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Pauline Metz - MaZ auf den Philippinen: Wie man einen Kulturschock bekommt

Ich lebe in einem Haus auf Stelzen am Meer, nahe des Regenwaldes. Nachts lassen Fledermäuse und der Mangobaum über mir Früchte auf mein Dach fallen. Ich habe einen Raum, zwei Glühbirnen, drei Steckdosen, einen Wasserhahn, zwei Abflüsse und das größte Glück der Welt zwischen diesen fünf Holzwänden. Außerdem einen Dachboden auf dem ein Kater lebt, der so namenlos ist wie ich.

An einem meiner ersten Tage fand ich mich in einer eiskalt geblasenen Kirche zwischen Parfümschwaden und rot markierten Lippen, Guccitaschen und getöntem Haar wieder, während zu beiden Seiten über die Gesangsbildschirme ein sehr großer, durchtrainierter Jesus am Strand entlang joggte. Alle waren sehr fromm und bezeichneten einander als ehrfürchtig. Vorne standen Figuren von weißen Buben in Messdienergewand. Und der Altar schien ein VIP-Bereich für Männer in Anzug zu sein. Das Einzige, was ich von der Predigt verstand und mich zu erinnern weiß, ist, dass man mehrmals am Tag duschen soll und Jesus seinen Jüngern riet, weniger Wein zu trinken.
Über all dem hing ein riesiger Mann am Kreuz, so weiß, dass ich nicht glauben konnte, er hätte je gelebt und so eine große, spitze Nase, dass kein Atemhauch hindurch zu blasen war.
Was geschah mir dort an jenem Samstagabend?
Manch einer würde es Kulturschock nennen. Tatsächlich war ich jedoch sehr lange enttäuscht, hier keinen Kulturschock zu erleben. Denn dieser Gottesdienst war sehr offensichtlich nicht die "philippinische Kultur". Viel mehr begann ich darin meine eigene Kultur zu hinterfragen.
Wie amerikanisch ist Deutschland? Wie sehr beeinflusst mich der Kapitalismus? Wie viel Geld stecke ich in Glauben? Wie viel Energie? Und wie sehr ist Geld mein Glaube?
Der Raum, in dem ich stand, war kein Liebeszeugnis. Viel mehr das Resultat jahrhundertelanger Unterdrückung, Ausbeutung, Intoleranz und Bürde.
Die Philippinen sind ein Weltwunder. Ein Weltwunder, das bis auf die Wurzel ausgebrannt wurde. Die wundervollsten Dinge liegen im Verborgenen.
Ich erinnerte mich an einen Flyer den amerikanische Soldaten nach dem 2 Weltkrieg im asiatischen Raum verteilten, um wieder "Ordnung" herzustellen. Darauf war ihr Idealbild einer Gesellschaftsstruktur gedruckt. Oben der Präsident, die Abgeordneten und dann... zu unterst das Bild, dass mir bis heute deutlich im Kopf ist; oben der Mann, darunter die Frau mit den Kindern. Die Frau wurde nun systematisch auf die gleiche Ebene eines Kindes gestellt, einer schutzbedürftigen, schwachen Person. Nahezu lächerlich, dass Amerika sich heute als Vorreiter für Gleichberechtigung sieht. Waren doch weite Teile Asiens lange Zeit vor den westlichen Bestrebungen für Gleichberechtigung von matriarchalischen Gesellschaften geprägt.
Ich möchte nicht fordern, dass Frauen mehr Rechte als Männern zugesprochen werden. Nur ist bei diesen Gesellschaften bis heute zu beobachten, dass es mehr ein Miteinander, als ein Führen ist.
Zu selten reflektieren wir, welch großes Leid wir Männern in unserer Gesellschaft aufbürden, wenn wir sie zu Führungspositionen erheben, nur weil sie ein anderes Geschlecht haben.
Im Cebuano, die Sprache der Kinder, mit denen ich arbeite, gibt es kein "er" und "sie", sondern nur "es". In Gesprächen auf Englisch fiel mir auf, dass Philippinos im Redefluss oft eine starke und angesehene Person mit "he" bezeichnen, unabhängig ob es sich dabei um einen Mann oder eine Frau handelt. Bei einem kranken oder schwachen Menschen ist oft von "she" die Rede.
Als die Söhne eines matriarchalisch geprägten Stammes in Südostasien gegen Ende des 20 Jh. Reformen zur Gleichberechtigung anstrebten, bekamen sie ausgerechnet Unterstützung aus Rom. Der katholischen Kirche fällt es schwer, eine Gesellschaft zu missionieren, die kein hierarchisches Vaterbild kennt. Auf den ersten Blick haben sie das auf den Philippinen geschafft. Zwar brachte es viele Tote und es war ein langer Kreuzweg, doch an dessen Ende schien ich in einer eiskalten Kirche zu stehen, während draußen Trycycels - Motorräder mit angebauten Passagiersitzen und knalligem "Mother Mary, bless my trip – Mary Jane"-Aufschriften über Asphaltdecken knatterten.
Kurz darauf stand ich in einem Hochwasserslum. Um mich Hunde, Menschen, Katzen, die sich vor einer winzigen Holzkirche drängten und darin ein Steyler Bruder, der so liebevoll auf Cebuano predigte, dass man selbst ohne Sprachkenntnisse jedes Wort verstehen konnte.
Der matschige Platz, in dessen Seitenstraßen nach dem Regen Kinder schwammen, trug keinen pompösen spanischen Namen. Der Platz trug den Namen "Ort der Hoffnung" und genau das ist auch die kleine Holzhüttenkapelle dort für mich, in der keine Götzenbilder und vergoldete Leuchter stehen.

