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Julia N. - Bolivien: Weniger ist Mehr – Leben auf dem Campo

Hier bin ich nun – angekommen, in meinem neuen Zuhause für ein Jahr. Gut genau genommen, bin ich schon ein paar Monate in Bolivien. Aber nach dem Sprachkurs, dem Visumsstress und der Eingewöhnungszeit in Sopachuy kann ich jetzt guten Gewissens sagen, mich zuhause zu fühlen.

Zurzeit sind gerade Sommerferien in Bolivien. Das bedeutet, dass im Comedor (meiner Einsatzstelle) keine Kinder sind.
Mein normaler Tagesablauf beginnt mit einem gemeinsamen Frühstück im Comedor. An zwei Tagen in der Woche besuche in dann mit den Kindern die örtliche Grundschule und helfe aus, wo ich kann. Um ein Uhr gibt es Mittagessen und anschließend beginnt die Hausaufgabenbetreuung.
Die Kinder sind sehr fleißig, wobei es natürlich auch Phasen gibt, in denen man ein bisschen "rumblödeln" muss, denn wer hat als Kind schon gerne Hausaufgaben gemacht?

Der Comedor der Josefsschwestern in Sopachuy ist gerade deshalb so wertvoll, weil die Kinder, deren Familien auf dem Campo (etwa: dünnbesiedelter ländlicher Raum) leben, so die Möglichkeit bekommen, eine gute Schulbildung zu haben, Hilfestellung bei fächerspezifischen Fragen zu erhalten und geregelte Mahlzeiten einnehmen können.
Viele bleiben während der Schulzeit bei Verwandten, um nicht jeden Tag mehrere Stunden bei jedem Wetter einen langen Weg zur Schule zurücklegen zu müssen. Einige haben allerdings nicht die diese Möglichkeit und haben daher die Chance im Internatteil des Comedors unterzukommen.
Die erste Zeit, die ich im Comedor und mit den Kindern verbracht habe, wusste ich zwar, dass die Kinder ein anderes Leben führen und anders aufwachsen, als ich es erlebt habe. Und ich konnte mir vorstellen, wie es wohl sein wird. Aber ich habe nicht verstanden, wie es tatsächlich ist.

Kurz vor Weihnachten bekam ich nun die Gelegenheit, eine Woche bei einer Familie eines Kindes zu verbringen. Morgens wurden Theresa und ich mit dem Auto der Schwester auf das Campo gefahren, was an sich schon echter Luxus ist.
Denn die Bewohner des Campos, die sogenannten Campesinos, besitzen in der Regel keine Transportmittel außer die eigenen Füße. Einige Familien können noch auf ein Motorrad zurückgreifen oder per Pferd ins Dorf reiten. Aber ansonsten bleibt nur die Alternative zu laufen und zu hoffen, dass ein Auto vorbeifährt und gegebenfalls noch einen Platz frei hat.
Daher hatten wir wie gesagt, die Luxusvariante auf das Campo zu gelangen.

Dort angekommen wurden wir erstmal freundlich mit einem Essen begrüßt, dass der Sohn des Hauses gekocht hat. Zu diesem Zeitpunkt dachten wir noch, es wäre schon das Mittagessen gewesen, was sich später allerdings als falsche Annahme herausstellte.
Zunächst einmal haben wir in einem kleinen Waldstück Feuerholz zum Kochen gesammelt und auf unseren Rücken zum Haus transportiert.
Da zu diesem Zeitpunkt die Kartoffeln auf dem Feld reif waren, gingen wir daran, diese zu ernten, was trotz der immer schwächer werdenden Sonne, äußerst anstrengende Arbeit war. Besonders der älteste Sohn, mit nur elf Jahren, war uns weit vorraus und hatte den Dreh schon sehr gut raus.

In den darauffolgenden Tagen kamen uns dann auch weitere Familienmitglieder zur Hilfe, damit das Feld rechtzeititg beendet werden konnte.
Mehr Leute bedeutete auch, dass mehr Essen vorhanden sein musste. Dieses bereiteten wir zusammen im Haus der Großmutter zu. Die Männer der Familie haben in dieser Zeit weiterhin Kartoffeln geerntet und alle Frauen haben gemeinsam gekocht.

Wie eben schon angemerkt, gab es bei uns sehr viele Mahlzeiten auf dem Campo, was angesichts des anstrengenden Tagesablaufs auch verständlich ist. In der Frühe um vier/halb fünf wird aufgestanden und um circa sechs Uhr wird zum ersten Mal gefrühstückt.
Später gibt es dann um zehn ein zweites Frühstück und um ein Uhr das Mittagessen. Zwischen vier und fünf Uhr folgt dann das erste Abendessen und daraufhin um acht Uhr das zweite.
Das schöne an den Mahlzeiten ist, dass die Familie zusammenkommt und jeder dem anderen was zu erzählen hat.

Nach der Woche, die wir auf dem Campo verbringen durften, bin ich begeistert von dem Familienzusammenhalt und der immensen Kraft, die jeder einzelne aufbringt, damit die Arbeit erledigt wird.
Und damit sind nicht nur die Erwachsenen gemeint, sondern auch besonders die Kinder, für die es selbstverständlich ist, ihren Eltern zu helfen.
Und das alles in so einer harmonischen und liebevollen Atmosphäre, die mich beeindruckt hat.
Jeder erscheint mir hier glücklich mit dem, was er hat, und ich kann keinen Drang nach mehr erkennen. Der allgemein bekannte Ehrgeiz in Deutschland (allerdings nicht nur dort) stets mehr zu besitzen und zu haben, verlor für mich speziell auf dem Campo seinen Wert und wird stattdessen mit Zufriendenheit und einem Miteinander ausgefüllt, die mir diesen Drang reizlos erscheinen lassen.
Denn warum sollte man nach mehr streben, wenn man mit weniger glücklicher ist?

Veröffentlicht: 06.01.2018 / Martin Eibelsgruber

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