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Tabea R. - Philippinen: Viele neue Eindrücke

Am 30. Juli kamen Maria und ich auf der Insel Cebu an. Die beiden vorigen Freiwilligen holten uns vom Flughafen ab und brachten uns zu unserer neuen Unterkunft, dem San Pio Village. Die nächsten Tage hatten wir die Möglichkeit, viel von ihnen abzuschauen und zu lernen. Nach fünf gemeinsamen Tagen mussten Lena und Anne dann abreisen und wir konnten von dem Gästehaus in ihr altes und unser neues Haus einziehen. Allgemein ist uns sofort aufgefallen, dass das Village – eine Art abgeschlossene Siedlung – sehr sauber und behütet ist. Die Kinder können ganz allein herumlaufen und so hat man jedes Mal, wenn man das Haus verlässt, eine Horde Kinder an den Armen, Beinen und auf dem Rücken, die einen den ganzen Weg begleiten.
Das Village hat uns mit offenen Armen empfangen, am ersten Sonntag wurden wir in der Messe vorgestellt und mit Applaus begrüßt. Nach einem Tag konnten alle Kinder und die meisten Erwachsenen unsere Namen (Tabea wird hier oft zu Chablia) und wir wurden in die engen Familienbündnisse aufgenommen. Jetzt haben wir eine zweite und eine dritte Mutter, die aufpassen, dass wir genug essen, uns beim Straße-Überqueren an der Hand nehmen und uns trösten, wenn uns das Heimweh doch mal überkommt. Die Mutterliebe nehme ich als die stärkste Verbindung hier wahr. Selbst, wenn es das zehnte Kind ist und kein Geld mehr für die eigene Versorgung bleibt, das Kind krank ist und viel Geld für Medizin ausgegeben werden muss, wenn es frech ist oder die Mutter nicht schlafen lässt. Die Mütter, die ich kennengelernt habe, lieben ihre Kinder bedingungslos.
Jeden Sonntag findet im Village eine große Messe statt, die immer gut besucht ist. Jeden Abend wird der Rosenkranz gebetet und überall sind unzählige Bilder von Heiligen oder Kreuze. Die Religiosität ist wirklich stark ausgeprägt und viel im Alltag aufzufinden. Beim Vorbeigehen an einer Kirche werden Kerzen gekauft und verbrannt, viele tragen gesegnete Ketten, die beschützen sollen oder vor einer Autofahrt wird ein kurzes Gebet gesprochen. Ich glaube bei keiner unserer Fahrten saßen wir in einem Jeepney (eine Art Bus) oder Tricicle (einem Motorrad mit Beiwagen) ohne den Slogan "God bless our Trip", zu deutsch: "Gott segne unsere Fahrt".
Dass vor einer Autofahrt ein Gebet gesprochen wird, ergibt meiner Meinung nach Sinn. Auf einer zweispurigen Straße passen vier Autos nebeneinander und die ganze Zeit drängeln sich Motorradfahrer durch die engen Freiräume zwischen den Autos. Rechts und links wird überholt und als Signal dafür wird gehupt. Als Fußgänger muss ich einfach meine Hand ausstrecken und die Autos halten, als Signal dafür wird gehupt. Halten sie nicht, hupen sie als Signal dafür und wird es gefährlich, wird gehupt. Kurz: Es wird viel gehupt.
Wenn wir es am Morgen dann mit Bus, Jeepney und Tricicle durch den Verkehr geschafft haben, kommen wir ungefähr um neun Uhr zusammen mit unserer Zweit- und Dritt-Mutter auf unserer Arbeitsstelle, dem Balay Samaritano an. Das Balay Samaritano ist ein Tagestreff für obdachlose Senioren und Kinder. Hier bekommen sie einen Snack und ein warmes Mittagessen. Es ist ein Ort der Sicherheit, in dem sie nicht getreten, geschlagen oder anders misshandelt werden. Sie können sich ausruhen, miteinander spielen oder sich einfach unterhalten. Die Kinder möchten oft nur Zuwendung und mit uns kuscheln oder einfach auf unserem Schoß sitzen. Zwischen dem Snack und dem Mittagessen unterrichten Maria und ich die Kinder. Wir lehren meist einfaches Mathe und ein wenig Englisch. Diese Aufgabe haben Maria und ich erst vor einigen Tagen übernommen. Dabei stehen noch einige Hürden vor uns, da wir die Sprache, die hier gesprochen wird, Visaya, noch nicht fließend können und die Kinder nur sehr wenig Englisch verstehen. Außerdem haben die Kinder oft, so wie jedes Kind, keine Lust auf Unterricht und es kann recht chaotisch werden. Dabei brauchen wir dann häufig noch Hilfe von jemandem, der Visaya spricht.
Im Sprachunterricht lernen wir fleißig die neue Sprache und verstehen so langsam, was die Menschen uns mitteilen wollen. Antworten wir dann einsilbig auf Visaya ist die Freude groß. Oft passiert es dann, dass die Menschen nur noch auf Visaya mit uns sprechen und wir ihnen die Freude schnell wieder nehmen, wenn wir deutlich machen, dass wir doch nicht so viel Visaya sprechen. Trotzdem können wir auch gut ohne Worte kommunizieren, denn ein Lächeln wird immer erwidert.
Natürlich gibt es auch einiges an der Kultur, an das wir uns noch gewöhnen müssen. Zum Beispiel kommen viele Leute sehr schnell mit uns Gespräch und reden von tollen Plänen und Ideen und zeigen uns dadurch, dass sie interessiert an uns sind. Da erwarten wir leicht, dass solche Pläne tatsächlich umgesetzt werden. Das ist meistens aber nicht so. Da kommt dann schnell Enttäuschung bei uns auf.  Oder dass nicht direkt auf etwas Negatives hingewiesen wird. Werden wir zum Beispiel sexy genannt, was oft auch schon in Jeans und T-Shirt passiert, ist es eher eine Aufforderung sich passender zu kleiden, als ein Kompliment.
Durch Anne und Lena und durch die wöchentlichen Messen haben wir guten Kontakt zu den Steyler Patres. Durch sie hatten wir die Möglichkeit, bei Bibelgesprächen teilzunehmen, in Umapad, einem Dorf nahe einer Müllhalde bei einer Messe dabei sein zu dürfen und verschiedenste Menschen kennenlernen zu können. Pater Aleks hat sich besonders vorgenommen, uns die Philippinen zu zeigen, hat schon einige Fahrten mit uns unternommen und war stundenlang mit uns unterwegs, um das Schöne und das Hässliche der Philippinen zu sehen.
Mit jedem Tag kommen wir besser an hier auf den Philippinen und freuen uns mehr und mehr auf die nächsten Monate.