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Pia Föhrenbacher - MaZ in Argentinien: Rundbrief Oktober

Im Moment prasselt der Regen leicht auf das Dach, wodurch ich wieder dem wunderbaren Konzert der Vögel lauschen kann, die trotz anhaltendem Gewitter ohne Furcht kräftig ihre Stimmen erheben. So langsam steigt aber wieder die Intensität des Regens. Und dann wird es von Minute zu Minute schwieriger, andere Personen im Raum zu verstehen. Man wird angehalten dieser Geräuschkulisse der Regentropfen zu lauschen, die doch eine willkommene Abkühlung zu den gestrigen schwülen Temperaturen darstellen. Der Temperaturunterschied von zehn Grad lässt meinen Kreislauf noch etwas verrücktspielen. Aber ich habe das Gefühl, dass ich mich langsam an die schwüle Luft gewöhne. Das Wetter ist ein ständiger Begleiter im Alltag und ich hatte schon die ein oder andere lehrreiche, aber dennoch lustige Erfahrung damit.

Am Anfang des Monats bin ich an einem Nachmittag aufgebrochen, um zu meinem Projekt im Zentrum der Stadt zu fahren. Es hat schon eine Weile geregnet. Aber als ich losging, war ein leichter Schauer doch nichts, was mich in der Quinta (das Gelände der Schwestern trägt diesen Namen) gehalten hätte. Angekommen an der Bushaltestelle stieg der Wasserpegel auf der Straße von Minute zu Minute an. Man muss dazu sagen, dass die Wege so konstruiert sind, dass sie zum Gehweg hin abgesenkt sind, sodass das Wasser nicht auf der Straße steht, sondern sich dort sammelt und so abfließen kann. Der Bus hatte sich verspätet, sodass ich dann trotz Überdachung schon gut nass einstieg. Aber alles halb so wild, es trocknet ja wieder. So viele Leute waren nicht unterwegs und mir war klar, dass der Regen wohl doch nicht mehr weniger wird ― er wurde mehr. Als Rheinhessin, meine Heimat in Deutschland, bin ich doch eher trockenes Klima gewöhnt und meine Erfahrungen in Bezug auf große Wassermassen, die vom Himmel herabkommen, halten sich eher in Grenzen. Aber ich lerne. Als ich dann austeigen wollte, versuchte der Busfahrer in mehreren Anläufen mich möglichst nah an den Gehweg zu bringen. Das klappt zum Glück auch. Und mit drei großen Schritten stand ich wieder unter einem Dach. Bis hierhin hatte ich es schon einmal geschafft.

Ich wartete weitere 20 Minuten dort, weil ich hoffte, dass der Regen weniger wird. Das Problem war der Wechsel der Straßenseite, da sich nun wirklich ein kleiner Bach gebildet hatte und ich keine Ahnung hatte, wie ich zu der Straßenmitte gelangen sollte. Auch mit einem großen Schritt sah es aus, als würde es nicht passen. Gut, ich beschloss etwas Spaß an der Situation zu haben und zum Glück hatte ich meine Flipflops dabei. Also Schuhwechsel, Hosen hochgekrempelt und los. Als ich dann meinen Fuß in das Wasser tauchte, merkte ich, wie tief es war. Auf der gegenüberliegenden Fahrbahn hatte sich das Wasser in der Straßenmitte gesammelt und mehrere Schüler standen bis zu den Knien darin und hatten wohl den gleichen Gedanken wie ich: Was man nicht ändern kann, darüber regt man sich a) nicht auf und b) schaut man, was man draus machen kann. Also wieder zurück unter das Dach, da ich fast in dem Strom meine Schuhe verloren hätte und die sind überlebenswichtig. Ich klügelte mir eine Taktik aus und kam dann auch halb trocken im Hogar (Kinderheim) der Mädchen an.Seitdem habe ich immer Regenschirm und Flipflops im Rucksack mit dabei.

Angekommen im Hogar, liefen schon die ersten Vorbereitungen für den Geburtstag eines Mädchens, der am Wochenende darauf stattgefunden hat. Der 15. Geburtstag stand bevor. Vielleicht fragt sich gerade der ein oder andere, was diese Zahl zu bedeuten hat. Wir feiern ja eher den 18. oder runde Geburtstage. Doch für ein Mädchen, das hier dieses Alter erreicht hat, bedeutet es zur Frau zu werden und das wird hier sehr, sehr groß gefeiert. Zurück zum Hogar: Die ersten Vorbereitungen liefen schon und es hatte etwas von einem Beauty-Studio. Draußen wurde an dem großen Tisch kräftig gebastelt, denn die Deko in den Lieblingsfarben des Mädchens darf nicht fehlen. Als der Tag dann endlich gekommen war, verbrannte ich mich nicht nur einmal an dem Glätteisen. Siebenmal dicke Haare in Form zu bringen, dauert und beansprucht ganz schön die Armmuskeln. Es hieß dann aber auch, Haare flechten, Nägel lackieren und Outfit abnicken. In einem Haus mit 13 Mädels dauert es halt, bis alle fertig sind.

