sondern bei einem Wochenende, das ich mit 20 weiteren Jugendlichen aus der Gemeinde in der Provinz Chaco, genauer gesagt mehr oder weniger in der Stadt Resitencia, verbracht habe. Dort fand ein Treffen der Region Argentinien Nord-Ost der Salesianer statt und eingeladen waren alle, die Woche für Woche in den Gemeinden, Kapellen, etc. verschiedene Oratorios vorbereiten.

Noch einmal kurz zur Erklärung: Die Gemeinde San Miguel, in der ich aktiv bin, ist eine salesianische Gemeinde. Dieser Orden wurde von Don Bosco in Italien in Hinblick auf Kinder- und Jugendarbeit gegründet. Im Mittelpunkt stand schon immer das Oratorio, welches nicht nur „orare“ (beten) bedeutet, sondern Vieles mehr: ein Frühstück oder Nachmittagssnack (hier wird es Merienda genannt), Spiele, thematische Einheiten… Nun hat sich aus der Gemeinde eine Gruppe der Jugendlichen zusammengefun-den, die sich dieses Wochenende gemeinsam auf den Weg gemacht hatten.

In 8 der 13 Kapellen der Gemeinde finden jedes Wochenende Oratorios für die Kinder aus dem Viertel statt, ich bin im Oratorio Misionero aktiv. Immer noch bin ich voller Freude und Energie aus diesen Tagen, in der ich ein weiteres Mal erleben und miterleben durfte, wie jung und aktiv die Kirche sein kann. Der Austausch mit anderen Jugendlichen und das Kennenlernen anderer „Realitäten“ waren unglaublich spannend. Neben praktischen Workshops zur Planung eines Oratorios gab es auch Spiele, spiri-tuelle Einheiten und vor allem eine Band, die das ein oder andere Kirchenlied rockig umsetzte und einige „Don Bosco-Klassiker“ spielte, sodass der Saal bebte.

Genauso gut in Erinnerung habe ich die „semana santa“ (heilige Woche), also die Kar- und Ostertage. Nun sind wird zwar schon im Monat Mai, aber den Palmsonntag, an dem ich mit ECHTEN PALMZWEIGEN vor der Kirche (drinnen war kein Platz mehr ;)) stand, werde ich wohl nicht mehr ver-gessen. Auf dem Vorplatz wurden auch einige Stände aufgebaut, da wir nach jedem Oratorio süße Kleinigkeiten verkauft haben, um die „Kasse“ aufzubessern, soll heißen, dass die Anschaffung eines neuen Fußballs nun möglich ist oder auch das Kaufen von Süßigkeiten für Feste (sehr wichtig ;)!) Durch Prozession und Messe hatte der ein oder andere Gottesdienst-besucher ziemlich viel Hunger und wir haben schlussendlich alles verkauft - das war aber auch lecker!

Ein weiteres großes Erlebnis in dieser Woche war die „Vigilia“ (Nachtwache) von Gründonnerstag auf Karfreitag. Schon lange im Voraus hatten wir diese Aktivität geplant und dann war die Vorfreude schließlich auch ziemlich groß. Die Nachtwache haben wir gemeinsam mit vielen Jugendli-chen aus benachbarten Gemeinden, Vierteln, etc. verbracht, schlussendlich kamen sicherlich 70 Menschen zusammen. Es ging ziemlich flott im Schulhof der angrenzenden Schule los, sodass mir einer der Pfarrer, Padre Nestor, auffiel, der auf dem Weg zu dem Haus, in dem die Pfarrer leben, wie angewurzelt stehen blieb und mich erschrocken fragte, wie man denn in dieser Nacht Musik, vor allem solch flotte Musik spielen könnte. Er beantwortete aber selbst die Frage mit den Worten: „Gott weiß schon was er tut“.

