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Miriam H. - USA: Grenzerfahrungen

Mitte Januar hatte ich mein Zwischenseminar in El Paso, Texas. Normalerweise treffen sich dabei alle MaZ-Freiwilligen, die im gleichen Einsatzgebiet oder Land sind, um sich über ihre Erfahrungen, Probleme usw. auszutauschen und gemeinsam über die bereits als MaZ gelebte Zeit zu reden. Da ich leider mit einem anderen Jungen, der in Alabama arbeitet, die einzige MaZ-Freiwillige in den USA bin und es sich somit nicht lohnen würde, für zwei Leute ein Seminar zu veranstalten, wurde entschieden, dass ich mein Zwischenseminar in El Paso haben werde.
Dort habe ich gemeinsam mit einer Studentengruppe an einem sogenannten "Border Awareness Experience" ("Grenzsensibilisierungserfahrung") teilgenommen, einem Seminar, welches uns die Realitäten an der Grenze zeigen und über die Zustände in den Ländern aufklären sollte, aus denen die Immigranten in die USA flüchten.
Dazu haben wir durch Informationsveranstaltungen mehr über die Immigrations-Gesetze erfahren, haben das Border Patrol Museum (Grenzermuseum) besucht und dort mit einem Grenzschutzmitarbeiter (der Border Patrol) geredet.
Außerdem konnten wir an dem Bericht einer Frau aus El Salvador teilhaben, die erzählte, was es heißt, sein Heimatland zu verlassen. Darüber hinaus haben wir im Gerichtshaus an Verfahren gegen sogenannte illigale Immigranten teilgenommen und eine Tour entlang des Grenzzaunes gemacht.

Doch wir haben nicht nur durch Informationsveranstaltungen viel über die Lage der Immigranten gelernt, sondern auch durch eine kleine Aktion versucht, den Leuten vor Ort zu helfen: In der Zeit unseres Seminars haben wir den Essenssaal einer Unterkunft gestrichen, in der Immigranten wohnen, um auf ihren Gerichtstermin zu warten.
So haben wir durch dieses Seminar nicht nur gelernt, was es heißt als Immigrant an der Grenze zu leben, sondern auch versucht, konkret nützliche Hilfe zu leisten, damit sich die Leute in ihrem Übergangs-Zuhause wohler fühlen.

Während unserer Zeit in El Paso haben wir in einer Unterkunft für Frauen und Kinder gelebt, die illegal über die US-amerikanische Grenze gekommen sind und auf ihren Gerichtsprozess warten. Dort haben wir in den gleichen Umständen wie die dort lebenden Immigranten gelebt: in Räumen mit einfachen Stockbetten, in denen die Farbe von den Wänden bröckelt und in denen es kaum Privatsphäre gibt; mit Essen, das gespendet wurde; zusammen mit Leuten, die man nicht kennt und deren Sprache man zum Teil nicht versteht; mit Regeln, die man befolgen muss (um zehn Uhr werden zum Beispiel die Türen geschlossen); in einem fremden Land mit einer anderen Kultur; angewiesen auf die dort arbeitenden Freiwilligen und Mitarbeiter.
Für uns war das kein Problem. Wir sind jung und haben dort außerdem nur für eine Woche gelebt. Doch wenn man bedenkt, dass manche Leute in solchen Unterkünften über mehrere Jahre hinweg wohnen, zum Teil schwanger und zum Großteil mit Kindern, in einer ständig währenden Unsicherheit, ob man bleiben darf oder abgeschoben wird, dann kann man verstehen, dass es für diese Menschen nicht gerade einfach ist.
Ich war beeindruckt von den Freiwilligen, die dort arbeiten, denn sie arbeiten unermüdlich, um es den Leuten dort so schön und gemütlich wie möglich zu machen und ihnen das Gefühl zu geben, dass es Leute gibt, die sich um sie kümmern und sorgen.

