Trigger

Josefine Naton - MaZ in Bolivien: Sehnsucht nach Glauben

Es ist kaum zu glauben, aber das Jahr 2018 steht tatsächlich schon am Ende und morgen Nacht dürfen wir schon wieder in ein neues Jahr starten. Wie immer in dieser Zeit schaut man ein wenig zurück und reflektiert, guckt aber auch in die Zukunft, macht sich tolle Vorsätze und hofft, das irgendwie alles ein wenig anders, ein wenig besser, ein wenig märchenhafter wird. In diesen Tagen hänge ich mit meinen Gefühlen immer ein wenig in der Luft. Das alte Jahr ist irgendwie vorbei, aber das Neue hat auch noch nicht wirklich angefangen.
Allerdings ist für mich dieses Mal auch das ein wenig anders. Es fühlt sich an, als hätte die Zeit sich verschoben, denn meine Zeitrechnung ist im Moment mein Jahr in Bolivien und das ist noch nicht vorbei. Wenn ich zurückblicke und reflektiere, dann fühlt es sich zwar an, als wäre ich schon eine Ewigkeit hier, doch es sind gerade mal vier Monate. Ich durfte schon so viel erleben, Menschen kennenlernen, Lebensgeschichten hören, in die Kultur eintauchen und auch in das ein oder andere Fettnäpfchen treten. Es war alles ein wenig anders, ein wenig besser und ein wenig märchenhafter als sonst und ich gehe davon aus, dass es 2019 so für mich weitergehen wird.

In diesem Rundbrief möchte ich von meinem Glauben erzählen. Einige haben es mitbekommen, andere nicht, aber es ist so, dass ich schon bevor ich nach Bolivien geflogen bin, mitten in einer Glaubenskrise war. Mit meinem Plan vor Augen, ein MaZ-Jahr zu machen, meinen Freiwilligendienst hier also bewusst mit Gott an meiner Seite zu begehen, hat mich das noch mehr verzweifeln lassen. Wie kann ich denn ein MaZ-Jahr machen, wenn ich vielleicht gar nicht mehr an Gott glauben kann? Durch verschiedene Gespräche bin ich dann aber mit der Zuversicht und Hoffnung in dieses Jahr gestartet, dass ich vielleicht genau dieses Jahr brauche, um meinen neuen Zugang zu Gott zu finden. Ich habe mich also gleichzeitig mit Angst, aber auch großen Hoffnungen auf den Weg gemacht.
Zuerst, muss ich zugeben, wurde ich allerdings enttäuscht. Die Sonntagsgottesdienste hier in unserer Gemeinde sind nicht anders, als ich sie aus Deutschland kenne. Wenn ich sie mit unserer Kirchengemeinde vergleiche, eher noch etwas strenger, frommer und für mich anstrengend mitzuverfolgen. Ich hatte also auf der einen Seite all die Zweifel und Fragen und auf der anderen Seite eine Kirchengemeinde und Gottesdienste, in die ich mich nicht so recht einfinden wollte und aus denen ich nicht schaffte, etwas mit in meinen Alltag zu nehmen. Diese ganze Situation hat mich nicht selten vom Schlafen abgehalten. Ich merke deutlich, wie mir etwas fehlt, eine starke Stütze, die auf einmal droht wegzubrechen. Doch gerade in diesem Jahr, wo ich vor so vielen Herausforderungen stehe, vielen neuen Situationen und fremden Menschen begegne, bräuchte ich diesen Halt.

Dann allerdings kam die erste K'oa in der Fundación (Stiftung, meinem Projekt), an der ich teilnehmen durfte, und es war für mich persönlich ein wunderschönes und sehr spirituelles Erlebnis. Es ist meistens schon dunkel, wenn wir alle zusammen um ein kleines Feuer herumstehen und die ersten Töne der Panflöte erklingen. Etwas heiser und fremd bekomme ich jedes mal eine Gänsehaut, wenn ich diese Musik höre. Wenn man mich nach der Kultur fragen würde, sind diese Klänge, der Rhythmus und die Melodien das erste, was mir einfällt. Zusammen wird um das Feuer herum im Kreis Musik gespielt und auch ein wenig getanzt. Danach kommt es zum eigentlich Ritual. Zwei Frauen und zwei Männer tragen das Tuch mit der K'oa zum Feuer. Man kann K'oas zu jedem beliebigen Anlass feiern. So haben wir zum Beispiel zum Jahresabschluss eine K'oa gefeiert, um für alles Gute des vergangenen Jahres zu danken und uns nochmal daran zu erinnern und schließlich auch Gutes für die kommende Zeit zu erbitten. Man kann für Gesundheit, eine Geburt oder Zusammenhalt bitten. Es geht alles Mögliche und immer ist die K'oa dann anders zusammengesetzt. Es sind verschiedene Gaben, die auf die Gluten gelegt und damit der Pachamama geopfert werden. Schnell steigt weißer Rauch auf, der uns alle umhüllt und so eine kleine süßliche Note hat. Jeder der möchte, darf nun etwas sagen. Ich war bei meiner ersten K'oa sehr aufgeregt, trete dann aber trotzdem nach vorne und danke für die Herzlichkeit, die uns in der Fundación entgegengebracht wird, und für die Chance überhaupt dieses Jahr hier in Cochabamba machen zu dürfen.