Während der Laster über die staubige Brücke hin zu dem Slum am milchig weißen Fluss meiner Einsatzstelle fährt, blicke ich hinaus auf das wenige Grün und viele Grau, frage mich, wo der blöde Kulturschock bleibt. Alles so grau wie in Deutschland. Wann kommt endlich der Schock? Wann "das Fremde"?
Es ist nicht leicht, eine Stadt oder einen Menschen kennen zu lernen. Denn sie tragen oft Maske. Aus Eigenschutz, Tradition, Mode. Ich weiß es nicht.
Wenn ich nach traditionellen philippinischen Speisen fragte, nannte man mir oft amerikanische Süßwaren. Toblerone gäbe es so gut nur auf den Philippinen.
Doch statt darüber zu verzweifeln, forschte ich weiter.
Schließlich vertraute mir jemand das traditionelle Rezept seiner Großtante für Butbut an – einem klebrigen Reis, den man in Bananenblätter rollt und der nur in dieser Stadt so zubereitet wird.
Nun ist Reis nicht gleich Reis, doch nach Gesprächen mit alten Bäuerinnen, Händlern und Schleppjungen fand ich hinten rechts auf dem Markt den reinen Malagkit-Reis.
Als die Lehrerin meiner NGO erfuhr, was ich plante zu kochen, warnte sie mich (wie alle anderen es zuvor auch taten), welch große Arbeit ich mir doch auflud. Lieber solle ich ein Fertiggericht kaufen.
Ich widersprach. Ich war so weit, so kurz davor den Schock zu erleben.
Doch statt mich für verrückt zu erklären, wie alle zuvor, lächelte sie und sagte, dann werde sie mir helfen. Ich fand mich also mit Reis, philippinischer Schokolade und allen weiteren Zutaten mit ihr in einer Küche wieder. Dazu noch eine Studentin, die eingeladen wurde, und eine andere Lehrerin.
Kommt alle, Pauline kocht!
Also auf in die Küche. Reis waschen. Kokosmilch. Kaum ist die Milch beim Reis und am Kochen, sitzen zwei Damen in Kinder-Monoblockstühlen da und schneiden Bananenblätter, rufen Freunde an, fragen nach Mengenangaben, Erinnerungen von Gerüchen und wie es geht. Da ist das unbeobachtete Gesicht! Da ist Dumaguete mit seinem Lachen, keinem aufgesetzten Lachen. Einem Lachen, das man zubetoniert meinte. Ein Lachen, das Gänsehaut und Tränen macht. Ich bin wieder angekommen! Und weiß, ich werde nie ankommen. Pauline komm, ich zeig dir, wie meine Großmutter das gemacht hat, sagt meine Freundin. Sie ist 61 und ihre Finger rollen die grünen Blätter wie kleine Kinder es tun.
Es duftet. Es kommen noch mehr Menschen. Man redet, man lacht, man lebt. Lummy!
Er ist immer noch nicht da. Der Kulturschock. Und während ich zwischen den Gästen meiner ersten eigenen Merienda so sitze, wird mir bewusst, dass er auch nie kommen wird. Denn der Kulturschock bin ich.