Trigger

Josefine Naton - MaZ in Bolivien: Fénix die ganze Schönheit des Lebens entfalten

Schon vor ein paar Tagen hat der November begonnen. Ich konnte es erst gar nicht so recht glauben, doch während hier der Frühling langsam zum Sommer wird und die Sonne zunehmend stärker wird, muss man in Deutschland wieder mit Schal aus dem Haus gehen. Die Zeit fliegt wirklich an mir vorbei. Meine Tage sind voll und abends bin ich immer kaputt, sodass ich nur selten dazu komme, meine Gedanken aufzuschreiben. Doch trotzdem schaffe ich es immer wieder einen Moment der Entspannung zu finden und wenn es nur die Zeit ist, die ich im Truffi verbringe. Denn dort kann ich mittlerweile auch mal die Augen schließen oder meinen Gedanken nachhängen, ohne direkt in Panik zu verfallen, ich könnte an meinem Ziel vorbeifahren. Meine Orientierung war noch nie die Beste, aber hier in Cochabamba finde ich mich langsam zurecht.

In meinem letzten Rundbrief hatte ich angekündigt, diesmal von dem anderen Projekt, in dem ich arbeite, zu erzählen. Ich möchte Ihnen und Euch also nun ″Fénix″ vorstellen. Fénix ist spanisch für ″Phönix″ und ist meiner Meinung nach auch wieder ein wunderschöner Name, der dem Projekt den Charakter gibt, den es verdient. Die Kinder und Jugendlichen, mit denen wir dort arbeiten, kommen aus zerrütteten Familien, die in extremer Armut leben, deren Eltern verschiedenste Probleme haben und die bedroht sind, irgendwann auf der Straße zu landen. Um genau das zu vermeiden, wird mit der ganzen Familie präventiv gearbeitet. Vormittags und nachmittags sind die Kinder bei uns und abends gibt es regelmäßig Elterntreffen, in denen auch mit ihnen thematisch gearbeitet wird. Das Projekt will ihnen helfen, wieder vom Boden aufzustehen und die ganze Schönheit und das ganze Potenzial ihres Lebens, ihre Stärken zu erkennen. So, wie ein Phönix aus der Asche in neuem Glanz emporsteigt.

Erstmal allgemein zu dem Projekt. Fénix besitzt ein festes Haus, in das die Kinder und Jugendlichen jeden Tag kommen. Dort verbringen wir dann Zeit mit ihnen, machen die Hausaufgaben oder andere Bildungsaufgaben, essen zusammen, spielen, tanzen, etc. Das Projekt ist in zwei große Gruppen unterteilt. Morgens kommen die Kinder, die danach am Nachmittag zur Schule gehen und nachmittags kommen dann die anderen Kinder, direkt von der Schule. In der Morgen-Gruppe gibt es so um die 40 Kinder, die in Kleinkinder, Kinder und Jugendliche unterteilt sind. Morgens ist es häufig chaotisch, laut und turbulent. So viele Kinder auf einmal auf so engem Raum können einem wirklich an den Nerven zerren. Nachmittags dagegen sind es nur zehn Kinder, die alle im Alter zwischen sieben und dreizehn sind. Natürlich können auch die zehn Kinder sehr anstrengend werden, aber es ist doch deutlich etwas anderes.

Nachdem Elisa und ich zwei Wochen lang komplett in Fénix gearbeitet haben, sind wir nun in beiden Projekten tätig. Ich freue mich sehr, dass ich nach-mittags in Fénix arbeiten darf. Zugegeben, mit Kindern zu arbeiten ist nicht die einfachste Aufgabe für mich, doch diese zehn Kinder, die ich dort jeden Tag sehe, habe ich schon schnell in mein Herz geschlossen und freue mich wirklich sie jedes Mal zu sehen. Auch mit den anstrengendsten Kindern hatte ich schon wirklich schöne Erlebnisse und mit jedem Tag begegnen sie mir mit mehr Respekt und Freude. Um die Geduld zu bewahren und Nachsicht mit den Kindern zu haben, hilft es mir sehr, wenn ich mir immer wieder ihre Situation ins Gedächtnis rufe. Alles was man tut hat einen Grund. Wenn also vor mir ein kleiner Junge sitzt, der anfängt zu weinen, weil ein anderer ihm den Kleber nicht geben möchte oder ein Mädchen mich regungslos anschaut, wenn ich ihm die Hausaufgaben erkläre und keinerlei Anstalten macht, auch nur eine Zahl oder ein Wort aufzuschreiben, dann versuche ich mich zu fragen, was gerade in dem kleinen Köpfchen vor sich geht. Jedes Kind dort hat eine eigene Geschichte zu erzählen, hat Eigenheiten, die es besonders machen, verschiedene Stärken und auch Schwächen, die jeden Tag deutlich werden. Und mit all ihren Ecken und Kanten, aber auch ihrer Lebendigkeit und ihrem Charme habe ich sie alle lieb gewonnen:

