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Anja Bagehorn - Bolivien: Zahnprothesen zaubern ein Lächeln

Mein Jahr hier in Bolivien neigt sich dem Ende zu und nun steht schon der letzte Rundbrief an, denn in etwas weniger als einer Woche lande ich wieder in Deutschland. Meine letzten Monate hier haben noch einige Highlights mit sich gebracht.
Mit der Abreise der letzten Zahnärzte Juliane und Herbert im April stand im Consultorio (Zahnarztpraxis) eine Pause an. In diesen sechs Wochen blieben die Türen der Praxis erstmal geschlossen. Also ging es für mich wieder in den Kindergarten, die Pirwa. Wir haben inzwischen einige neue Kinder dazubekommen, auch von weiter weg, die jetzt mit ihren Hausaufgaben oder ihren Spielen Leben ins Projekt bringen.

Als im Mai in der Pirwa die Ferien anstanden, bekam ich noch eine tolle Chance, hier ein paar ganz andere und besondere Erfahrungen zu sammeln. Ich konnte für eine Woche auf den Campo, also in die ländlichen Regionen, fahren und Johanna, eine meiner Mitstreiterinnen in ihrem Projekt in Titagallo besuchen.

Titagallo ist ein Internat, das von Steyler Schwestern geleitet wird. Dort können die Kinder, die weit weg wohnen, sehr günstig unterkommen und werden von den Schwestern betreut und gefördert. Die Schule, die die Kinder tagsüber besuchen, ist gleich in der Nähe des Internatsgebäudes.
Die Kinder in Titagallo sind total lebhaft und fröhlich. Ich war beeindruckt davon, wie gut die Abläufe dort funktionieren und wie motiviert sich alle einbrachten.
Am 26. Mai, meinem letzten Tag in Titagallo, gab es noch ein großes Fest. In Bolivien fällt der Muttertag auf diese Zeit und die Kinder haben ihre Tänze vor ihren Müttern aufgeführt, die extra aus den Dörfern gekommen waren.
Die Kinder hatten schon die ganze Woche über fleißig trainiert und lieferten ein tolles Schauspiel mit den Volkstänzen.

Und schließlich ging es auch schon wieder zurück nach Huancarani. Die Ankunft der nächsten Zahnärzte Anfang Juni stand bevor und es gab noch einiges vorzubereiten.
Am sechsten Juni, konnten wir die Praxis auch schon wieder öffnen. Mit der neuen Zahnärztin kamen auch wieder viele Patienten und als eine Woche später auch der Techniker nach Huancarani kam, war das Wartezimmer wieder voll.
Das Angebot für placas, also herausnehmbare Teilprothesen, die gezogene oder herausgefallene Zähne ersetzen können, sorgte hier für Begeisterung und immer mehr Patienten können so wieder mit einem breiten Grinsen die Praxis verlassen.

Hier haben auch schon viele junge Leute einschließlich einiger Teenager ein Problem mit Zahnverlust. Oft sorgt eine unbehandelte Karies oder ein Unfall dafür, dass schon 18-Jährige nicht mehr alle Zähne haben, im schlimmsten Fall fehlen sogar schon die Frontzähne.
Gerade bei solchen Patienten ist es eine besondere Freude, wenn wir die fertige placa einsetzen können.

Es ist unglaublich, was für einen Unterschied schöne Zähne machen können. Kein Wunder, dass das erste Lächeln vorm Spiegel mit den neuen Zähnen hin und wieder sehr emotional abläuft.
Die Dankbarkeit und die Freude dieser Patienten, genauso wie derer, denen wir auf anderweitig helfen können, ist das größte Geschenk, dass die Arbeit hier mit sich bringt.

In einem Anflug von Wagemut machten wir uns im Juni auch auf zu einem ganz besonderen Abenteuer: dem Aufstieg auf den Pico Tunari, einen 5.030 m hohen Berg, der zu der Gebirgsgrenze gehört, vor der sich die Wolkendecke über dem Regenwald abregnet – deshalb ist es in den Gebieten hinter dieser Grenze, unter anderem in Cochabamba, auch meist trocken.
Ich hatte mir den Aufstieg um einiges leichter vorgestellt, aber die Mühe lohnte sich.
Der Ausblick von oben über ganz Cochabamba war einfach atemberaubend. Umkreist von einem der seltenen und riesengroßen Andenkondore war man auf dem Gipfel dieses unglaublichen Berges wie in einer anderen Welt.

Aber auch kulturell ließ Bolivien im Juni keine Wünsche offen.
Am 21. Juni gab es ein großes Fest, das año nuevo aymara, also Neujahr. Bolivien liegt ja auf der Südhalbkugel der Erde, deshalb sind die Jahreszeiten genau umgekehrt zu denen in Deutschland. Der Juni ist einer der kältesten Monate und im Hochsommer, also Dezember und Januar, kann es auch mal richtig heiß werden, wenn nicht gerade die Regenzeit für Überschwemmungen sorgt.
Jedenfalls wollten wir uns diese besondere Feier natürlich nicht entgehen lassen, also machten wir uns zu dritt, Selina, Anna (auch eine unserer Freiwilligen, die gerade mit in Huancarani mithalf) und ich am Morgen um vier Uhr vor dem Sonnenaufgang auf nach Inkarakay.
Inkarakay ist ein Berg in der Nähe von Huancarani, der sich über die ganzen kleinen Dörfer in der Umgebung erhebt und ebenfalls ein Erbe aus der Inka-Kultur birgt.

