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Lara Zewe - Bolivien: Reifenwechsel und Lehrertag

"Ein ganzes Jahr" habe ich mir anfangs gedacht - und nun sitze ich auf halb gepackten Koffern, schreibe euch meinen letzten Rundbrief und blicke wehmütig auf mein Jahr zurück. "Mein" Jahr, welches doch viel zu schnell an mir vorbei gezogen ist. Mein Zeitgefühl hat mich tatsächlich im Stich gelassen, denn es kommt mir so vor als wäre ich erst gestern hier angekommen und als wäre es absurd, schon an das Ende zu denken.

Ich freue mich natürlich riesig, meine Familie und Freunde nun endlich wieder zu sehen, aber die Gedanken an den Abschied von hier fallen mir so unendlich schwer. Es zerreißt mir das Herz, wenn ich mich auf der einen Seite freue, wieder nach Deutschland zu reisen und es mir eigentlich gar nicht schnell genug gehen kann, endlich zum Flieger zu fahren.

Doch auf der anderen Seite will ich mich einfach nicht von den Menschen und meinem Leben hier verabschieden. Da es ein Abschied auf unbestimmte Zeit ist (oder vielleicht sogar für immer), macht es mir nur noch schwerer, einen klaren Gedanken daran zu fassen. Ich kann euch nur raten: Nehmt euch Zeit! Nehmt sie euch für die Menschen, die ihr liebt, nehmt sie euch aber vor allem für euch selbst!
Um euch besser kennenzulernen und um Dinge zu tun, die ihr liebt! Dann wird die Zeit niemals vergeudet sein.

Ich habe hier in Bolivien so vieles gelernt und auch einige Dinge über mich selbst. Aber was mir wirklich klar geworden ist: Meine Familie und meine Freunde stehen immer hinter mir. Ich hatte so große Angst, dass ihr Leben ohne mich weiter geht und ich nach meiner Rückkehr keinen Platz mehr darin finden werde.
Aber sie haben mich vom Gegenteil überzeugt. Und nun kehre ich nicht mit einer Angst vor dem Ungewissen zurück, sondern mit der größten Vorfreude, die man sich nur vorstellen kann. Denn letztendlich wird dieses ganze Jahr doch nur einen kleinen Teil in meinem Leben ausmachen. Ein "kleiner" Teil, der sicherlich auch einer der schönsten Teile bleiben wird. Es ist ein Teil, in dem ich oft meine Lieben zu Hause vermisst habe; aber auch ein Teil in dem ich viel gelacht, gelernt und erfahren habe. Ich bin euch allen unendlich dankbar für eure Unterstützung, egal mental oder finanziell, ohne die ich es nie geschafft hätte "mein" Jahr durchzuziehen.

Aber erst einmal werde ich euch noch ein paar Geschichtchen aus meinem Leben hier erzählen.
In einem meiner vorherigen Rundbriefe habe ich euch davon erzählt, dass ich ab und zu mit Schwester Eufracia und Padre Alfredo nach San Pedro fahre, um dort Messe zu halten. Das letzte Mal, als wir dort waren, werde ich wohl so schnell nicht wieder vergessen. Alles fing damit an, dass wir viel zu spät losgefahren sind, da wir noch auf einen Lehrer gewartet haben, der mit uns nach San Pedro fahren wollte.
Als er dann mit einer halben bis Stunde Verspätung ankam, ging es auch direkt los. Allerdings kamen wir nun schon sehr spät an und die Messe wäre normalerweise schon fast zu Ende gewesen. Also wurden schnell die Glocken geläutet und angefangen.

