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Annalena S. - Argentinien: Missionarische Weihnachten

"Por fin vacaciones…!" Das heißt: endlich Ferien!, und die Kinder freuen sich darüber, wie wohl überall auf der Welt. Die letzten Monate vergingen für mich wie im Fluge, und ich stellte mit Erschrecken fest, dass ja die Weihnachtszeit schon wieder (fast) vorbei ist. Das neue Jahr 2017, was wird es bringen? Sicherlich viele neue Erlebnisse und Erfahrungen mit den Menschen hier – und ich freu mich drauf.
Ferien haben hier begonnen, aber das sind die Sommerferien und sie dauern bis Ende Februar/Anfang März. Davon können die Schüler in Deutschland nur träumen. Wer aber schon einmal die sommerlichen Temperaturen von Misiones erfahren konnte (so um die 35 – 40°C), der versteht, dass man hier im Sommer beim besten Willen nicht lernen kann und in der Mittagshitze einfach nur Siesta angesagt ist.

Seit Ende Oktober habe ich einen neuen zusätzlichen Arbeitsbereich: Wegen fehlenden Personals begann ich in dem Kindergarten "Nuestra Señora de Schoenstatt" mitzuarbeiten. Dort betreue ich zwei mal pro Woche morgens mit einer anderen Mitarbeiterin zusammen eine Gruppe von ca. 20 Kleinkinder im Alter von ein bis zwei Jahren.
Die meisten der Kinder dort kommen aus ärmeren Familien, wo es üblich ist, Gewalt anzuwenden. Und das wirkt sich auch deutlich in ihrem Verhalten aus. Entsprechend mühsam ist es, ihnen einen gesunden Respekt und Umgang beizubringen. Leider kommen sie nicht alle regelmäßig, wodurch es mir schwer fällt, die Namen aller Kinder zu merken. Natürlich gibt es auch hier wie in jeder Gruppe ein paar Kinder, die besonders auffallen und deren Namen man sich dann doch leichter merken kann.
Auch wenn es sich nicht nach viel Arbeit anhört, haben wir immer etwas zu tun: das Frühstück und Mittagsessen geben, die Kinder beim spielen beaufsichtigen, ab und zu mal etwas basteln, singen oder tanzen mit den Kindern usw. - und immer wieder bei Konflikten einschreiten, ihnen zeigen, wie man Dinge auch friedlich lösen kann.
Es ist mühsam, aber doch schön: Denn selbstverständlich gibt es auch immer wieder besondere Momente, wie zum Beispiel die Freude über ein gelungenes Krippenspiel oder auch einfach nur das strahlende Lächeln über einen geschenkten Keks.

Drei Monate Ferien – das bedeutet aber nicht, dass ich die Zeit in dem schönen Garten der Schwestern verbringe. Denn auch in dem Heim für Straßenkinder, der Fundación "Tupá Rendá", genießen es die Kinder, nicht jeden Tag Hausaufgaben machen zu müssen. Und so verbringen wir die Nachmittage mit verschiedenen Aktionen, beim Sport, wie zum Beispiel Volleyball oder auch einfach nur am Fluss Paraná herumstrolchen.
Gerade aktuell erlebe ich noch eine besondere Tradition: Es ist üblich, den 15. Geburtstag eines Mädchens besonders groß zu feiern - es ist sozusagen ein Initianstionsritus, wo das kleine Mädchen zur "jungen Frau" wird. Und die Ausmaße, die ich bisher erleben durfte, gleichen schon fast einer Hochzeit.
Mariana wird bald 15, und wir versuchen auch im Heim diesen Geburtstag besonders festlich zu gestalten. So sind wir zum Beispiel gerade dabei viele verschiedene Sterne für die Dekoration zu basteln, da sie sich dieses Motto gewünscht hat.

Unterdessen hat sich im Heim für die Kinder einiges verändert. Zum einen sind die Jungen in ein anderes Heim mit älteren Jungen zusammen gezogen, wodurch in dem Heim, das ich besuche, nun nur noch Mädchen wohnen. Und es gab noch ein großes, wunderschönes Ereignis. Zwei Kinder im Alter von vier und sieben Jahren wurden von einem Ehepaar adoptiert. Was war das für Freude für die beiden Mädchen! Vor allem, da sie Weihnachten auch schon in ihrer neuen Familie verbringen konnten.

Weihnachten – nicht im Winter, sondern im Hochsommer! Sicherlich fragt ihr euch, wie ich Weihnachten und die Adventszeit hier erlebt habe. Kaminfeuer, Glühwein, Plätzchen und sonstige sämtliche Bräuche, die ich gewöhnt bin, gibt es hier nicht zu finden. Aber der Kern von Weihnachten, Jesus Christus, bleibt natürlich der gleiche. Und das durfte ich auf eine ganz besondere Weise erleben.
Wie schon im letzten Rundbrief erwähnt, bin ich Teil von zwei Missionsgruppen, mit denen ich nun kurz vor Weihnachten "auf Mission" gegangen bin. Damit wird eine Aktion beschrieben, in der man in seiner Gruppe in ein (armes) Dorf geht und dort die Menschen besucht und ihnen den Glauben wieder näher bringt. Jede Gruppe hat ihren eigenen Charakter und Stil, die Mission zu gestalten. So war für mich eigentlich die ganze Adventszeit geprägt von den Vorbereitungen zu unserer Mission.

