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Thomas B. - Kolumbien: Mehr als weihnachtlicher Konsumrausch

Die Weihnachtszeit ist für viele Menschen leider keine besinnliche Zeit mehr. Das ist auch hier in Kolumbien nicht viel anders. Man begann schon im Oktober mit dem fröhlichen Schmücken und auch hier füllten sich die Geschäfte mit all den ach so schön funkelnden X-Mas-Artikeln aus Plastik.
Schließlich müssen andere große Staaten ihre Artikel auch irgendwo an den Mann bringen, sodass der Kapitalismus auch läuft. Ich habe das Gefühl, dass auch hier der wahre Grund des Weihnachtsfestes in den Schatten des Konsumwahns rückt.

Nichts desto trotz ist es schön, neben dem ganzen Blinklichtspielen in den Straßen das Funkeln in den Augen der Kinder zu sehen, wenn man mit ihnen über Weihnachten spricht. Für mich ist nun die Zeit gekommen, auf die ersten drei Monate meines Jahres als MaZ in Kolumbien rückzublicken.

Gefühlt noch so zeitnah liegt das letzte Seminar in Steyl, die letzten Organisationen, der letzte Abend mit Freunden und der Abschied von Familie am Flughafen in München. Seither ist bereits ein Viertel des Jahres fortgeschritten. Einmal mehr wird mir bewusst, wie schnell unsere Zeit auf Erden doch verstreicht. Umso wichtiger ist es doch, diese Zeit zu nützen.

Mich erfüllt hier sehr, unter den Leitlinien des "Mit-leben, -beten und -arbeiten", in den Kontakt mit den Menschen zu kommen. Dabei völlig in eine andere Kultur einzutauchen, um sie kennenzulernen, aber auch über die westliche zu erzählen. Dabei auch immer wieder klarstellen, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Da vielleicht viele Menschen in den westlichen Ländern materiellen Reichtum besitzen, deswegen aber nicht glücklicher sind.

Aber jetzt zu meinem Einsatz:
Ende August ging es für mich los in das Abenteuer MaZ nach Marinilla in Kolumbien. Marinilla ist eine Gemeinde (municipio) des Verwaltungsbezirks (departamento) Antioquia. Die Kleinstadt mit etwa 45.000 Einwohnern liegt etwa 50 km von der Großstadt Medellín entfernt, auf einer Höhe von 2120 m ü. NN im Nordwesten Kolumbiens. Der wichtigste Wirtschaftszweig ist hier wie überwiegend in Kolumbien die Landwirtschaft.

Ich wurde hier in Marinilla sehr herzlich von Padres und dem Coredi-Team empfangen (Coredi ist die Stiftung, in der ich hier arbeite). Da mein Spanisch Anfangs alles andere als brauchbar war, war es mir eine riesige Hilfe, mit Padre Ferney einen Ansprechpartner zu haben, der des Englischen wie dem Deutschen mächtig ist.

Mitleben darf ich bei einer sehr typisch kolumbianischen Familie mit vier Generationen in einem kleinen, aber ausreichenden Häuschen. Dort kümmert sich die Großmutter um den Haushalt und an den Nachmittagen auch um die Kinder, während die Eltern am Arbeiten oder Studieren sind.
Hier komme ich auch in den Genuss traditioneller Speisen. Fehlen darf da nach einer Suppe im Hauptgericht keinesfalls Reis, Frijoles (rote Bohnen), Patacones (frittierte Kochbananen) und für Fleischesser das Fleisch.

So viel Spaß es mir auch bereitet, über Länder, deren Kulturen und neuer Sprachen zu lernen, habe ich doch sehr gemerkt, welch Energie mein Körper in den ersten Wochen aufbringen musste.
Er schrie abends regelrecht nach Ruhe und Schlaf, um all die neuen Eindrücke, die andere Energie und neue Sprache unter Klima-, Zeit-, und Nahrungsumstellung zu verarbeiten.

Ich arbeite hier für die Fundación Tecnológica Rural Coredi (Ländlich-technologische Stiftung Coredi). Die Einrichtung setzt sich aus verschiedenen Projekten zusammen.
In meiner ersten Zeit unterstütze ich das "Centro de Idiomas" (Sprachenzentrum). Mit Englischlehrern darf ich den Unterricht an einer der drei Grundschulen Coredis gestalten. An Nachmittagen betreue ich eine Klasse des Englischergänzungsunterrichts in der Nachbarstadt Rio Negro, um sie bei Übungsaufgaben zu unterstützen und spielerisch an ihrer Aussprache zu arbeiten.
Im Team arbeiten wir an Englischgrammatik- und -übungsbüchern der verschiedenen Sprachstufen.
Einige Nachmittage kann ich die Stiftung "Pan y Vida" bei der Ausgabe von Lebensmitteln und Kleidung für Bedürftige unterstützen.

Da mein Spanisch mittlerweile große Fortschritte gemacht hat und ich einen Überblick über die Fundación, meine Arbeitskollegen und deren Projekte habe, werde ich in den kommenden Monaten die Möglichkeit bekommen, auch andere Projekte Coredis kennenzulernen.
Der Plan ist, im neuen Jahr die Lehrer der Landwirtschaftsschule Coredis zu begleiten, um mit den Studenten in Kontakt zu kommen und sie auch auf deren Höfe zu begleiten.
Das kann für beide Seiten ein sehr interessanter Austausch werde: einen Einblick in die Agrarwirtschaft Kolumbiens zu erhalten und ihnen eventuell bei Lösungen von Baukonstruktionen oder anderen Fragen zu unterstützen.

Im sehr familiären Team der Fundación (Stiftung) fühlte ich mich vom ersten Tag an aufgenommen. Die ersten Einladungen der Mitarbeiter, ein freies Wochenende mit ihnen und ihrer Familien auf ihren Fincas (Landhaus) zu verbringen, ließen nicht lange auf sich warten.
Das gehört hier zur Tradition und hat den Ursprung in der spanischen Kolonialzeit.

Die Kolumbianer durfte ich als offen, herzlich und sehr gesellig kennenlernen. Es wird keine Gelegenheit ausgelassen, sich in Schale zu werfen, um mit Familie und Freunden zu feiern. Dabei darf die passende Musik, um ausgiebig zu tanzen, natürlich nicht fehlen.
Dass viele unter niederen Lebensbedingungen leben, liegt garantiert nicht an ihrer Einstellung zur Arbeit. Zielstrebig und mit hohem Fleiß gehen sie die Arbeiten an.
Mir wurde noch mehr bewusst, wie sehr doch die ungleichen Verhältnisse auf Erden dem globalen Wirtschafts- und Geldsystems geschuldet sind.

Das Stöhnen über die kalte Jahreszeit in Deutschland kann ich oft bis nach Kolumbien hören. Dazu muss ich sagen, welch schönen Facetten doch die vier für uns ganz normalen Jahreszeiten mit sich bringen.
So fordert uns das Wetter doch zum Beispiel in der Vorweihnachtszeit regelrecht zur Entschleunigung und Besinnung auf und bietet da Jahr über immer wieder einen passenden Rahmen.

Veröffentlicht: 17.12.2017 / Martin Eibelsgruber

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