Das Ritual wird eigentlich die ganze Nacht über abgehalten. Die Menschen steigen schon am Vorabend auf den Berg und warten mit Lagerfeuern und in Zeltlagern den Sonnenaufgang ab.
Weil es aber erschreckend kalt in der Nacht wird, verzichteten wir dann doch lieber auf das Eis-Camping. Aber auch am frühen Morgen gab es einiges zu sehen. Es schien, als wäre der Berg von Lichtpunkten übersät. Auf dem Gipfel waren im Halbdunkel so viele Lagerfeuer angezündet, dass sie wie gelbe Sterne wirkten.
Und als dann die Sonne den Horizont immer heller zu färben begann, begann das Ritual. Fünf Lamas wurden auf die dem Sonnenaufgang zugewandte Seite des Berges gebracht und als ein Opfer für das beginnende Jahr geschlachtet. Die armen Lamas taten mit natürlich leid, aber die Atmosphäre an diesem Ort und die ehrfürchtige Spannung der Menschen, die das Ritual vollzogen, waren eine einmalige und ganz besondere Erfahrung.
Was ich allerdings nicht erwartet hatte, war, dass das Blut der geschlachteten Lamas zur Segnung der Anwesenden in die Menge gespritzt wurde. Lamablut geht nur sehr schwer wieder aus der Kleidung raus.

Anschließend wurde der erste Sonnenaufgang des neuen Jahres mit erhobenen Händen und zur Sonne geneigten Handflächen erwartet. Alle standen in dieser Haltung da, bis sie die Gipfel der Berge erklommen hatte und der erste Tag dieses Jahres begann.
Ein Fest, komplett anders als das Silvester mit dem Feuerwerk bei uns und doch stand es dem in seiner besonderen Weise in nichts nach.

Und schließlich endete der Monat und auch der Dienst der Zahnärztin ging zu Ende.
Katrin, eine Jungzahnärztin, kam für vier Wochen und gemeinsam kümmerten wir uns um die Praxis. Fast gemeinsam mit Katrin beendete dann auch meine Mitbewohnerin Selina ihren Dienst und nach fast einem ganzen gemeinsamen Jahr trennten sich nun leider schon unsere Wege.
Für mich ging mein Einsatz aber noch ein bisschen weiter und auch mit Hisham, dem neuen Zahnarzt, ging es wieder an die Arbeit.

Und schon war wieder August, mein letzter Monat in Bolivien brach an. Im August standen wieder einige Feste an: der sechste August, der Nationalfeiertag, und der 15. August, der große Tag der Virgen de Urkupiña, der Patronin des Departamentos Cochabamba.
Der sechste August wurde groß mit beeindruckenden Paraden und Blaskapellen gefeiert. Hisham und ich reisten an diesem Wochenende nach Sucre, die Hauptstadt Boliviens. Sucre war mir von Anfang an eine sehr sympathische Stadt. Sie ist sehr klein und sauber, wesentlich kleiner als der Regierungssitz La Paz.
Zurück in Cochabamba ging es wieder weiter im Arbeitsalltag, bis schließlich auch Hisham seinen Dienst hier beendete. Mit seiner Nachfolgerin Victoria werde ich nun in meiner letzten Woche hier zusammenarbeiten.

Am vergangenen Wochenende war hier nochmal ganz Cochabamba auf den Beinen. Grund war die große Feier der Virgen de Urkupiña.
Jedes Departamento, also jedes "Bundesland", von Bolivien hat seine eigene große Feier. So gibt es zum Beispiel den Karneval in Oruro im Februar oder den Gran Poder in La Paz im Mai.
Die Virgen de Urkupiña ist eine Mariendarstellung, wie es sie ebenfalls in jedem Departamento, jedes Mal ein bisschen unterschiedlich, gibt. Die Feier der Virgen in Quillacollo, einer kleineren Stadt in der Nähe von Cochabamba, ist eine der wichtigsten Feiern hier.
Marienverehrung ist in Bolivien sehr ausgeprägt, auch dadurch, dass sich der ursprüngliche Glaube an die Mutter Erde, die Pachamama, mit dem christlichen Glauben vermischte und nun Maria auch mit in der Rolle der Pachamama gesehen wird.

Anlässlich dieses Festes gibt es auch tagelange Feiern und Paraden, in denen zahlreiche Tanzgruppen in bunten und aufwändig bestickten Kostümen die verschiedensten bolivianischen Tänze aufführten. Zwei Tage dauern die Paraden und schon Wochen vorher beginnen die Vorbereitungen und Feste.
Die aufwendige und farbenfrohe Parade lockte die Bewohner aus ganz Bolivien in das kleine Quillacollo und füllte die Straßen mit tausenden Zuschauern und hunderten Händlern.

Für mich war es nochmal ein besonders schöner Abschluss, ein so großes Fest direkt vor der Haustür zu haben und so noch ein letztes Mal während meiner Zeit hier direkt an einem solchen kulturellen Highlight teilhaben zu können.
Und schon steht das Ende meines Jahres hier an, in dem ich so viel lernen durfte und ein Teil der Gemeinschaft wurde, in der ich lebte und arbeitete. Jetzt möchte ich gerne nochmal die Gelegenheit nutzen, Danke zu sagen.


Veröffentlicht: 18.08.2016 / Martin Eibelsgruber