Antonia, die mich jedes Mal aufs Neue begeistert, wie schnell sie Dinge begreift, umsetzt und auch den anderen erklären kann. Johanna, die so ruhig und liebevoll ist und dann doch plötzlich mit Lebendigkeit überrascht. Francesco und Jasmin, die beiden Brüder, die sich über alles lieben und im gleichen Augenblick total in die Haare bekommen können, aber immer zusammen-halten. Tom und Tom, die beiden ältesten der Gruppe, die mich jeden Tag neu herausfordern und es eines der schönsten Gefühle ist, wenn ich merke, dass sie mich dann doch nicht so schlimm finden, wie sie versuchen vorzugeben. Melanie, die nicht still sitzen kann und am liebsten alles tut, nur keine Hausaufgaben, sich dann aber doch dazu bewegen lässt, wenn man lange genug mit ihr gekuschelt hat. Julius, der jüngste und kleinste in der Runde, der trotzdem oft der lauteste ist und doch hat man immer das Bedürfnis ihn in Schutz zu nehmen, so zerbrechlich wirkt er. Jeremia, der auf den ersten Blick sehr ruhig und zurückhaltend wirkt, das schelmische Blitzen in seinen Augen ihn aber immer verrät. Und zum Schluss noch Josef, Antonias kleiner Bruder, der sich deutlich schwerer tut, Dinge zu begreifen, aber immer mit Begeisterung dabei ist und mit seinem zuckersüßen Lächeln einfach jeden um den Finger wickeln kann.

In Fénix wurde mir von Anfang an recht viel zugetraut und Verantwortung übergeben, sodass ich häufig mit den Kindern auch alleine bin und den ganzen Nachmittag organisiere. Allerdings bin ich nie wirklich komplett auf mich alleine gestellt. Wenn es ein Problem gibt, ich eine Frage habe oder die Kinder im ganzen Haus verteilt herumrennen und nicht auf mich hören, ist immer jemand da, der eingreifen kann. So habe ich immer etwas zu tun, kenne mittlerweile auch den Ablauf und muss trotzdem keine Sorge haben, dass ich etwas nicht schaffe.
Die anderen Mitarbeiter in Fénix sind deutlich ruhiger, als in Coyera. Man spricht nicht so viel miteinander, sondern geht mehr alleine seiner Arbeit nach. Aber es wird mit jedem Tag angenehmer und einfacher sich auch in diese Gruppe zu integrieren.

Doch leider ist nicht alles perfekt. Ich habe lange überlegt, ob und wie ich  davon erzählen soll, was mich stört und immer wieder negativ auffällt, denn wichtig ist, dass ich mir selber klarmache, dass ich mich zum jetzigen Zeit-punkt mitten im Kulturschock befinde. Nachdem ich hier in Bolivien richtig angekommen bin, immer tiefer in die Arbeit, die Kultur und das Leben hier eintauchen durfte, wird mir klar, dass nicht alles perfekt ist. Meine Phase der Euphorie, in der ich alles Neue einfach nur begeistert in mich aufgesogen habe, schwenkt nun um. Bis jetzt sind so viele Eindrücke auf mich eingeströmt, dass ich mit dem Verarbeiten fast nicht hinterherkam. Irgendwann sind mir immer mehr negative Dinge aufgefallen, die mich stören und im Moment wird es mir manchmal sogar zu viel.
Die Unpünktlichkeit, von der ich schon berichtet habe, ist hier das kleinste Problem. Daran schaffe ich mich tatsächlich zu gewöhnen und die Gelassenheit, die damit einhergeht, sogar zu genießen. Was mich mehr erschreckt, ist die Bildung. Ich mache mit Kindern verschiedenen Alters Hausaufgaben und bei fast allen ist es anders, als ich mir es erwarten würde. Was mich allerdings am meisten stört ist, war eine andere Begebenheit. Ich habe schon mehrmals mitbekommen, dass manche Erzieher die Hausaufgaben für die Kinder machen, wenn diese sich weigern sie selber zu machen. Für mich wäre der richtige Weg, mit Geduld und Ausdauer dem Kind seine Grenzen und Pflichten aufzuzeigen. Aber in diesem Fall wurde dem Kind alles vorgesagt oder teilweise sogar selber aufgeschrieben. Wer mich kennt, weiß, wie wichtig mir das Thema Bildung ist. Gerade diese Kinder, die ganz unten sind und denen wir die Chance geben wollen, aus eigener Kraft nach oben zu steigen, brauchen dort, meiner Meinung nach, einen anderen Umgang. Gleichzeitig wird den Kindern immer wieder gesagt, dass sie die Besten in der Schule sein müssen, da sie doppelte Unterstützung bekommen: die der Eltern und die des Projektes. Ich habe immer wieder den kleinen Josef vor Augen, der fleißig seine Aufgaben macht und immer mehrere Anläufe braucht, bis es richtig ist. Er ist nicht der Beste, aber er gibt sein Bestes und das ist doch viel wichtiger. Ich gehe davon aus, dass das auch die Intention dahinter ist und doch baut es in meinen Augen einen Druck auf, der manche Kinder eher zum Gegenteil bewegt, sodass sie gar nichts mehr machen.

Doch glücklicherweise und dafür bin ich auch sehr dankbar, habe ich Elisa, mit der ich mich regelmäßig und ausführlich über alles austausche. Gegenseitig unterstützen wir uns, betrachten die Situation der anderen und reflektieren unsere Gefühle und Gedanken. Dadurch behalte ich immer die schönen Dinge im Auge und bin trotz aller Schwierigkeiten froh darüber, hier zu sein.

Anmerkung: Die Namen der Kinder im Text wurden aus Datenschutzgründen ausgetauscht