Trigger

Isabel H. - Rasend verfliegt die Zeit

Während im Dezember in Deutschland das Thermometer mit etwas Glück mal +10°C anzeigt, zeigt sich der Frühling in Cochabamba/Bolivien von seiner schönsten Seite. Bis jetzt habe ich nur selten schlechtes Wetter erlebt. Dabei sehnt man sich von Tag zu Tag mehr nach einem typisch norddeutschen Regentag.
Normalerweise dauert die Hauptregenzeit in Bolivien von November bis Februar. Aber auch hier hat sich der Klimawandel bemerkbar gemacht. Der Regen lässt lange auf sich warten und bleibt auch nicht lang genug, um den völlig ausgetrockneten Boden zu bewässern.
Die Wasserknappheit ist ein alltägliches Gesprächsthema. Das Land ist trocken und insbesondere in der Stadt Cochabamba verfügt ein Großteil der Bevölkerung nicht mehr über ausreichend Wasser.

In Cochabamba macht sich die Wasserknappheit besonders in dem ärmeren Süden bemerkbar, während das Stadtzentrum und der Norden schon überwiegend an die öffentliche Wasserversorgung angeschlossen sind.
Das Projekt Fénix der Stiftung "Estrellas en la Calle" befindet sich im Süden Cochabambas. Um das wenige Wasser nicht zu verschwenden, werden die Kinder des Projektes immer wieder auf einen sorgfältigen Umgang mit dem Wasser hingewiesen. Seit zwei Wochen gibt es aber gar kein Wasser mehr im Projekt und somit sind wir gezwungen aus dem Notfalltank Wasser zu schöpfen, um wenigstens fürs Kochen und Abspülen über ausreichend Wasser zu verfügen.

Nun habe ich schon angefangen, ein wenig von dem einen Projekt der Fundación (Stiftung) zu erzählen. Ich werde in diesem Rundbrief auf die Fundación "Estrellas en la Calle" mit ihren zwei Projekten Coyera/Wiñana und Fénix eingehen. Für das Verfassen des Briefes habe ich mir ein wenig mehr Zeit gelassen, denn erst nach drei Monaten Erfahrung gelingt es mir, einigermaßen präzise über die Arbeit der Fundación zu berichten.
Ich brauchte viel Zeit, um mich einzugewöhnen, um die Personen kennenzulernen, um die Arbeitsweise der Fundación zu verstehen und um nach und nach eigene Aufgaben übernehmen zu können.

Die Fundación "Estrellas en la Calle", eine private und gemeinnützige Organisation (NGO), hilft seit 2005 Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und Familien, die unter schwierigen Bedingungen in Cochabamba leben. Sowohl das Projekt Coyera/Wiñana als auch das Projekt Fénix arbeitet mit Personen, die in Armut oder extremer Armut leben und/oder durch Drogenmissbrauch, Prostitution sowie sexuelle und häusliche Gewalt gefährdet sind.
Fénix ist ein Zentrum, ein Betreuungsangebot für Kinder und Jugendliche, die aus dysfunktionalen Familien stammen, also wo das Familienleben nicht ausreichend trägt. Täglich von 08:30 Uhr bis 17:00 Uhr betreut das Projekt Kinder und Jugendliche zwischen drei und achtzehn Jahren. Für die Kinder und Jugendlichen ist Fénix ein Ort zum Spielen und zur Entwicklung ihrer Fähigkeiten. Ihre Eltern gehen in dieser Zeit ihrer Arbeit nach.

Zu Beginn meiner Zeit im Projekt erklärte mir Alina Arellano, die Leiterin des Projektes Fénix, mit welchen Motiven sie Fénix gegründet haben:
"Wir haben Fénix gegründet, um die Kinder, die mit ihren Eltern auf der Straße lebten, zu betreuen und zu beschützen. Am Anfang sind wir zu den Orten gegangen, wo sie mit ihren Eltern lebten, haben die Kinder ins Projekt gebracht, denn unser erstes Ziel war die Verteidigung der Rechte der Kinder.
Viele unserer Familien sind Alkoholiker. Eltern, die Alkohol konsumieren und dabei ihre Kinder vergessen. Dies möchten wir selbstverständlich verhindern und somit arbeiten wir nicht nur mit den Kindern selbst, sondern bieten außerdem Workshops für die Eltern an.
Wir wünschen uns, dass unsere Familien in Gesundheit und Frieden leben, dass sie erkennen, dass die eigene Familie das Wichtigste ist und dass sie verstehen, dass ihre Kinder die Motoren ihres Lebens sind.“

