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Valerie Stenzel - MaZ in Bolivien: Viele bereichernde Erfahrungen

Ich bin als Missionarin auf Zeit für ein Jahr in Bolivien in einem kleinen Andendorf. In dem ersten Rundbrief habe ich zusammen mit meiner Mit-MaZ Ruth schon viel über unser Leben hier geschrieben. Doch jetzt will ich ein paar allgemeine und doch so wichtige Dinge mitteilen.

Ich habe von vielen Menschen in Bolivien und vor allem in den ländlichen, noch ärmeren Gebieten mitbekommen, die unter Armut leiden, die nicht nur Verzicht auf einige materielle Dinge wie Heizung, Waschmaschine, ausreichend Kleidung bedeutet, sondern deren Armut richtig an die Existenz geht. Das musste ich an ausgemergelten Frauen, barfuß laufenden Kindern oder an alten Menschen sehen, die in ebenfalls alten Schubkarren gefahren werden, weil es keine Rollstühle gibt. Dennoch geht es nicht um Klischeebilder von Kindern mit Hungerbauch und Fliegen in den Kulleraugen. Das sind Vorurteile über Armut, die ich hier nicht bestätigt gefunden habe.

Ich habe ein anderes Gesicht von Armut kennengelernt, weil die Menschen in Bolivien die hässliche Maske der Armut vom Gesicht reißen. Sie finden immer Anlässe zum Lachen und machen gerne Scherze. Und wenn nur jemandem eine Zwiebel aus der Hand rutscht und über den Boden rollt, ist das schon ein Grund zum Lachen und um einen Moment alle Sorgen zu vergessen. Doch ich habe nicht nur eine erstaunenswerte Lebensfreude bei den Leuten erfahren, sondern auch einen eisernen, mutigen Lebenswillen. Sie arbeiten hart und geben alles, um für ein etwas besseres Leben ihrer Kinder zu kämpfen, doch ohne jede Verbitterung und ohne Selbstmitleid.

Das finde ich immer bewundernswert, dass ich von den Menschen, die am meisten Anlass hätten zu klagen und sich zu bemitleiden, so etwas nicht höre. Dann muss ich an den Haufen von Nichtigkeiten denken, über die man sich in Deutschland so oft beschwert und ereifert, mit aller Ernsthaftigkeit und Überzeugung. Durch meinen Perspektivwechsel erscheinen mir manche solcher Dinge jetzt fast lächerlich. Wen kann man sich in Deutschland vorstellen, der bei Stromausfällen zum Wasserhahn geht und lacht: "Zumindest ist nicht gleichzeitig das Wasser ausgefallen."? Welches Mädchen kann man sich in Deutschland vorstellen, das barfuß ist, weil ihre Flip-Flops, ihr einziges Paar "Schuhe", kaputt gegangen sind, und auf die Frage, ob sie nicht friere, nur lachend sagt: "Ich spiele jetzt einfach noch viel mehr Gummitwist, dann wird mir warm".

In Deutschland, denke ich mir da, schmollen Kinder und Jugendliche schon und machen ihren Eltern Vorwürfe, wenn sie nicht die neuesten und coolsten Markenschuhe haben. Da denke ich oft, dass wir uns Probleme selbst schaffen und unserer Lebensfreude nur selbst im Weg stehen. Viel häufiger sollten wir Gott danken für das, was wir haben, und nicht für uns selbst bitten, sondern für die, die es nötiger haben. Manchmal frage ich mich tatsächlich, ob die Menschen in Europa nicht sogar auf eine andere Art und Weise ärmer sind als viele Menschen in Südamerika.

Und auch in Bezug auf den Glauben stelle ich das fest. Wir sind alle Christen, Katholiken, wir haben den gleichen Papst, das gleiche Glaubensbekenntnis und den gleichen Ritus in der Messe. Dennoch ist etwas Wesentliches verschieden. Der Glaube. Die Menschen, mit denen ich zu tun habe, sind meist einfache, pragmatische, oft ungebildete Leute. Mit einem Gottesglauben, den man als unkritisch, unaufgeklärt, ja fast naiv-kindlich bezeichnen könnte. Doch großen Respekt habe ich davor, wie sehr hier viele mit dem ganzen Herzen Gott lieben.