Doch besonders für die dort lebenden Kinder und Teenies ist es zum Teil nicht einfach. Sie sind auf einer langen Reise von ihrem Heimatland in ein fremdes Land geflüchtet, haben Freunde und Verwandte hinter sich gelassen und sind jetzt in einem unbekannten Land, meist in einer Schule, in der sie die Sprache nicht verstehen.
Die kleinen Kinder sind zum Teil zu jung, um das alles wahrzunehmen und zu verstehen, doch je älter die Kinder sind, desto mehr bekommen sie von den Problemen mit. Wir haben einen Jugendlichen kennengelernt, der mit seiner Familie in die USA kam. Er hatte sich nie selbst entschieden auszuwandern. Er erzählte uns, dass er in seiner neuen Klasse gemobbt wurde. Schon dreimal hat er die Schule gewechselt, seitdem er in den USA ist.
Und das ist nur ein Beispiel von tausenden Kindern, die sich dieses Schicksal nicht ausgesucht haben. Sie sind trotzdem illegal in den USA. Wenn ein Kind in den USA geboren wird, ist es automatisch US-Staatsbürger (egal, ob die Eltern legal oder illegal in den USA sind; Dokumente haben oder nicht).
Wenn es allerdings in einem anderen Land geboren wurde und als Kind mit seinen Eltern, welche keine Dokumente haben, in die USA kommt, dann bekommt es keine US-Staatsbürgerschaft.
Ich habe von einer Jugendlichen erzählt bekommen, dass sie als Baby mit ihren Eltern aus Mexiko über die Grenze in die USA kam und seitdem hier wohnt. Sie hat ihre ganze Kindheit in den USA verbracht, ist hier zur Schule gegangen und lebte hier wie jedes andere Kind. Sie ist jetzt erwachsen und lebt hier immer noch illegal, da sie keine Papiere hat.
Was das bedeutet, konnte ich mir gar nicht vorstellen. Doch es fängt schon bei Kleinigkeiten, wie einem Kinobesuch an. In Filme mit Altersbegrenzung kommt man beispielsweise nur mit Ausweis rein. Da sie keine Papiere hat, kann sie somit noch nicht einmal ins Kino gehen. Was für mich immer selbstverständlich war, ist für sie unmöglich.

Die bereits am Anfang erwähnte Frau aus El Salvador, die uns von ihrem Leben vor und nach der Immigration erzählte und ihre Einwanderungsgeschichte mit uns teilte, wohnte mit uns zusammen in einem der Häuser für Frauen und Kinder, die illegal über die Grenze gekommen
sind und jetzt auf einen Gerichtstermin warten müssen. Sie habe mit ihrem Ehemann und ihren drei Kindern als Chips-Verkäuferin in El Salvador gelebt,
sei von Reisebus zu Reisebus gelaufen, um dort an die Touristen und Passanten Chips und Snacks zu verkaufen.
Ihr Mann sei Sicherheitswachmann an einer Tankstelle gewesen. Die Frau erzählte uns, dass er eines Tages mit drei Kugeln in den Rücken erschossen worden sei. Daraufhin habe sie ihre Familie alleine durchzubringen versucht, was natürlich als Chips-Verkäuferin nicht gerade einfach ist. Zusätzlich war sie zu dem Zeitpunkt schwanger. Ihr Sohn war zu dieser Zeit 14 Jahre und ging noch zur Schule. Er sei kurze Zeit später von einer Gang rekrutiert worden.
Die Ganggewalt sei in El Salvador sehr hoch. Jeden Tag stürben dort im Durchschnitt 15 Menschen durch Ganggewalt. Die Gangs rekrutierten ihre Mitglieder schon in jungem Alter. Der Sohn habe der Gang nicht beitreten wollen. Doch wenn jemand sich weigere, der Gang beizutreten, werde meist die ganze Familie verschleppt oder ermordet.
Da die Familie keinen Ausweg mehr gewusst habe, machte sie sich auf den Weg, um in die USA zu flüchten, mit der Hoffnung, dort ein sicheres Leben zu haben. Auf dem langen und beschwerlichen Weg verlor die schwangere Frau ihr Baby. An der US-amerikanischen Grenze angekommen stellte sie sich mit dem Wissen, verhaftet zu werden, an dem Grenzübergang an. Der Grenzbeamte nahm sie fest und sie erzählte uns, dass sie und ihre Kinder "wie Tiere" behandelt worden seien. Sie berichtete auch, dass manchen illegalen Immigranten elektronische Fußfesseln angelegt werden. Diese können nicht abgenommen werden und müssen somit Tag und Nacht getragen werden.

