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Annalena S. - Argentinien: Von Neuanfängen und Veränderungen

Der Wecker klingelt. 6 Uhr morgens. Nein, ich kann nicht mehr länger schlafen, auch wenn ich mich noch gerne unter der warmen Decke vor der kühlen Morgenbrise verstecken würde. Moment mal: "Kühle Morgenbrise?!" Ja, der Sommer ist vorbei und der Herbst hat sich angekündigt und die Tage werden wieder kürzer. "Herbst" bedeutet eigentlich nur, dass die Temperaturen ein wenig sinken, was aber nicht unbedingt heißt, dass man tagsüber vor Hitze verschont bleibt.
Die langen Sommerferien sind nun vorbei und im gemeinsamen Morgengebet mit den Schwestern begrüßen wir den neuen Tag. Ja, nicht nur im gemeinsamen Morgengebet, sondern auch im sonstigen Alltagsleben hat sich alles wieder eingespielt.

Im Heim für Straßenkinder hat auch die Schule begonnen. Wie überall auf der Welt heißt das nun: Zuerst die Hausaufgaben – und dann erst das Spielen. Sogar die kleine fünfjährige María, unser neuer Zuwachs im Heim, darf schon zur Schule.  Es war etwas sehr Besonderes für mich, zu erleben wie sie sich schon in der kurzen Zeit im Heim entwickelt hat; von einem kleinen verängstigten, schüchternen Kind zu einem freudestrahlenden, lebendigen und offenen Mädchen; und das, obwohl sie keine Eltern mehr hat.
Mit der Zeit sind wir alle miteinander gleichsam zu einer "Familie" zusammengewachsen, denn auch die anderen Mädchen werden immer offener und vertrauensvoller. Wenn ich daran denke, dass ich mich in vier Monaten von ihnen verabschieden muss, bekomme ich heute schon feuchte Augen.

Vor einigen Wochen kam eine ältere Dame aus der Gemeinde auf mich zu und fragte, ob ich nicht Lust hätte, auf ihrem Keyboard Musik zu machen, sie könne es jetzt nicht mehr gebrauchen. War das eine freudige Überraschung! Und so gibt es für mich jetzt für den Rest der Zeit ein paar Veränderungen. Statt im Kindergarten "Nuestra Señora de Schoenstatt" mit den Kleinkindern bringe ich mich nun viel mehr in unserer Gemeinde ein. Wir haben jetzt eine kleine Musikgruppe und dürfen die Gottesdienste musikalisch mit Gitarre, Keyboard und  Gesang unterstützen. Und es gibt sehr viele schöne argentinische Kirchenlieder, die von der Gemeinde gerne gesungen werden.
Seit kurzem verbringe ich zwei Mal pro Woche den Morgen in der Grundschule "Don Bosco", die zu unserer Kirchengemeinde gehört. Hier gibt es für die jüngsten Schüler im Unterricht etwas Besonderes: Als Ausgleich zum Lernstoff werden immer wieder musikalische "Breaks", das heißt Pausen, eingelegt.  Da wird nicht nur gesungen, sondern ich bin für sie da, um ihnen zuzuhören, sie zu begleiten oder etwas mit ihnen zu spielen; was eben gerade nötig ist, ganz nach dem Beispiel des Hl. Don Bosco.
Das Schöne hierbei ist, dass ich auch noch die Möglichkeit und Freiheit habe, das über den Unterricht hinweg auszubauen, zum Beispiel mit Klavierunterricht für musikbegabte Kinder oder durch Gründung einer Ministrantengruppe, denn in der Gemeinde gibt es noch keine.

Auch in der Gemeinde selbst brachte das neue Jahr Veränderungen. Der alte Pfarrer hat sich in den Ruhestand verabschiedet und ein neuer ist gekommen: Padre Andrés del Campo leitet nun die Gemeinde und wurde mit der Investitur unter der Obhut des Bischofs eingeführt.
Zur großen Freude aller Gemeindemitglieder wurde diese Messe bereits im neu renovierten und vergrößerten Kirchengebäude abgehalten, welches allerdings noch nicht ganz fertig ist, aber schon erahnen lässt, wie schön es werden wird. Der Grund des Anbaus ist, dass die Gemeinde in den letzten Jahren stark gewachsen ist und es nicht mehr genug Platz für alle in der Kirche gab. So wurde dann mit der Mitwirkung der Gemeinde dieses Projekt auf die Beine gestellt.
 
Nach den Ferien haben auch die  Kinder- und Jugendgruppen der Gemeinde wieder begonnen, mit neuen Ideen und Vorsätzen. So haben wir uns mit der Missionsgruppe zum Beispiel vorgenommen, nach Möglichkeit jeden Monat einmal in einer "Mission" Jesus den Menschen näher zu bringen. In der Passionszeit haben wir das auch gleich schon umgesetzt. Am ersten Aprilwochenende ging es samstags nach Itaembe Guazú, das ist das neueste Viertel von Posadas. Hier entsteht die jüngste Kirchengemeinde der Stadt gleich auch noch mit einer Besonderheit, denn sie hat als Patron den argentinischen Pfarrer "Cura Brochero", der im letzten Jahr heiliggesprochen wurde. 
Diese Gemeinde ist die allererste überhaupt, die diesen Heiligen als Patron hat. Doch leider wissen die meisten dort gar nichts von Jesus Christus, geschweige denn von den Heiligen. Viele wollen nichts mit dem Glauben zu tun haben, und so war unsere Hauptaufgabe dieser ersten Mission, dort die Häuser zu besuchen und die Menschen über den Sinn der Passionszeit und den Veranstaltungen in der Karwoche zu informieren und sie einzuladen.