So sah ich einen extrem armen, halb obdachlosen Mann, der in Quechua (einer von den Inka stammenden Sprache) vor einer Marienstatue betete. Nicht ein vorgefertigtes Gebet. Sondern ich sah, wie er von Herzen betete, unter Tränen, wie zu einem echten Menschen sprach, wie zu einer echten Mutter. Denn auch die Marienverehrung, die bei uns eher als altes Relikt und bloße Tradition angesehen wird, ist dort mit Leben und Liebe erfüllt -  egal ob unter Glückstränen ein Baby getauft wird oder ein Hagelschauer die Ernte zerstört hat, was konkret Hunger leiden bedeutet. Ich habe mit Menschen zu tun, die überall, in allen Dingen, die Gegenwart Gottes sehen und kein Bereich des Lebens ist vom Glauben ausschließen. Diese einfachen, gottgläubigen Menschen lehren mich mehr über Gottglauben als die Lehrer in all meinen Religionsstunden in der Schule.

Ich bin nach Bolivien gegangen, um zu sehen, wie es ist, seinen Glauben konkret zu leben. Einfach dankbar zu geben. Dabei habe ich eine wichtige Erkenntnis gewonnen. Das Nehmen und Geben gehört zusammen und ist nicht getrennt. Gott hat uns zwei Hände gegeben: eine zum Nehmen und die andere zum Geben. Doch wenn man gibt, Engagement, Liebe etc., kriegt man gleichzeitig auch so viel wieder zurück an Liebe, Erfahrungen.
Hier besonders, doch auch schon bei den MaZ-Seminaren im Voraus, stellen sich mir ganz fundamentale Fragen:
- Was kann ich geben?
- Was will Gott von mir?
Und Gott will nicht, dass wir jeden Sonntag in die Kirche gehen und das war’s. Das ist höchstens eine kirchliche Konvention.
- Wozu bin ich persönlich als Christ berufen?
Hier kann ich mich in Ruhe diesen Fragen stellen und nicht nur im Kopf an Antworten herumknobeln, sondern mich direkt aktiv ausprobieren und reflektieren, ob man so den Antworten näher kommt.

Natürlich haben wir unseren normalen Alltag und unser Leben auf dem Dorf ist von außen betrachtet nicht das Aufregendste. Und dennoch ist es ein Jahr, wo ich merke, wie es mich bereichert. Es gibt Momente des übermäßigen Glücks und Momente, wo ich einfach geschockt und bestürzt war. Zum Beispiel werde ich nie vergessen, wie sich in meiner zweiten Woche in Bolivien ein Mädchen aus meinem Projekt ängstlich an mich gedrückt hat. Ich dachte es wäre wegen des Unwetters, die in den Anden besonders bedrohlich donnern. Ich wollte sie beruhigen. Doch es war nicht deswegen. Sie sagte: "Wenn ich nach Hause laufe, entführen die mich bestimmt und schneiden mich auf".  Darauf konnte ich mir keinen Reim machen. Doch die Schwester hat mir erklärt, dass tatsächlich Kinder entführt werden, damit ihre Organe entnommen werden. Und zu der Zeit, als ich ankam, ist dies in der Region, wo ich bin, vorgekommen. Eine andere Freiwillige hat sogar in einer Stadt mit eigenen Augen gesehen, wie einem Vater sein Kind aus der Hand gerissen wurde. Wieviel es dabei um Organe oder um "einfachen" Menschenhandel geht, weiß man nicht. Ich erlebe, erfahre, sehe und lerne viel und verstehe so langsam auch eins: Dass meine Mission in Deutschland genauso weitergehen wird. Wo, so stelle ich es mir gerade vor, man die relevantesten Themen oft aus den Augen verliert, wo die Gleichgültigkeit gegenüber dem Nächsten und der Religion zunimmt und wo man die Dankbarkeit und die Bereitschaft einfach zu Geben vermisst.