Die Frau hatte Glück, ihr wurde keine angelegt. Uns wurde gesagt, dass diese Fußfesseln scheinbar ohne Grund vergeben würden. Manche Gruppen von Immigranten, die in der Unterkunft ankommen, haben sie, ein paar Monate später kommt eine ganze Gruppe ohne diese elektronischen Fesseln.
Wir haben ein paar Leute in der Unterkunft kennengelernt, die diese tragen müssen. Manchmal werden diese sehr fest, oder zu locker angelegt, sodass die Leute Schmerzen haben.
Da die Frau, die uns ihre Geschichte erzählte, mit ihren Kindern in die USA kam, wurde sie zu einer Unterkunft (Casa Vida, in dem Haus, indem wir auch wohnten) gebracht, um dort auf ihren Gerichtsprozess zu warten, in dem darüber entschieden werden sollte, ob ihr Asyl gewährt wird oder nicht.
Doch hier gibt es ein weiteres Problem. Bei dem Gerichtstermin braucht man einen Anwalt. Da der Großteil der sogenannten illegalen Immigranten kein Geld hat, einen Anwalt zu bezahlen, werden zum Teil Anwälte von Hilfsorganisationen gestellt.
Aber dadurch, dass die Zahl der sogenannten illegalen Einwanderer so hoch ist, sind diese meist schon total ausgelastet und es gibt lange Wartelisten. Außerdem haben die meisten illegalen Einwanderer keine Arbeitserlaubnis in den USA und haben somit keine Möglichkeit Geld zu verdienen, um einen Anwalt zu bezahlen. Dadurch hatte diese Frau bei ihrem ersten Gerichtstermin keinen Anwalt und somit konnte über ihren Fall noch nicht entschieden werden. An dem Tag, an dem sie uns ihre Geschichte erzählte, hatte sie noch immer keinen Anwalt für den nächsten Ersatztermin.
Die Frau sagte am Ende, dass sie es sich nie gewünscht habe, in so ein "scheußliches" Land zu kommen. Nach all den negativen Erfahrungen sei es schwer, immer wieder mit Rückschlägen leben zu müssen und keine gute Zukunft in Sicht zu haben.

Uns alle nahmen die Erlebnisse und Lebensumstände dieser Frau sehr mit. Und sie ist nur eine von vielen, die das gleiche Schicksal teilen. Ich denke, wenn man die Leute persönlich kennenlernt und von ihren Lebensgeschichten erfährt, wird einem klar, dass diese Menschen nicht aus unnachvollziehbaren Gründen in die USA kommen.
Die Menschen haben die Hoffnung, einen Neustart für sich und ihre Kinder zu bekommen. Eine bessere Zukunft in einem Land, dass sicherer als ihr Herkunftsland ist und ihren Kindern die Chance gibt, ein besseres Leben als sie zu führen. In solchen Momenten wurde mir aufs Neue bewusst, wie gut wir es haben: Dass wir in einem sicheren Land geboren wurden, wie viele Möglichkeiten wir in unserem Leben haben, dass wir nicht als Kinder in ein anderes Land flüchten mussten. Da erscheinen einem die eigenen Probleme klein und belanglos.

In dem Haus, in dem wir lebten, waren im Speisesaal die Namen von Leuten an die Wände geschrieben, die in der Nähe der US-amerikanischen Grenze tot aufgefunden wurden, die von der Border Patrol (Grenzschutz) erschossen wurden, die vermisst wurden und nie mehr aufgetaucht sind. Es war ein unglaublich schreckliches Gefühl, all die Namen zu sehen. Zum Teil stand "unknown" (unbekannt) an der Wand, weil die tot aufgefundene Person keine
Dokumente bei sich hatte. Mit den Namen an den Wänden sollte an all die Menschen erinnert werden, die zu Unrecht gestorben sind.
Mir wurde noch einmal bewusst, wie gefährlich die Flucht in die USA ist. Die Menschen nehmen viel auf sich und durchleben eine schreckliche Zeit, wenn sie auf dem Weg in die USA sind. Und leider schaffen es viele Leute nicht. Denn die Wüste und die Berge dienen auch als Barriere zwischen Mexiko und den USA und die dort herrschenden Bedingungen sind für einige Menschen tödlich.

Ich bin froh, die Chance gehabt zu haben, an einem solchen Seminar teilnehmen zu dürfen. Das Seminar war besonders deswegen so lehrreich, weil wir nicht nur Informationen bekommen haben, sondern mit Betroffenen persönlich geredet haben und ihren Alltag teilen durften. So konnten wir die Lage der Leute besser nachvollziehen. Für mich war es beeindruckend, dass die Frau, die ihre Fluchtgeschichte mit uns geteilt hatte, so viel Kraft besaß, nach der schrecklichen Zeit, die sie durchlebt hatte, trotzdem nicht aufzugeben, sondern mit Hoffnung nach vorne zu schauen.
Ich glaube, dass ich in der Zeit sehr viel mitnehmen konnte und durch all die Erlebnisse und Erfahrungen die Situation der Leute, die zu uns ins Life Learning Center kommen, besser verstehen kann.