Am Ende schenke ich der Pachamama vier Schlücke meines Getränkes, die ich um das Feuer herum verteile und alle um mich herum antworten mit "Allalla" das meinen Dank und meine Bitten nochmal bestätigen soll und zum Ausdruck bringt, dass wir alle zusammen sind. Nach der K'oa wird weiter Musik gemacht, getanzt, getrunken und erzählt. Es ist eine wunderschöne Gemeinschaft und ein besonderes Lebensgefühl, das hier deutlich wird.

Die Pachamama ist keine Gottheit, die verehrt wird. Sie ist die Muttererde und steht für die ganze Natur, das als ein schöpferisches Element des christlichen Gottes gesehen werden kann. Es ist super interessant, denn hier kommen Christen, Atheisten und die Menschen, die noch mehr in dem alten Glauben verwurzelt sind, zusammen und bringen alle ein Stück ihres Inneren, ihrer Sehnsucht zum Ausdruck und teilen es untereinander. In diesen Nächten fühle ich mich Gott immer sehr nahe und bin mir sicher, das mein Glaube eine Berechtigung hat, dass meine Sehnsucht ihr Ziel in Jesus Christus finden kann und ich es vielleicht doch irgendwann schaffe, all die Verzweiflung und das Kopfzerbrechen hinter mir zu lassen.

Hier in Bolivien ist es nicht sehr angesehen, wenn man sagt, dass man nicht glaubt. Es besteht gesellschaftlich noch ein gewisser Druck, dass man sein Kind taufen lässt und Christ ist. Ich habe mich hier schon mit vielen verschiedenen Menschen über ihren Glauben unterhalten. Einige beeindrucken mich, weil sie einen wirklich starken Glauben haben, den sie auch komplett so leben und dahinter stehen. Etwas, das mir wohl noch schwer fällt. Andere dagegen entgegnen mir auf meine Fragen mit dem einfachen Satz, weil es so ist. Man müsse doch glauben. Das führt dann eher zu hitzigen Diskussionen. Der Einzige, der mir bisher offen gesagt hat, dass er nicht an Gott glaubt, ist ein Franzose, der auch bei uns in der Fundación arbeitet. Man sieht also, dass hier auch wieder unterschiedliche Länder oder Kulturen eine Rolle spielen beziehungsweise Erziehung und Gesellschaft.  

Die Fundación arbeitet nach der christlichen Philosophie der Nächstenliebe und lebt den christlichen Glauben auch wie selbstverständlich in ihrer Arbeit. Hier berührt es mich oft, wenn ich mit Coyera auf der Straße unterwegs bin und hier den Gott nochmal ganz neu als eine große Hoffnung erlebe. Es hat einen ganz anderen Beigeschmack, wenn hier im Gottesdienst Gott für unser Leben gedankt wird oder einer der Menschen, die auf der Straße wohnen, beim Essen mir gegenübersitzt, die Augen schließt und Gott  für einen weiteren Tag dankt, an dem er leben darf. Dankbarkeit und Demut lerne ich hier nochmal ganz neu kennen und jeden Tag wird mir klar, dass nichts selbstverständlich ist.
Immer wieder merke ich, dass ich persönlich Gott hier einfach in keiner Kirche finde, dafür umso mehr auf der Straße und in der Gemeinschaft mit anderen Menschen. Wenn ich mir vor Augen führe, dass Gott in jedem von uns Menschen ist, dann hört man plötzlich auf zu streiten, gibt man sich mehr Mühe das Gegenüber zu verstehen, überlegt man dreimal mehr, was man sagt, und interessiert sich ehrlicher für andere Menschen. Auch mir wird dieses Gefühl entgegengebracht und dafür bin ich sehr dankbar.

Vielleicht brauche ich also dieses Jahr tatsächlich und irgendwann bin ich bereit mein Herz zu öffnen und Jesus wieder in mein Leben zu lassen.