Die letzten Wochen vor Ostern vergingen wie im Fluge mit den Vorbereitungen für die Kar- und Osterzeit. Auch wenn die Liturgie hier im Grunde die gleiche ist wie in Deutschland, war es für mich noch einmal ein ganz tiefes Erlebnis, auf das ich jetzt noch etwas genauer eingehen möchte. Angefangen hat diese besondere und intensive Woche mit dem Palmsonntag, wo ich zum ersten Mal mit einem richtigen Palmzweig in der Hand „Hosanna“ singen konnte. Bis zum Gründonnerstag waren wir dann die ganze Zeit damit beschäftigt die Jugendvigil, die die Jugendlichen hier jedes Jahr von Gründonnerstag auf Karfreitag veranstalten, vorzubereiten. Traditionsgemäß geht es um die Nachtwache im Garten Gethsemane mit Jesus: „Bleibet hier und wachet mit mir!“, aber noch viel mehr, mit anderen Jugendlichen das Geschehen vor 2000 Jahren gleichsam als Teilnehmer zu verfolgen und davon betroffen zu werden. Die Ereignisse der Karwoche einmal anders – und vor allem jugendgerecht zu erleben, jeweils in der Thematik einer der Kreuzwegstationen, bzw. der Passionsgeschichte:  Angefangen mit Palmsonntag, der Einzug des König Jesus in Jerusalem, über die Fusswaschung mit dem letzten Abendmahl bis schliesslich zur Kreuzigung und Auferstehung Jesu – alles in der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag.
Wir hatten viele Jugendliche angesprochen und es kamen auch viele, manche in der typischen "Null-Bock"-Haltung, Kapuze tief über den Kopf gezogen, Hände tief in den Hosentaschen oder verschränkten Armen. Es war unglaublich zu beobachten, wie viele dieser Jugendlichen sich dann innerhalb der sechs Stunden verwandelten, wie sie letztendlich alle vor Jesus auf die Knie gingen und beteten.
Wir merkten, wie wichtig es ist, selbst mit dem Herzen dabei zu sein, dass alles nur gut wird, wenn es mit viel Liebe im Blick auf Jesus vorbereitet wird. Besonders stark hat mich persönlich Passion und Kreuzigung Jesu berührt. Vier Stationen des Kreuzweges wurden lebendig, mit Schauspielen, Standbildern und dazu passenden Liedern dargestellt. Einfühlsame Lichteffekte halfen, sich noch besser in die Situation hineinfühlen zu können.
Nach ein paar wenigen Stunden Schlaf dann die Karfreitags-Liturgie am Nachmittag. Mit all den Erfahrungen der Jugendvigil im Herzen konnte ich sie (ebenso wie die Jugendlichen) noch einmal ganz anders erleben. Der anschließende lebendige Kreuzweg durch die Straßen des Viertels hinterließ ebenfalls noch einmal einen kräftigen Eindruck. Den Tagesabschluss bildete ein Treffen der jungen Erwachsenen der Gemeinde, in dem wir die Möglichkeit hatten, all das Erlebte der Karwoche mit den anderen zu teilen.

Beim feierlichen Höhepunkt, der Osternachtsmesse, hatte ich wiederum die Ehre, im Gottesdienst mit dem Keyboard mitzuwirken. Zur Feier des Tages gab es eine besonders große Musikgruppe inklusive Chor, sodass das Musizieren noch mehr Freude machte, vor allem da die Lieder durch die südamerikanischen Rhythmen noch fröhlicher wirken. Sogar die Heiligen-Litaneien wurden im typisch lateinamerikanischen Cumbia-Rhythmus gesungen. Dass die Messe über zwei Stunden ging, hat man gar nicht richtig wahrgenommen.  Die Freude war vor allem für uns Jugendliche doppelt so groß an diesem Tag. Zum einen natürlich die Auferstehung des Herrn und zum andern ließen sich drei unserer Jugendlichen und ein Junge des Oratorios taufen.

Auch in der Kommunität feierten wir natürlich fröhlich Ostern, mit Besuch von einigen Steyler Schwestern und der Salesianer-Kommunität aus der Gemeinde. So konnten  wir dann auch dort noch in einer großen Runde die Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus feiern.
Ich bin mir sicher, dass ich noch nie eine so wunderschöne und intensive Karwoche erlebt habe und ich bin wirklich unglaublich dankbar für diese Erfahrung, das Leiden, den Tod und die Auferstehung Jesu hier mit den Menschen vor Ort teilen zu können.
Ich hoffe, ich konnte Euch ein wenig daran teilhaben lassen durch meinen Bericht, den ich mit dem typischen Ruf für heute beschließen möchte: "Christus ist auferstanden! Der Herr ist wahrhaftig auferstanden!"

Veröffentlicht: 23.04.2017 / Martin Eibelsgruber

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