Am Vormittag gibt es im Projekt vier verschiedene Gruppen mit insgesamt über 60 Kindern. Am Nachmittag schaut das Ganze ein wenig anders aus: Wenn alle Kinder kommen, sind es insgesamt 15. Ich arbeite meistens am Nachmittag im Projekt Fénix, komme gegen 14 Uhr im Projekt an, teile das Mittagessen aus und bete mit den Kindern. Anschließend wäscht jedes Kind seinen Teller ab, putzt sich die Zähne und macht seine Hausaufgaben. Meist bitten mich die Kinder, ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen.
Danach schauen wir spontan, was wir mit den Kindern machen können. Oft toben wir einfach im Innenhof, andere Male spielen wir auf der "Cancha" (Sportplatz) Fußball und wieder andere Male zeichnen wir, basteln wir, tanzen wir, singen wir oder bieten einen Workshop über Krankheiten, Hygiene, Gewalt an. Gegen 16 Uhr wird ein kleiner Nachmittagssnack vorbereitet und anschließend erledigen die Kinder ihre "Oficios" (Dienste wie Innenhof fegen, Küche wischen, Bad putzen, Müll wegbringen und anderes).

Die ersten Arbeitswochen sollte ich ausschließlich beobachten: das Verhalten der Kinder und Jugendlichen, die Arbeitsweise des Teams, die Aufgaben von Praktikanten und Freiwilligen etc.
Mittlerweile bin ich zusammen mit einem anderen Freiwilligen für die Nachmittagsaktivitäten verantwortlich. Die Arbeit mit den Kindern bereitet mir viel Freude. Wenn ich im Projekt ankomme, stürmt meist das erste Kind auf mich schon zu und schreit "Señorita". Denn nicht immer bekommen die Kinder von ihren Eltern die benötigte Aufmerksamkeit und Liebe, weshalb sie einen oftmals um nicht mehr als eine Umarmung bitten.

Das Projekt Coyera arbeitet mit Personen, die auf der Straße leben. Nicht selten haben sie mit Drogen- und Alkoholproblemen, Gewalt und sexuellem Missbrauch zu kämpfen. Sehr beliebte Drogen sind Alkohol und Klebstoff. Der Klebstoff dient eigentlich zum Reparieren von Schuhen. Viele konsumieren ihn aber zur Unterdrückung des Hungergefühls und zur generellen Betäubung.
Von ihren Familien verlassen, versuchen sich viele dieser Personen als Schuhputzer, Windschutzscheibenputzer, als Ausrufer in Bussen oder einfach als Bettler.
Coyera arbeitet mit dem Ziel, Kindern, Jugendlichen und Familien durch Aktivitäten, bestehend aus physischen, kognitiven und kreativen Elementen, und durch Gespräche Werte zu vermitteln und sie dazu zu motivieren, sich kleine Ziele zu setzen, diese zu erreichen und somit Schritt für Schritt das Straßenleben hinter sich zu lassen.
Mit diesem Arbeitsmotiv besuchen wir täglich verschiedene Gruppen. Das Team, mit dem ich zusammenarbeite, besteht aus sechs Personen: zwei Sozialarbeitern, einem Psychologen, einem Pädagogen, einem Arzt und dem Verantwortlichen.

Das Projekt Wiñana begleitet diejenigen, die bereits ihr Leben auf der Straße verlassen haben. Man könnte das Projekt eigentlich mit den Worten "Resozialisierung und Wiedereingliederung in die Gesellschaft" beschreiben. Denn diese Personen werden unterstützt in der Wohnungs- und Arbeitssuche, motiviert, ihre Süchte zu bekämpfen und Rückfälle vorzubeugen. Einzelne Personen werden auch finanziell gefördert, um Arztbesuche, Medikamente, Lebensmittel, Babynahrung etc. bezahlen zu können.