Dann ging es herausgeputzt zum Saal, wo die Feier stattfand. Die Deko war in blau und weiß gehalten und ein roter Teppich führte vom Eingang bis zur Mitte des Saals. Als dann das Geburtstagskind in blauen Abendkleid und Krönchen im Haar von der Festgesellschaft empfangen wurde, durfte ich lernen, wie ein 15. Geburtstag hier auszusehen hat. Es war wirklich schön, die Mädchen in ausgelassener Stimmung zu erleben und auf der Tanzfläche war eigentlich nie genug Platz für alle, die tanzen wollten.


Ich gewöhne mich nicht nur an das Klima, sondern auch so langsam an die Tierwelt. Gerne sitze ich nach einem Regenschauer draußen unter der Veranda und beobachte die Vögel, die sich dort zu ihrem Festmahl treffen und bin jedes Mal erstaunt, wie viele verschiedene Arten es hier gibt und dass ich nur eine benennen kann: den Kolibri, der von Blüte zu Blüte flitzt und dabei so schnell ist, dass man ihn nur betrachten kann, wenn er ″stehen″ bleibt und aus dem Blütenkelch trinkt. Ich genieße die anhaltende Blütenpracht und habe nun begonnen, mir ein paar dieser Blüten haltbar zu machen, indem sie nun unter all den Büchern zusammenpresst werden, die ich mit auf die Reise genommen habe. Bei jeder haarigen Raupe denke ich an die vielen wunderschönen Schmetterlinge, die es hier in Größen und Farben gibt, wie man sich es kaum vorstellen kann. Aber auch an meine kleinen Mitbewohner, die sich nur ab und an zeigen: kleine Echsen. Zum Glück essen sie ein paar Moskitos, die dann nicht die Gelegenheit bekommen, mich an der letzten freien Stelle meines Körpers noch einmal zu stechen. Aber es gibt dann doch das ein oder andere Tier, vor dem ich noch etwas Respekt habe. So sieht es mit dem Haustier in der Schule aus. In einer Englischstunde fragten mich die Schüler, was denn bitte die Übersetzung von Lagarto sei. Ich runzelte die Stirn. Dieses Wort kannte ich nicht und wusste nicht einmal die Übersetzung ins Deutsche. Ich fragte nach, was das denn sei und sie meinten: ″Na Juancito! ″ Häh, wer ist das denn? Sie führten mich vor die Tür und da war es, das Haustier der Schule. Gerade im richtigen Moment kam er aus seiner Behausung ― einem Abflussrohr ― hervor. Mein Herz stand etwa gefühlt für mehr als einen Moment still. Eine Echse, aber nicht so süß, wie meine Mitbewohner. Ein Meter lang und mit einer spitzen Zunge, die zugleich zum Vorschein kam. So schnell werde ich die Vokabel Lagarto wohl nicht mehr vergessen. Auf meine Frage hin ob dieses Tier nicht gefährlich sei, folgte ein ″Ja, klar!″ Aber sie gehören hier halt zur normalen Tierwelt und man lernt mit ihnen wohl umzugehen. Also ist Juancito ein ganz normales Haustier. Vielleicht werde ich mich ja noch etwas daran gewöhnen und ihn irgendwann sehr sympathisch finden? Man weiß ja nie, zumindest verdrückt er ein paar mehr Moskitos.


Es ist immer noch Frühling, wobei die Temperaturen schon steigen. Aber, so wie bei uns darf ein Fest in dieser Zeit nicht fehlen: der Muttertag! Die Figur der Mutter ist hier, was man auch an der Verehrung Marias erkennen kann, wirklich wichtig. Neben allen Bastelaktionen gab es dann in der Kirche am Vorabend eine Verlosung. Jeder Gottesdienstbesucher bekam ein Los und mit Glück konnte man dann noch ein Geschenk ergattern. Last Minute sozusagen. Für den ein oder anderen war es wohl die Rettung, wenn das Kaufen einer Kleinigkeit für die Mutter doch etwas in Vergessenheit geraten ist.


Es ist verrückt zu sehen, dass ich nun seit drei Monaten unterwegs bin. Und ich kann nun wirklich sagen, dass ich angekommen bin. Ich habe so langsam meinen Rhythmus gefunden. Und die Wege zu meinen Projekten, bei denen ich auch gerne mal auf den Bus verzichte und sie zu Fuß zurücklege, auch wenn dann die Waschmaschine (ein T-Shirt reicht für einen Morgen) dreimal statt zweimal die Woche läuft, sind zur Gewohnheit geworden. Hier geht es langsam, aber sicher auf die Ferien zu. Sie beginnen Ende November und dauern drei Monate. Bei dem Wetter kann ich das gut verstehen. Mit ihnen wird sich mein Leben hier noch einmal etwas ändern. Aber dazu erzähle ich euch mehr, wenn es wirklich so weit ist.