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Josefine N. - Bolivien: Vor Ort bei den Menschen auf der Straße.

Nachdem wir zwei Wochen lang zur Sprachschule gegangen sind, haben Elisa (meine Mit-MaZlerin) und ich endlich die Fundación (Stiftung) kennengelernt. Die letzten zwei Wochen haben wir dort das Projekt Coyera kennengelernt, über das ich in diesem Brief gerne mehr berichten würde.

"Coyera" ist ein Wort, dass auf der Straße benutzt wird und "Freund" bedeutet. Das fasst dieses Projekt eigentlich auch schon wunderbar zusammen, denn es geht in erster Linie darum, Freunde für die Menschen zu sein, die auf der Straße leben. Wir arbeiten mit Jugendlichen und Erwachsenen und teilweise auch Kindern und ganzen Familien zusammen. Ich durfte schon viele verschiedene Menschen kennenlernen, die mir ihre Geschichte erzählt und mich in ihrer Mitte aufgenommen haben. Ich war angenehm überrascht, wie offen gerade die Erwachsenen mit mir gesprochen haben und mir gesagt haben, dass sie dankbar dafür sind, dass ich so ein Jahr mache. Ich bin so viel jünger als sie und trotzdem begegnen sie mir sehr ernsthaft und aufgeschlossen. Dafür bin ich unglaublich dankbar.
Es ist auch sehr anrührend die anderen Mitarbeiter zu beobachten. Wir haben zum Beispiel einen Arzt in der Fundación, der immer unauffällig gezielt Leute aus der Gruppe beiseite nimmt und sich mit ihnen unterhält. Danach weiß er dann immer, wie es ihnen gesundheitlich geht, ohne dass es jeder mitbekommen muss. Er hat ein gutes Gespür für die Menschen und hat auch immer ein Auge auf uns.

Der Arbeitstag sieht bei Coyera immer unterschiedlich aus. An jedem Wochentag werden andere Gruppen auf der Straße besucht und Unterschiedliches unternommen. Es wird zusammen gespielt, gesungen, gegessen oder Sport gemacht. Aber auch aufklärende und informative Aktionen haben ihren Platz. Interessant ist, dass wir aktiv zu ihnen auf die Straße gehen. Das bedeutet: Wir sitzen dann z.B. auf der Grünfläche in der Mitte eines Kreisverkehres zusammen und erzählen dort. Um uns herum herrscht reger Straßenverkehr, es wird gehupt und ein Auto nach dem anderen rauscht an uns vorbei. Ich muss zugeben, dass die Lautstärke die Kommunikation erschwert, die sowieso für mich zu Beginn noch recht schwierig ist. Doch gleichzeitig tauchen wir so viel tiefer in die Welt der Menschen ein und können ihnen besser auf Augenhöhe und als Freunde begegnen.

Letzten Mittwoch waren wir alle zusammen bei einem Vortrag für Kinderrechte, der drei Schlagwörter als Leitfaden hatte:
Presencia, Compasión, Liberación – frei übersetzt mit Präsenz, Mitgefühl, Freiheit.
Diese drei Worte drücken auch die Vorgehensweise der Fundación und des Projektes Coyera aus. Coyera möchte vor Ort bei den Menschen auf der Straße sein, mit ihnen das tun, was ihnen Freude bereitet, verstehen, was die Menschen fühlen und erleben – und ganz wichtig: ihnen die Entscheidung für die Zukunft überlassen. Die Intention des Projektes ist, dass die Menschen von sich aus sagen, dass sie nicht mehr auf der Straße leben möchten. Sie sollen merken, dass es etwas gibt, für das es sich zu leben und zu kämpfen lohnt, und dass sie niemals alleine sind. Treffen die Jugendlichen und Erwachsenen diese Entscheidung selber, dann ist es viel mehr wert und zeigt auch viel mehr Wirkung. Grundlage und Motivation dieser Philosophie ist die christliche Nächstenliebe, die ich jeden Tag erleben darf. Ob durch aufmunternde Worte oder Scherze, kurze, aber intensive Berührungen oder einfach nur das Beisammensein.

Das Schönste ist, dass sich dieser Umgang miteinander auch außerhalb der Arbeit fortsetzt. Die Leute aus Coyera sind wie eine Familie, die sich gegenseitig unterstützt, miteinander lacht und Erlebnisse teilt. Eigentlich fällt mir nicht auf, dass man gerade arbeitet, weil die Atmosphäre immer herzlich und locker ist. Die Arbeitszeiten sind hier zwar sehr dehnbar und die Organisation wirkt auf mich eher chaotisch, aber das hilft mir wenigstens geduldiger zu werden und den Moment mehr zu genießen. Wenn es heißt, dass wir uns um acht Uhr treffen, dann kann es auch schon mal neun oder halb zehn werden. Doch dann hat man in dieser Zeit die Gelegenheit mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen oder einfach mal seine Umgebung bewusster zu beobachten und wahrzunehmen. Ich gebe zu, dass mir die Geduld gerade in den ersten zwei Wochen hier noch sehr gefehlt hat, aber was nicht ist, kann noch werden. Außerdem habe ich dafür nun ein Jahr Zeit.

Manchmal machen wir mit den Gruppen von der Straße auch größere Ausflüge und von einem würde ich gerne noch erzählen. Letzte Woche sind wir aus der Stadt heraus in die Berge gefahren. Dort sind wir mit zwei erfahrenen Leuten aus einer anderen Organisation geklettert. Mit Seilen gesichert durfte jeder, der wollte, an einer steilen Bergwand hochklettern. An einigen Stellen war es ganz schön schwierig und so war es sehr schön zu beobachten, wie die Jugendlichen sich gegenseitig ermutigt und sich geholfen haben. Es war eine Herausforderung für die Jungs und man konnte sehen, wie manche über sich hinausgewachsen sind. Zwischen uns und den Jungen waren für mich an diesem Tag keine Unterschiede mehr spürbar. Wir saßen nebeneinander, haben das Gleiche gegessen und sind zusammen geklettert. Am Ende gab es dann noch eine Abkühlung im See und eine Reflexionsrunde, in der auch die, die Angst hatten, es mutig zur Sprache gebracht haben.
Erst als wir alle müde im Auto saßen und ich mich auf mein Bett gefreut habe, habe ich den großen Unterschied zwischen uns und den Jungen wahrgenommen. Ich konnte in das Haus in mein Zimmer zurückkehren, während sie zurück auf die Straße gingen. Sie hatten an dem Tag alles dabei gehabt, was sie besaßen. Einige einen Rucksack, andere nur ihre Utensilien zum Autoputzen. Das hat mich in dem Moment schon hart getroffen und ich habe mich gefragt, wie viel Wirkung Coyera eigentlich hat. Das Projekt schafft es nicht, alle Kinder und Jugendlichen von der Straße zu holen, jedem ein neues Zuhause zu geben oder bei einem Entzug zu unterstützen. Aber wenn wir mit dem Auto durch die Stadt fahren, wird unsere Fensterscheibe überdurchschnittlich oft geputzt, weil wir bei jedem anhalten, um zu quatschen und ihnen wenigstens einmal an diesem Tag anstatt eines genervten Kopfschüttelns oder abwertender Blicke ein Lächeln zu schenken. Wenn man dann ein Lächeln und einen Handschlag zurückbekommt, dann merkt man, dass das Projekt doch eine Wirkung hat. Dass unser Verhalten, unsere aktive Nächstenliebe, ein klein wenig Licht in das Dunkel der Straßen bringt.