Das Projekt Coyera/Wiñana ist sehr dynamisch. Kein Tag gleicht dem anderen. Dies liegt zum einen an dem täglichen Wechsel der Gruppen und zum anderen auch daran, dass ich nicht jeden Tag mit den Gruppen (Coyera), sondern manchmal auch mit einem der beiden Sozialarbeiter Personen des Projektes Wiñana in ihren Häusern besuche.
Die Arbeit mit den einzelnen Gruppen findet immer an einem anderen Ort statt. Dort angekommen beginnen wir mit einer Aktivität, helfen bei Kreuzworträtseln, spielen Uno oder lackieren die Fingernägel der Mädchen. Die Idee dabei ist, dass man langsam die Personen kennenlernt, ihr Vertrauen gewinnt und ihnen ein offenes Ohr bietet.
Und trotz der vielen neuen, einzigartigen Erfahrungen merke ich doch immer wieder, wie heftig einige Tage doch sind. Insbesondere wenn eine große Menge an Alkohol oder anderen Drogen konsumiert wurde, erschwert sich die Arbeit mit den Personen.

Im Großen und Ganzen geht es mir hier in Cochabamba sehr gut. Ich habe mich schnell an das neue Umfeld angepasst und fehlen tut es mir bisher eigentlich an nichts… außer vielleicht an Zeit. Die vier Monate sind rasend schnell verstrichen. Und insbesondere der November und Dezember waren geprägt von der Arbeit, den Weihnachtsvorbereitungen und den täglichen Tanzstunden für die "Entrada Universitaria" (Tanzparade)  der Universität "Mayor de San Simón".
In Bolivien gibt es eine Vielzahl an Volkstänzen. Die Tradition der indigenen Bevölkerung spiegelt sich in zahlreichen folkloristischen Festen wieder. Dazu zählen unteranderem der Karneval von Oruro, die Entrada (Parade) der Jungfrau Maria von Urkupiña.

Eine Entrada in Tiquipaya, zu Ehren der Erzengel Michael, Gabriel und Raphael, gab mir die Möglichkeit die verschiedenen traditionellen Tänze Boliviens kennenzulernen und insbesondere "Chacarera" lieben zu lernen. Getanzt wird dieser ursprünglich aus dem Norden Argentiniens stammender Tanz in Paaren. Die Männer Steppen in erster Linie, dem sogenannten "Zapateo". Bei dem "Zarandeo" der Frauen geht es hauptsächlich ums Schwingen des Rockes und um Drehungen.
Insgesamt einen Monat habe ich mit Studenten der Universität "Mayor de San Simón" die insgesamt fünf Parte des Tanzes eingeübt. Am 9. Dezember war es dann soweit. Mit 50 anderen Tanzgruppen tanzten wir durch die ganze Stadt.

Neben meiner regulären Arbeit hatte ich in letzter Zeit noch zwei weitere Projekte am Laufen. Im Projekt Fenix hat eigentlich jedes Kind einen finanziellen Unterstützer, der die Kosten für Kleidung, Schulmaterialien etc. übernimmt. Nun wurden für zwei Kinder neue Unterstützer gesucht, weshalb wir eine Art Vorstellungsvideo für diese beiden Kinder gedreht haben.
Ich habe mit viel Freude dabei geholfen die beiden Videos zu schneiden und in insgesamt drei Sprachen zu übersetzen. Dennoch bitte ich um einen sorgfältigen Umgang mit den persönlichen Informationen des Mädchens.

Das zweite Projekt war in Zusammenarbeit mit Schwester Theresa und der Praktikantin Sol. Wir haben ein Angebot für Personen des Projektes Wiñana erstellt, bei dem sie sich und ihre Kinder taufen lassen können. Es wurde eine Katechese für drei Sonntage vorbereitet, bei der wir gesungen, getanzt und natürlich über die Bedeutung der Taufe, der Sakramente und des Glaubens gesprochen haben.
Das war für mich eine sehr schöne Erfahrung, denn bei der Katechese hat man gesehen, dass Bolivien doch ein sehr katholisches Land ist. Auch wenn diese Familien in extremer Armut leben, glauben sie. Die einen mehr und die anderen weniger, aber dennoch hatten alle ein großes Interesse an der Taufe ihrer Kinder.

Veröffentlicht: 16.02.2018 / Martin Eibelsgruber

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