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28.02.2018

Die Rolle der Roma in Rumänien - Rundbrief von Sr. Lioba Brand

In der letzten Woche hatte Sr. Lioba Brand die Gelegenheit, an der Veranstaltung zum „Beitrag der Roma Bevölkerung zur Entwicklung des modernen Staates Rumänien.“ in Bukarest teilzunehmen. In ihrem neusten Rundbrief schildert sie, was sie dort besonders berührt hat.

Obwohl hier in Rumänien der Frühlingsanfang schon am 1. März gefeiert wird, sieht es dieses Jahr noch sehr winterlich aus. Auch für die kommende Woche sind sehr kalte Temperaturen angesagt, und der Schnee wird nicht so schnell schmelzen. Trotzdem bereiten wir mit unseren Kindern die Feier für den Frühlingsanfang mit dem Muttertag am 8. März vor.

Inzwischen haben die Aktivitäten in unserem alten Haus (ehemaliges Internat) auch schon begonnen. Die Räume sind wunderschön gestaltet und es kommen täglich ca. 40 Kinder zum Mittagessen und zum Hausaufgaben machen sowie zu anderen Aktivitäten. Nach dem orthodoxen Osterfest, das dieses Jahr eine Woche später ist als unseres, wird die offizielle Einweihung sein (im April). Dann werde ich mehr davon erzählen. Von uns Schwestern ist Sr. Oktaviana aus Timor Indonesien in diesem Zentrum mehr involviert.

In der vergangenen Woche hatte ich die Möglichkeit, zusammen mit noch 5 Mitarbeitern und P. Lucian in Bukarest auf ein Symposium zu gehen, das von der European Roma Institute for Arts and Culture (ERIAC) veranstaltet wurde. Diese Organisation hat ihren Sitz in Berlin. Am Mittwoch hatten wir bis zum Mittag normal Schule und danach sind wir im VW-Bus zusammen nach Bukarest gefahren. Dort waren am Abend Kulturelle Veranstaltungen. Wir konnten nur noch an einem Konzert teilnehmen, das von einer bekannten Roma-Gruppe (Mahala Rai Banda) gespielt wurde. Für mich war die Musik eindeutig zu laut.

Übernachtet haben wir im Klösterchen der Franziskaner in Bukarest. Am Donnerstag war dann die Konferenz mit vielen Rednern. Das Thema war: „Der Beitrag der Roma-Bevölkerung zur Entwicklung des modernen Staates Rumänien.“ Dieses Thema wurde gewählt zum Anlass der 100-Jahr-Feier des Staates Rumänien. Bei dieser Veranstaltung habe ich das erste Mal mehr von der Geschichte der Roma gehört. Was mich sehr betroffen gemacht hat, ist die Tatsache, dass die Roma-Bevölkerung bis zum Jahre 1856 als Sklaven für den Staat, Baronen, und auch orthodoxe Klöster gehalten wurden. Bis 1750 wurde ihnen sogar offiziell von der orthodoxen Kirche die Menschenwürde aberkannt. Sie waren offiziell keine Menschen und wurden auch wie das Vieh behandelt und gehalten. Dieser Punkt der Geschichte wird hier in Rumänien aber ganz bewusst verschwiegen. In keinem Geschichtsbuch oder Lehrbuch der Schule erfahren die Schüler etwas darüber. Niemand möchte etwas darüber erfahren. Sobald ich jemand daraufhin angesprochen habe, wird sofort sehr abwehrend reagiert und sich verteidigt. Die Roma (Zigeuner) seien zum größten Teil selbst schuld an ihrer Misere. Auch wurde mir gesagt, die Roma bzw. Zigeuner unterstützen sich nicht gegenseitig, sondern nur ihren eigenen Clan oder Verwandtschaft, was ich auch bestätigen kann. Es ist also ein sehr verzwicktes System, nicht so ganz einfach, hier die guten Armen und dort die schlechten Reichen. Die meisten Roma sind sehr opportunistisch, so viel ich bis jetzt beobachtet habe. Sie haben auch durch viele schlechte Erfahrungen aus der Vergangenheit kein Vertrauen in den Staat, und sind auch nicht leicht zu bewegen, ihre Einstellung zu ändern und ihre Kinder regelmäßig zur Schule zu schicken. Auf der anderen Seite ist eine ganz starke Apartheitseinstellung vorhanden. Bei allen Rumänen mit denen ich gesprochen habe gilt die Einstellung wir Rumänen und die Rroma oder besser gesagt Zigeuner. Hier wird Rroma bewusst mit 2 R geschrieben.

Was mir in dieser Konferenz bewusstgeworden ist, ist die Tatsache, dass die Rroma-Bevölkerung hier bevorzugt in Ghettos verbannt wird. Das Olympia-Dorf ist ja auch ein Ghetto, wo kein noch so armer Rumäne leben möchte. Und dort hält sich der Staat fast ganz heraus, die alleinerziehenden Mütter haben keinen großen Schutz, weil so Diebstahldelikte gar nicht verfolgt werden. Die Rroma werden alle in Sippenhaft genommen. Einige Familien sind schlecht und betrügen und stehlen, alle müssen dafür büßen. Es wird nicht unterschieden. Alle sind faul und arbeitsscheu, so ist die allgemeine Meinung. Aber das stimmt ganz und gar nicht.

Eine andere Sache ist, dass das Rroma-Volk keinen Minderheiten-Status besitzt, und damit auch nicht ihre Traditionen offiziell pflegen kann. Es gibt auch noch kein Museum, wo die Geschichte dieses Volkes in Rumänien dargestellt wird. Das soll jetzt begonnen werden.

Es gibt aber auch keine einfachen Lösungen für die vielschichtigen Probleme. Die Einstellung der Menschen geht hier doch auch mehr in die nationalistische Richtung wie in Polen.

Ich möchte aber auch noch über etwas Erfreulicheres berichten. Am 8. März wird hier am internationalen Frauentag auch der Muttertag gefeiert. Dazu haben wir in der Schule eine Feier für die Mütter unserer Kinder. Unsere Klasse bereitet ein kleines Frühlingstheater vor. Die meisten Kinder haben niemanden zu Hause, der lesen kann, um mit ihnen die Rollen zu lernen. Ich habe mit Florin, der etwas langsamer lernt, einen Vers von 4 Zeilen gelernt. Und er hat es tatsächlich in 20 Minuten gelernt und hat sich unsäglich gefreut. Er hat mich in seinem Überschwang sogar Mamma genannt. Und Cornelia hat ein rumänisches Sprichwort zitiert, das heißt: „So schwarz ist der Wolf gar nicht.“

Soviel für heute wieder. Ich wünsche Euch allen eine gute Zeit der Vorbereitung auf das Fest des Lebens.
Im Gebet verbunden Grüße ich von Herzen,
Sr. Lioba