So weit so gut. Als wir dann unseren Rückweg angetreten haben, wussten wir noch nicht, was uns bevorsteht. Da sich alles verzögert hat, war es nun stockdunkel auf der Rückfahrt. Irgendwann hat Padre Alfredo dann mitten im Nichts am Straßenrand angehalten. Ein Reifen war kaputt. Und der Wagenheber, den wir dabei hatten, war zu klein für das Auto, denn dieses war höher gelegt (ein Geländewagen).
Aus diesem Grund durften Eufracia und ich Steine suchen. Glücklicherweise waren dieses Mal noch zwei Jugendliche mitgefahren, die die Messe gerne musikalisch begleiten. So hatte der Padre vier helfende Hände und Eufracia und ich konnte bis auf die Steinsuche einfach dastehen und uns unterhalten. Das war wahrscheinlich auch besser so, denn ich wäre sicherlich keine große Hilfe gewesen bei einem improvisierten Reifenwechsel.

Wie ihr vielleicht schon gemerkt habt, werden hier öfters mal Paraden veranstaltet, bei denen vor allem die Schüler durchs Dorf marschieren. Im Mai fand wieder eine solche Parade statt. Zu Ehren von Chuquisaca (das "Bundesland", in dem wir leben), welches am 25. Mai seinen Gründungstag feiert.
Einen Tag vorher war ich kurz rüber zum Konvent gegangen und habe dabei mitbekommen, wie Laura, die Cousine von Schwester Jhanneth, etwas bastelt. Darauf habe ich sie dann natürlich direkt angesprochen und sie hat mich sofort miteinbezogen.
Sie wollte kleine Laternen aus Plastiktellern und Plastikbechern basteln, die nachher wie Blumenköpfe aussehen sollen, damit die Kinder aus Jhanneths Kurs wunderschöne Laternen für die anstehende Parade haben. Die Idee fand ich auch wirklich toll, allerdings sah es schrecklich aus, als wir die Plastikbecher mit etwas buntem Klebeband beklebt haben.
Also habe ich vorgeschlagen, die Becher von den Kindern bemalen zulassen, bevor wir sie dann auf die Plastikteller kleben. Außerdem habe ich in die Mitte der Plastikteller einen gelben Punkt gemalt. Nachdem dann alles zusammengeklebt war und Laura noch Blätter gebastelt hat, konnten sich diese Laternen wirklich sehen lassen.
Und am 25. wurden sie dann auch abends benutzt. Denn diese Parade, war im Dunkeln und nur für die Kinder ab der vierten Klasse.

Da der Muttertag auch schon vor der Tür stand, hat Schwester Jhanneth alle Mütter eingeladen, nach der Parade zu ihr in den Kurs zu kommen. Dort wurden sie dann auf ein leckeres Essen eingeladen.
Aber das war noch nicht alles. Jhanneth hat ein paar Spiele vorbereitet, bei denen Mutter und Kind gemeinsam antreten. Und bei jedem Spiel gab es für die Gewinner einen kleinen Preis. Das lustigste Spiel war, als die Jungs ihren Müttern die Haare flechten mussten. Nach ein paar Spielen wurde dann noch etwas getanzt und so den Abend schön ausklingen gelassen.
Am nächsten Morgen stand dann wieder eine Parade auf dem Plan. Wieder zu Ehren von Chuquisaca, allerdings durften dieses Mal alle Kinder mitmachen und zwar vom Kindergarten bis zur Abschlussklasse des Gymnasiums.
Angefangen hat diese Parade in der Cancha der Grundschule, wo sich alle Teilnehmer versammelt haben und erst ein paar Reden gehalten wurden, bevor es dann mit dem Marsch durchs Dorf losging.

Und nun komme ich wieder zu einem ganz besonders schönen Tag: dem "Día del maestro" (Tag der Lehrer).
Das hätt ich mir ja eigentlich denken können, dass es natürlich einen Tag der Lehrer gibt, wenn es auch einen Tag der Kinder/Schüler gibt. Dieser Tag wurde ebenso gebührend gefeiert wie der Tag der Kinder und genau deswegen hat er mir so gut gefallen. Es war einfach ein fröhlicher Tag mit ausgelassener Stimmung.
Wieder einmal hat man sich auf der Cancha (Sportplatz) versammelt, dieses Mal um gemeinsam Messe zu feiern. Dazu kamen auch die Schüler und Lehrer des Gymnasiums. Nach der Messe ging das Programm dann richtig los. Zwei Abschlussschüler des Gymnasiums haben uns als lustige Moderatoren durch den Morgen geführt. Im Verlauf dieses Morgens haben viele Schüler allen Alters traditionelle als auch moderne Tänze aufgeführt.
Und zwischen diesen ganzen Darbietungen hatte ich auch meinen kleinen Auftritt.