Viele werden sich fragen, wie die Wahl des Präsidenten die Lage in den USA und besonders im Life Learning Center verändert hat. Wie man sich vorstellen kann, war das in der Zeit vor und nach der Wahl das Hauptgesprächsthema.
Viele Leute in meinem Umkreis waren von den Wahlergebnissen geschockt. An dem Abend, an dem die Stimmen ausgezählt wurden, habe ich auf ein paar Kinder aufgepasst. Einer der älteren Jungen meinte zu mir, dass er es kaum glauben könne, dass jemand, der so unprofessionell ist und kaum politische Vorerfahrung hat, Präsident werden könnte. Ich selbst habe, als ich die Wahlergebnisse sah, kaum glauben können, dass das die Realität ist.
Es kam mir vor der Wahl unmöglich vor, dass es wirklich so viele Leute in USA gibt, die Trump wählen würden und seine Ansichten unterstützen. Ich konnte mir kaum vorstellen, wie es möglich ist, dass man für jemanden stimmen kann, der so offensichtlich rassistisch, frauenfeindlich, politisch unkorrekt usw. ist.

Aber trotzdem sind anscheinend viele US-Bürger der Meinung, dass Trump ein guter Präsident für die USA ist. Doch wie kann das sein? Warum haben so viele Leute für ihn gestimmt?
Dadurch, dass ich fast nur mit Leuten umgeben bin, die Trump als ungeeignet einschätzen, ist es für mich schwer nachzuvollziehen, wie die Leute denken, die für ihn stimmten. Für euch wird es wahrscheinlich interessant sein, welche Beweggründe es offensichtlich in der Bevölkerung gab, für Trump zu stimmen. Wichtig dabei ist, dass nicht die Mehrheit der Bevölkerung für ihn gestimmt hat, aber das US-Wahlsystem dazu geführt hat, dass er Präsident wurde.
Natürlich werde ich nicht alle Gründe aufzählen können, doch ich werde versuchen, die wichtigsten zu nennen:
Trump ist durchaus bekannt dafür, gegen das Phänomen zu sein, dass die USA immer multikultureller, multiethnischer und internationaler wird. Viele US-Amerikaner scheinen Angst davor zu haben, dass die USA ihre Traditionen und Werte verliert, wenn sie mehr Immigranten und Flüchtlinge oder generell Menschen aus anderen Ländern mit anderen Kulturen, in ihr Land lässt.
Für mich ist das zwar unverständlich, da die USA schon in ihren Wurzeln ein Land ist, dass durch Immigration geprägt war, doch einige US-Bürger sehen in der Immigration die Gefahr, dass die USA sich kulturell in eine andere Richtung verändert und vor Veränderung in diese Richtung haben viele Angst.
Trump nutzte diese Angst der Bevölkerung für sich und seinen Wahlkampf und sicherte zu, die Vergangenheit wieder herzustellen, indem er beispielsweise die Immigration einschränkt.

Er hat keinen Skrupel davor, seine grundsätzliche Meinung, die von Vorurteilen besetzt ist, in den Medien preiszugeben, und das hat seine Wähler und Anhänger davon überzeugt, dass er es ernst meint und seine Wahlversprechen umsetzen wird.
Außerdem kam er durch seine Lügen, rassistischen und sexistischen Beleidigungen und Übertreibungen der wachsenden Anhängerschar authentisch und ehrlich vor, im Gegensatz zu Clinton, die den meisten Wählern eher undurchschaubar und fassadenhaft vorkam. Dabei hat Trump die Medien genutzt, um noch bekannter zu werden. Auch wenn ich mich frage, wie man all seine politisch unkorrekten und frauenfeindlichen Äußerungen übersehen kann, wurde Trump gefeiert, da er als vermeintlicher Bewahrer traditioneller Rollenbilder galt.
Mit dem Ziel Amerika wieder groß zu machen und das "kaputte System" zu reparieren hat er noch weitere Stimmen gesammelt. Das liegt vor allem daran, dass die wirtschaftliche Erholung der vergangenen Jahre an vielen Leuten vorbeigegangen ist und sie sich wirtschaftlichen Wandel wünschen, der auch sie mit einschließt.
Da Clinton als "Vertreterin der Eliten" galt, konnte sie diese Gesellschaftsschicht nicht für sich gewinnen.

