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Maria H. - Chile: Das Geheimnis der Mülltonne

Nach einem Flug um die halbe Welt ist erst einmal alles anders: die Natur, die Menschen und sogar die Luft. Mit so manch kleineren Problemchen mussten meine Mitbewohner und ich in den ersten Monaten kämpfen.
So war zum Beispiel plötzlich die Mülltonne in unserem Vorgarten verschwunden und tauchte erst ein paar Tage später wieder auf. Oder es stand auf einmal eine Art Metallgerüst in unserem kleinen, aber feinen Garten.
Mittlerweile habe ich mich gut eingelebt und kenne mich besser mit manchen Gegebenheiten aus. Die Menschen hier sind freundlich und bemüht, mir zu helfen.

Das Stadtviertel Recoleta liegt im Norden von Santiago. Dort sind die Häuser meist einstöckig mit keinem oder mit relativ kleinen Gärten. Hier wohne ich zusammen mit meinen nun noch vier Mitbewohnern in der "Casa Madre" (Haus Mutter).
Das ist schon eine Ehre für mich, denn dieses Haus gehört der Gründerin von Cristo Vive, Schwester Karoline Mayer.

In der Nähe ist auch die Sala Cuna ("Krippe") Naciente ("Geburt"). Hier arbeite ich mit zwei anderen Freiwilligen. Es gibt vier Salas (hier: Gruppen), in denen jeweils ungefähr 20 Kinder sind. Die Kleinen
sind hauptsächlich nach Alter, aber auch nach Fähigkeiten eingeteilt.
In der kleinsten Gruppe, die Menor A, sind die Kinder in der Regel zwischen drei Monaten und einem Jahr und drei Monaten. Die Mayor A ist die zweitjüngste Gruppe. Hier sind die Kinder bis ein Jahr und acht Monate alt. In der Mayor B und Mayor C sind die Kinder fast gleichaltrig, wobei in der Mayor C an sich die ältesten sind mit höchstens zweieinhalb Jahren.

Ich bin in der Mayor A tätig und sehr froh in dieser Gruppe zu sein. Mittlerweile können alle Kinder laufen und und sind so auch ein bisschen selbstständiger als die ganz Kleinen. Die Kleinen fangen nun an, die ersten Worte nach "Mama" und "Papa" zu sagen. Manchmal helfe ich auch in der Menor A aus, wenn dort eine Tía (Erzieherin, wörtlich: "Tante") fehlt.
Mein Arbeitstag beginnt um 08:30 Uhr und endet am frühen Abend um 17:30 Uhr. Neben dem Wickeln, Essen und dem Mittagsschlaf gibt es auf den Tag verteilt mehrere Aktivitäten, die unter anderem nach Kommunikation, physischen und psychischen Fähigkeiten ausgerichtet sind.
Zwischendurch sind die Kleinen immer mal wieder auf dem Patio, einem Außenbereich mit kleineren Klettergerüsten, die z. T. von Freiwilligen errichtet wurden.

Jede Sala besteht aus einer Educadora (studierte Erzieher) und drei Tías ("normale" Erzieher), außerdem gibt es in manchen Salas noch Praktikanten und/oder Freiwillige.
Sehr gefällt mir hier, dass alle in der Sala Cuna angestellten Arbeitskräfte als Tías bezeichnet werden und so kein direkter und offensichtlicher Unterschied zwischen beispielsweise Putzfrau und Direktorin gemacht wird.
Die Tías arbeiten hier viel mit Gestik und Mimik. Sie sind immer sehr liebevoll im Umgang mit den Kindern. Manchmal sogar ein bisschen zu nachgiebig meines Erachtens.

Auch bei der Gestaltung der Sala sind sie eifrig dabei und basteln, was das Zeug hält, um eine schöne Atmosphäre zu schaffen. Dabei wird sich nach Jahreszeiten, aber auch z. T. nach Feierlichkeiten, wie dem "Dieciocho", dem Nationalfeiertag, gerichtet.
Dieser wurde in der Sala Cuna eine Woche lang ausgiebig mit kleinen Vorführungen vom traditionellen Volkstanz "Cueca" gefeiert. Dazu gab es typische chilenische und spanische Snacks, wie frittierte Empanadas, Sopaipillas und Completos, aber auch süße Dinge, wie Alfajores oder anderes Gebäck mit Manjar.
Unter anderem stellte jede Sala während dieser Zeit eine andere Region Chiles dar. In ganz Chile feiert man die "Fiestas Patrias" am 18. September. Der Nationalfeiertag Chiles ist die größte Feierlichkeit des Landes und erinnert an die chilenische Unabhängigkeit von den spanischen Kolonialherren im Jahre 1810.

Auch die Straßen in Recoleta waren schön und ausgiebig geschmückt. Die Bevölkerung feierte entweder zu Hause mit Familie und Freunden bis zum nächsten Vormittag oder ging auf "Fondas". Diese kann man mit einer Art Jahrmarkt vergleichen. Der Fokus liegt dabei auf traditionellem Essen und Trinken sowie Musik und Tanz.

Auch in der Gemeinde von Schwester Karoline wurde gefeiert. Selbst hier machte die Feierlust der Chilenen keinen Halt. Es gab reichlich Essen und Trinken, viel traditionelle Kleidung und es wurde reichlich "Cueca" getanzt.
Die Kirchengemeinde bietet immer wieder Aktivitäten an. Mit ein paar anderen Freiwilligen konnte ich schon mit der Jugendgruppe der Gemeinde auf dem Pilgerweg der Heiligen Teresa de Los Andes wandern. Dort pilgern Menschen aus jedem Teil von Chile und sogar darüber hinaus aus anderen Ländern Südamerikas. Die 27 km lange (geschmückte Straßen in Recoleta) Strecke zum Wallfahrtsort Auco wird wohl monatlich von etwa 100.000 Pilgern besucht.

Veröffentlicht: 20.11.2017 / Martin Eibelsgruber

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