Zunächst zur Mission mit der Jugendgruppe meiner Gemeinde: Sie fand in einem ärmeren und abgelegenen Viertel des Dorfes San José statt. Da die Gruppe ja zu einer Gemeinde von Salesianern gehört, lag der Fokus vor allem darauf, die Kinder und Jugendlichen zu erreichen - offensichtlich funktioniert es am besten mit Essen, Liedern und Spielen.
So war auch das Erste, was wir machten, mit der Gitarre singend und tanzend durch das ganze Viertel zu laufen und alle zu begrüßen. Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Manche wirkten verschlossen, andere grüßten glücklich zurück und ein paar Kinder schlossen sich sogar unserem Rundgang an.
Der essentielle Teil, der zu jeder Mission gehört, sind die Hausbesuche, bei denen wir in Kleingruppen die Leute besucht, ihnen zugehört und einen geistlichen Impuls gegeben haben. Auch hier gab es ganz unterschiedliche Reaktionen: Menschen, die sich in ihren Häusern versteckten, bis hin zu Menschen, die uns schon sehnsüchtig erwarteten. Für die Kinder und Jugendlichen ist der Höhepunkt mal wiederum das "Oratorio", welches bei den Salesianern nie fehlt und aus Liedern, Spielen, geistlichen Impulsen und natürlich einem Snack besteht.
Anschließend feierten wir Gottesdienst mit dem ganzen Viertel. Es war so unglaublich schön zu sehen, wie sich bei einigen die anfangs schüchternen und auch traurigen Blicke in der kurzen Zeit in Offenheit, Freude und Begeisterung verwandelten. So fiel auch den meisten der Abschied am letzten Tag sehr schwer. "Estaremos de vuelta – wir kommen wieder!" Das war die gute Nachricht. Denn es steht schon der Plan, dass die Mission in diesem Viertel weitergeführt wird und wir somit im nächsten halben Jahr alle wieder begrüßen können.

Für mich ging es am nächsten Morgen um 6 Uhr gleich weiter zur nächsten Mission - diesmal mit Schwester Catalina und der Missionsgruppe des Colegios "Santa María". Nach rund drei Stunden Fahrt kamen wir im Einsatzort "Paraje La Uva" an. Der Ort ist das komplette Gegenteil zur Stadt. Das "Dorf" besteht aus 24 Familien und zum Nachbarn muss man in vielen Fällen zu Fuß erstmal 20 bis 30 Minuten durch den für Misiones so typischen "Selva" (tropischer Wald) laufen.
Das hielt uns aber keinesfalls davon ab, alle Familien (in Kleingruppen) zu besuchen. (Viele Menschen dort haben bisher nur selten und sehr wenig von Jesus Christus und seiner Frohen Botschaft für uns Menschen gehört). Auch am zweiten Tag, an dem wir die Naturgewalten von Misiones mit heftigem Regen erfahren durften, machten wir uns auf, um die Familien zu besuchen. Überall wurden wir dankbar empfangen, und trotz der - aufgrund des Regens schwierigen Wege, kamen sie am Nachmittag zur Kapelle, um mit uns gemeinsam einen Gottesdienst zu feiern und Zeit zu verbringen.

Wir hatten uns für diese Mission ein Ziel gesetzt: Wir wollten den Leuten die Bedeutung von Weihnachten näher bringen und mit ihnen auch schon Weihnachten feiern.
So bereiteten wir ein Krippenspiel für sie vor und feierten einen Weihnachtsgottesdienst mit ihnen. Auch hatten wir für jedes einzelne Kind ein Geschenk, und für die Eltern gab es Geschenke in Form von Kleidung und "Pan Dulce" (ein süßes Brot mit getrockneten Früchten, ähnlich dem deutschen Früchtebrot oder dem Panettone, das hier an Weihnachten traditionell gegessen wird).
Die strahlenden Augen der Kinder und die dankenden Blicke der Eltern waren unbeschreiblich und für uns selber ein großes Geschenk. So fiel uns auch bei dieser Mission am letzten Tag der Abschied sehr schwer.

"Stille Nacht, Heilige Nacht… !" Drei Tage später, am 24. Dezember feierten wir dann natürlich auch bei uns in der Kommunität Weihnachten mit Gottesdienst, besonders leckerem Essen und Anstoßen um 24 Uhr. In Gedanken war ich allerdings immer noch bei den Menschen, denen ich in den beiden Missionen begegnen durfte. Wir durften ihnen das Kind in der Krippe bringen und konnten Jesus in der gemeinsamen Weihnachtsfreude in unseren Herzen nach Hause tragen.
Ich weiß jetzt schon, dass ich diese Weihnachtszeit nie vergessen werde, in der ich Gottes Sohn einmal auf ganz andere Art und Weise durch die Begegnung mit so vielen verschiedenen Menschen erleben konnte. So war es dann auch nicht ganz so schlimm, einmal in dieser Zeit auf meine Familie verzichten zu müssen. Denn die Vorfreude, mit ihnen nächstes Jahr Weihnachten umso mehr genießen zu können, ist jetzt schon groß.

Veröffentlicht: 16.01.2017 / Martin Eibelsgruber

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