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Marina Sch. - Bolivien: Somos Argentinas, no somos perfectas

Ich fühle mich wohl hier in der Fazenda "María Madre de la Divina Providencia". Auch wenn mein Einsatz ganz anders verläuft, als ich es mir vorgestellt habe (deshalb der Titel: "Wir sind Argentinierinnen, wir sind nicht perfekt"), fühlt es sich genau richtig an, hier zu sein.
Nach drei Wochen Sprachkurs in Asunción de Paraguay (Kurzfassung: Wenig gelernt, viel entdeckt und noch mehr Essen probiert. Favoriten: Unsere liebenswerte Gastfamilie, haushohe Grafitti, Fußballturniere mit der ganzen Nachbarschaft, Maniok und Chipa) wurde ich sehr herzlich in der Fazenda aufgenommen.

Hier auf dem Land sind wir acht Mädels, die zusammen leben, beten und arbeiten. Meine jüngste Fazenda-Schwester ist Caro (15). Außerdem lebt mit mir Ale (22), die ihr Jahr der Rekuperation ("Wiederherstellung") schon beendet hat, Fran (28), unsere (ebenfalls deutsche) Verantwortliche, Ale (30), Mayka (32), Nati (34) und Nati (36). Nicht zu vergessen: Milo, unser Hütehund, die Katze Catalina und 17 Hühnchen.

Die meisten der Mädchen haben in ihrer Vergangenheit Drogen konsumiert. Doch im Grunde kann sich in der Fazenda jeder rekuperieren ("erholen"/"neu beginnen"), der das wirklich möchte. Wir erholen uns zum Beispiel von Depressionen, Alkohol- und Drogenkonsum, Essstörungen, Gewalterfahrungen oder dem Leben auf der Straße. Oft fassen wir all das mit den Worten "unser altes Leben" zusammen.
Im letzten Brief habe ich ein wenig die drei Säulen Gemeinschaft, Arbeit und Spiritualität erläutert. Hier seht ihr unseren Stundenplan, in dem die drei Säulen umgesetzt sind:

Dieser Stundenplan hilft, sich wieder an einen geordneten Alltag zu gewöhnen. Jede Woche ist ein Mädchen für die Küche eingeteilt, ein anderes putzt täglich das Haus. Wir arbeiten im Garten, üben uns in verschiedenen Handarbeiten und produzieren Brot, Torten, Kekse und Marmeladen.
Die Produkte verkaufen wir in den umliegenden Dörfern und monatlich an die Angehörigen der Mädchen. Auf diese Weise finanziert sich unsere Fazenda. Darüber hinaus unterstützen die Fazenda zahlreiche Freiwillige: Zwei Señoras lehren uns Handarbeiten, andere Freiwillige geben Glaubensunterricht, helfen uns renovieren, kaufen für uns ein oder verbringen einfach ihre Zeit mit uns (und ganz viel Mate-Tee).

Auch wenn das Zusammenleben von acht Mädels turbulent und unterhaltsam ist, sind es die Freiwilligen, die immer wieder Abwechslung in die Fazenda bringen. Denn im Alltag leben wir ziemlich abgeschieden von der Außenwelt: Wer sich für die Rekuperation in einer Fazenda entscheidet, verzichtet für ein Jahr auf sein Handy, auf Fernsehen und PC. Außerdem darf man die Fazenda nicht allein verlassen. Diese Regeln helfen dabei, sich auf die Rekuperation zu konzentrieren.
Wenn wir aber zusammen einen Ausflug machen (und als reisefreudige Fazenda tun wir das.), ist die Freude umso größer. Eines Nachmittags haben uns Fran und Ale damit überrascht, dass wir Freiwillige mit Pferden und einem Polofeld besucht haben. Dort durften wir reiten und einen entspannten Abend mit Mate-Tee und Kuchen genießen.

Besonders spannend fand ich den Besuchssonntag: Nach drei Monaten in Rekuperation können die Mädchen zum ersten Mal Besuch empfangen. Für mich als Fazenda-Schwester ist es ebenso aufregend, den Sohn oder die lustigen Tanten kennenzulernen. Schließlich haben wir schon so viel von den Verwandten gehört. Und irgendwie hilft es mir auch, die Geschichten meiner Fazenda-Schwestern zu verstehen.
À propos "Geschichte verstehen": Mein persönliches Highlight war definitiv unsere Reise nach Rosario, der drittgrößten Stadt Argentiniens. Dort wurden wir von Schulen, von einer christlichen Bewegung und vom GrupoEsperanzaViva (Ambulatorium der Fazenda) eingeladen, um unsere persönlichen Erfahrungen zu teilen. Am Tag zuvor hatten wir uns ein bisschen vorbereitet und unsere Vergangenheiten besprochen. Umso eindrucksvoller schien mir, wie die Mädchen schließlich zu ihrer Geschichte standen. Mayka und Caro, denen das Sprechen vor solch großem Publikum einiges an Überwindung abverlangte, meisterten die Erfahrungsberichte mit Bravour. Sogar die Schüler(innen) lauschten aufmerksam und gerührt.
Außerdem zeigte uns dieses Zurückblicken, welchen Weg wir schon zurückgelegt hatten. Zum Abschluss des Tages feierten wir eine Messe, bei der zwei neue Rekuperanten für ihren Fazenda-Eintritt gesegnet wurden.

Unseren nächsten großen Familienausflug werden wir Anfang Dezember antreten. Für acht Tage vereinen sich alle Fazendas der Region Lateinamerika-Süd in Córdoba, stärken sich spirituell und (was uns alle umtreibt) wetteifern bei einer "Gincana" in Volleyball, Zwiebeln-Essen und Ungeziefer-Fangen. Schon jetzt sind wir voll Vorfreude.
Hier passiert so viel, verändert sich so viel. Bald werden wir in ein neues Haus umziehen und das alte renovieren, wir werden unseren Pool für den Sommer vorbereiten, für ein Krippenspiel üben und unsere Hühnchen schlachten.

Veröffentlicht: 22.11.2016 / Martin Eibelsgruber

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