Und ja, auf diese Weise kamen wir an viele Jugendliche heran und am Morgen des Karfreitags endete dann alles ruhig in der Kirche - was nicht nur daran lag, dass so langsam aber sicher alle müde wurden. Es war für mich ein intensives Durchleben der Kartage. Die anschließende Karfreitagsliturgie mit „Viacursis viviente“ (gelebter Kreuzweg) stellte eine intensive Begegnung mit der Liturgie für mich dar. Eine Gruppe von Jugendlichen stellte den Kreuzweg auf dem Vorplatz einer Kapelle dar, jede Station wurde von einer aktuellen Intention begleitet. Karsamstag fuhren wir zu dem Haus der Eltern einer Schwester der Kommunität, da wir an diesem Tag ihren Geburtstag feierten. Daher verbrachte ich die Osternacht in der Gemeinde dort und den Ostersonntagsgottesdienst feierte ich in einer kleinen, angrenzenden Kapelle mit knapp 15 Leuten.

In meinen Projekten ist für mich wieder etwas der Alltag eingekehrt, was aber trotzdem bedeutet, dass jeder Tag irgendwie etwas anders ist und seine Überraschungen bereithält. Im Hogar, dem Haus, in dem Mädchen ohne ihre Eltern leben, ist die „Familie“ größer geworden und zwei Schwestern wohnen nun seit knapp zwei Wochen mit den anderen Mäd-chen. Neben dem Lernen und den Hausaufgaben finden wir zum Glück noch genug Zeit zum Spielen und Kochen, da ich gerne die regionalen Rezepte lerne. Genauso genieße ich die Tage im Kindergarten, an denen ich mal in der Gruppe der Einjährigen und mal in der Gruppe der „Größeren“ bin. Es ist ein Geschenk, die Kinder nach der Eingewöhnungsphase nun glücklich zu sehen und ihr Lachen zu hören - ja sie sind angekommen im Kindergarten. Genauso die Schüler in Don Bosco, einige besuchen die Schule schon länger, aber es gab dennoch viele neue Gesichter. Mir macht es Spaß mit den Kindern zu arbeiten und etwas für Englisch zu begeistern ;). Das klappt mal mehr und mal weniger, aber wenn dann an Regenta-gen wie gestern nur wenige Schüler da sind und der Englischworkshop eigentlich ausfällt, weil aus der Klasse nur genau ein Schüler gekommen ist, aber zwei Mädchen die Workshop wechseln, um mit mir Englisch zu machen, dann freue ich mich umso mehr und genieße die Zeit mit den Kindern.

Am 1. Mai stand hier alles still, es wurde gestreikt, aber wir waren froh, dass es schlussendlich nur ein Tag war, da der Generalstreik eigentlich für zwei Tage angesetzt wurde. Warum ich euch das erzählen möchte, ist ganz einfach, der Alltag geht weiter, wird aber immer mehr durch die anhaltende starke Inflation geprägt. Die Preise steigen mit dem Dollar und wenn ich an einer Wechselstube im Zentrum vorbeilaufe, erschreckt mich der Wechsel von Peso zu Euro. Letzte Woche ist der Dollar wieder gestiegen und zum ersten Mal habe ich davon gehört, dass nun das Yerba Mate (für den Mate-Tee), das hier nun mal ziemlich wichtig ist, teurer geworden ist. Die Erfahrung, dass das Eis 50 Pesos kostet, aber beim nächsten Mal schon 55 Pesos, ist intensiv. Ja, es ist nur Eis und es sind „nur“ 5 Pesos, aber diese Erlebnisse häufen sich. Es ist neben den kommenden Präsidentschaftswahlen ein sehr präsentes Thema in den Gesprächen der Menschen und eben auch im Alltag. Ich weiß nicht wie präsent diese Entwicklung in den Medien in Europa ist, aber es gehört hier zu meinen Leben und Erfahrungen.

Wie immer vergeht die Zeit viel zu schnell und ich übe mich darin, jeden Tag zu genießen. So langsam kommen wir wirklich im Herbst an und ja, hier blühen jetzt auch die Astern und es ist Avocado-Zeit :D Unglaublich, wenn man diese Frucht aus dem eigenen Garten essen kann!!

Bis bald
Eure Pia