Trotz der Erklärungsversuche ist es für mich noch immer traurig und nicht nachvollziehbar, dass viele Leute für ihn gestimmt haben, damit es ihnen selbst besser geht, ohne die Nachteile für viele Menschen, wie Immigranten, Muslime, Schwarze u.a. zu beachten.
Im Life Learning Center haben wir nach den Wahlen zwei Workshops veranstaltet, die über die Rechte der sogenannten illegalen Immigranten aufklären sollten und darüber informierten, was sich durch die Wahl von Trump in der Lage für Immigranten verändert hat.
Dafür hatten wir zwei Anwälte eingeladen, die sich sehr gut im Einwanderungsrecht auskennen. Zu dieser Veranstaltung sind unglaublich viele Leute gekommen, woran man schon die Angst und den Klärungsbedarf bei diesem Thema sieht. Da ich während des Workshops auf die Kinder der Teilnehmer aufgepasst habe, konnte ich leider nicht an dem Workshop teilnehmen. Doch Sr. Angelica erzählte mir, dass eine Frau, die keine Papiere hat und "illegal" in den USA wohnt, gesagt hat, dass sie mit ihrer Familie wieder zurück nach Mexiko gehen wird.

Ich finde es schockierend, dass sich Leute, die schon seit Jahren in den USA wohnen, jetzt dazu entscheiden, ihr altes Leben hinter sich zu lassen und ohne gute Perspektiven für ihre Familie wieder zurück in ihr Heimatland gehen. Als ich von dieser Familie gehört habe, fragte ich mich, wie besorgt und verängstigt die Familien sind, dass sie sich sogar dazu entscheiden, das Land zu verlassen, dass sie Jahre lang ihre Heimat genannt haben.
Wie fühlt es sich an, seinen Kindern erzählen zu müssen, dass man in ein anderes Land zieht, weil sich die politische Lage plötzlich verändert hat und man sich nicht mehr sicher fühlt? Wie geht es den Kindern? Wie wird es für sie sein, umzuziehen und in einem fremden Land zur Schule zu gehen und neue Freunde kennenlernen zu müssen?
Ein paar Wochen später erzählte mir ein Mädchen, das zu unserer Hausaufgabenbetreuung kommt, dass ihre Familie auch darüber nachdenkt, zurück nach Mexiko zu gehen. Für mich ist das unvorstellbar, wie es den Kindern dabei gehen wird. Zwar wird in den Familien oft Spanisch geredet, doch angenommen die Kinder müssten in Mexiko auf eine Schule gehen, dann geht es auch darum in Spanisch lesen und schreiben zu können.

Ich denke, dass es für die Familien eine unglaublich schwere Entscheidung ist, ob sie wieder zurück in ihr Geburtsland gehen, oder nicht. Denn sie sind schon seit Jahren hier verwurzelt. Doch die Angst, illegal in einem Land zu sein, in dem viele Leute für einen Präsidenten gestimmt haben, der in einer sehr ausgeprägten Form gegen illegale Einwanderer ist und gegen sie vorgeht, dann kann ich mir vorstellen, dass es für viele zu gefährlich erscheint, in solch einem Land weiterhin zu leben.
Einige Leute können nicht mit der psychischen Belastung leben, jeden Moment von einem Grenzschutzmitarbeiter aufgegriffen zu werden. Denn angenommen, man würde nur in eine normale Verkehrskontrolle kommen, dann könnte das schon der Moment sein, in dem man aufgegriffen wird, da man keine Papiere vorzeigen kann.

Es ist schwer zu akzeptieren, dass so viel Unrecht geschieht. Doch besonders in dieser Zeit bin ich froh, in einer Einrichtung arbeiten zu dürfen, in der versucht wird, Menschen in dieser schwierigen Lebenssituation zu unterstützen und zu helfen - unabhängig von Religion, Geschlecht, Herkunft u.a.
Es ist ermutigend zu erleben, wie durch persönliche Begegnungen, kleine Unterstützungen und vor allem durch das Miteinander-Teilen des Lebens ein Lichtstrahl in das Leben der Menschen hier kommen kann und die Hoffnung in ihnen - aber auch in mir - wächst.

Veröffentlicht: 22.04.2017 / Martin Eibelsgruber

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