„Gefüllt mit Menschen, Gebet, Leben“

Sr. Anne-Sophie Dessouroux war im September wieder einmal in unserer Kommunität in Laupheim. Hier beschreibt sie den Wandel, den sie dort in den vergangenen Jahren mitansehen konnte. Für sie ist besonders schön, dass ein Ort geblieben ist.

Dezember 2022. Mein erster Besuch in Laupheim. Vor mir steht das Dreifaltigkeitskloster der Steyler Missionsschwestern. Ein großes, hellgelbes Gebäude mit einem großen Kreuz vor dem Eingang. Rund um das Kloster gibt es große Wiesen mit mehreren Obstbäumen, einen Kräuter- und Gemüsegarten, ein Labyrinth und verschiedene Hühner, die fröhlich rumgackern. Der Park mit seinen hohen und alten Bäumen lädt zum Verweilen ein. 

März 2024. Das Dreifaltigkeitskloster ist eine riesige Baustelle. Kräne, Bagger, Matsch, LKW voller Beton und Steine, Lärm. Mittendrin: der Umzug meiner älteren Mitschwestern. Raus aus den vertrauten, eingelebten und herzlichen Gebäuden des Klosters, die bald abgerissen werden. Die neuen Räumlichkeiten des Seniorenzentrums illerSENIO sind das neue Zuhause der Schwestern. Modern, unbenutzt, fremd, groß und gewöhnungsbedürftig. Ich bin Zeugin, wie sich die alten Zimmer nach und nach leeren und immer kahler werden. Ich betrachte das leer gewordene Gebäude. So viel wurde zwischen diesen Wänden gelebt, gefeiert, gebetet. Es ist Zeit, Abschied zu nehmen von einem ganzen Teil der Lebensgeschichte vieler Mitschwestern. Ich bewundere sie: Sie sind ein Leben lang darin geübt, loszulassen. Jetzt wird das Gelübde der Armut wieder ganz konkret spürbar. Und gleichzeitig die Erfahrung: Wenn die Hände leer sind, kann der Herr sie füllen! Denn die neuen Gebäude des Seniorenzentrums füllen sich nicht nur mit Gegenständen und Kleidern, sondern auch mit Menschen, mit Gebet, mit Leben! Und die Hühner ziehen mit um.

September 2026. Mehrere Jahre und Baustellen später steht das Seniorenzentrum illerSENIO vor mir. Von dem alten Kloster ist nichts mehr zu sehen. Stattdessen: ein riesiger Komplex von mehreren modern aussehenden Gebäuden. Mehrfamilienhäuser, betreutes Wohnen, ein Restaurant, ein Seniorenzentrum mit verschiedenen Pflegeabteilungen. Im Zentrum: die Kapelle des Klosters, die eine Schönheitskur bekommen hat und jetzt hell und freundlich in neuem Licht erstrahlt. Genauso wie der Park. Auf dem Gelände treffe ich Mitarbeitende, Besucher und Besucherinnen, frisch eingezogene Hausbewohner und –bewohnerinnen, Mitschwestern. Die Gespräche entwickeln sich rasch bei den einladenden Sitzgruppen. Mich beeindruckt die Größe der Gebäude und des Projektes. Die Architektur ist schlicht und modern. Innen sind die Räumlichkeiten geräumig und stilvoll eingerichtet. Standardisiert und einfach schön. Schön auch, dass die Steyler Schwestern durch ihre Entscheidungen und das Projekt von illerSENIO anderen Menschen ermöglichen, alt zu werden mit Würde und Schönheit. Schön, dass die Schwestern andere einladen, gemeinsam den Weg ins Alter zu gehen. Schön, dass die Kapelle das Zentrum des Ganzen bleibt und alle zur Messe und anderen spirituellen Angeboten einlädt. Übrigens: Ein paar Obstbäumen sind noch auf dem Gelände. Genauso wie die Hühner.  

Sr. Anne-Sophie Dessouroux