Nun ja mehr oder weniger. Dafür fange ich lieber eine Woche vorher an zu erzählen:
Schwester Jhanneth ist auch Lehrerin in der Schule. Also ist dieser Tag auch ein besonderer für sie. Deswegen habe ich mit ihrem Kurs, der 4B, ein Lied einstudiert. Zusätzlich haben wir Rosen gebastelt, damit jedes Kind ihr eine Rose überreichen kann und sie danach einen wunderschönen Strauß hat (Der auch noch für die Ewigkeit hält).
Das Proben stellte sich nur leider etwas schwieriger da als gedacht. Das erste Problem: Wie integriere ich die Proben in meinen Arbeitstag, da ich ja nach Schulende bis abends im Comedor bin?
Die Lösung war leichter als gedacht, denn Eufracia fand die Idee auch schön und hat mir so erlaubt, ab und zu mal für zwei Stunden zu verschwinden.
Das zweite Problem: Ich war krank. Damit hat sich dann das Problem mit meinem dichten Arbeitstag auch schnell erledigt. Allerdings wurden die Proben dadurch für mich "etwas anstrengend", da meine Geduld leider nicht mehr ganz so groß war wie sonst.

Aber der ganze Stress hat sich mehr als gelohnt. Am Día del maestro habe ich mich morgens vor der Schule mit der 4B getroffen und wir sind gemeinsam zum Konvent, um Jhanneth zu überraschen.
Schon nach den ersten paar schiefen Tönen fing sie an zu weinen, und auch als sie dann von jedem Kind geknuddelt wurde und die Rose bekam, wurde es nicht besser. Als ich gesehen habe, wie sehr sich Jhanneth über diese Geste gefreut hat, war es mir dann auch egal, dass die Kinder scheinbar alle Proben vergessen haben. Falsch gesungen oder nicht, ich war einfach super stolz auf die Kleinen.
Da die Mütter, die es mitbekommen haben, es auch schön fanden, hatte wir dann später im Programm auch einen kleinen Auftritt, den die Kinder wirklich super gemeistert haben.

Ende Juni war der Tag des heiligen Petrus und Paulus. Zu ihren Ehren wurde natürlich auch Messe gehalten, dieses Mal aber nicht in der Kirche, sondern in einer kleinen Kapelle, die nach dem heiligen Paulus benannt wurde und in der auch eine Statue von ihm steht. Ich wusste zwar, dass es diese Kapelle am Rande von Sopachuy gibt, allerdings habe ich gedacht, sie wäre alt und heruntergekommen, da dort nie Messe gehalten wurde. Da habe ich mich jedoch gewaltig geirrt. Sie war wirklich schön und ich habe nicht verstanden, warum wir nicht öfters mal einen kleinen Berg hoch gehen, um dort oben Messe zu feiern.

Jetzt kurz vor Schluss habe ich es dann auch endlich geschafft, auf den "Sopachuyberg" hochzuwandern. Sopachuy ist von vielen Bergen umgeben, allerdings sind auf diesem Berg die Buchstaben S-O-P-A-C-H-U-Y mit weiß angemalten Steinen hingelegt worden, was ihn zu etwas Besonderem macht. Und es hat sich wirklich gelohnt da hoch zu steigen, denn man hat eine wunderbare Aussicht auf das ganze Dorf.

Veröffentlicht: 25.07.2016 / Martin Eibelsgruber