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Glaube und Politik gehören zusammen

Hildegard Burjan, eine österreichische Sozialpolitikerin und Ordensgründerin der Schwesterngemeinschaft Caritas Socialis, stand beim letzten Mittwoch für Frauen im Dreifaltigkeitskloster im Mittelpunkt. Unsere Assoziierte Ilga Ahrens stellte die facettenreiche Frau vor.

Soziales Engagement mit Spiritualität zu verbinden, das war eine Idee, die Ilga Ahrens bei ihrer ersten Begegnung mit Hildegard Burjan im Internet, begeisterte. Ein zweites war, deren Gründung einer Gemeinschaft, der verschiedene Lebensformen angehören. Als Assoziierte der Steyler Missiosschwestern hat auch Ilga Ahrens sich enger mit einem Orden verbunden, mit dem sie seit 35 Jahren auf dem Weg ist, wie Oberin Sr. Hildegard Ossege bei Ihrer Begrüßung erklärte.

Welch außergewöhnliche Frau Hildegard Burjan war, wurde schon in der Einstiegsrunde deutlich. In ihr vereinten sich die Grande Dame des Wiener Großbürgertums, die konvertierte, jüdische Katholikin, die spirituell suchende, selbstbewusste Frauenrechtlerin, die hochgebildete Philosophin und die Parlamentarierin im Fachbereich Soziales. Wenn diese Frauen jeweils einzelne Personen wären und ein gemeinsames Projekt aufstellen sollten, wäre dies sicher schwierig. Aber Spannung kann zerreißen oder eine Brücke bilden, so die Referentin.

Bereits als Kind jüdischer Eltern fühlte Hildegard Burjan sich zum Gebet christlicher Nonnen hingezogen. Während des Germanistik- und Philosophie-Studiums in der Schweiz erkannte sie, dass ethische Vollkommenheit ohne Glauben an Gott nicht möglich ist. Nach einer schlimmen Nierenerkrankung, bei der die Ärzte sie bereits aufgegeben hatten, war sie am Ostermorgen praktisch geheilt. Die Pflege und Hoffnung der Schwestern des Hedwig-Krankenhauses, in dem sie während dieser Zeit lag, war für sie die Wende. Sie wollte nun getauft werden, bekam zwei Jesuiten an ihre Seite und da sie schon viel wusste, ging es auch sehr schnell.

Mit ihrem Mann, den sie während des Studiums kennengelernt hatte und der nun eine Stelle als "Manager" antrat, ging es zurück nach Wien, in dem es keinerlei Sozialgesetzgebung gab. Schon damals vertrat sie die Ansicht, dass der Mensch keine Almosen, sondern seine Würde bekommen soll. "Ich bin jemand und ich kann etwas."

Ihr Mann lässt sich taufen. Sie wird schwanger, bekommt das Kind trotz großer Gefahr für Leib und Leben. Die Erziehung gestaltet sich jedoch nicht in Hildegard Burjans Sinn, sodass sie später sagt: "An Lisa habe ich versagt".

Ihr großes Haus in Wien ermöglicht ihr viele Leute ins Boot zu holen, und so reicht ihr Engagement vom Fundraising bis zur Strukturarbeit. Sie geht zu den Heimarbeiterinnen und den Hausangestellten, die die höchste Selbstmordrate hatten. Sie stellte einen Forderungskatalog an die Politik auf, fragte aber auch in ihren Kreisen nach, ob die wohlhabenden Frauen mit ihrem Kaufverhalten auch verantwortlich waren, dass Kaufleute die Heimarbeitsfrauen unter Druck setzten, damit sie billiger produzierten. Sie gründet einen Frauenverein und sorgt für fairen Materialhandel. Trotz dieses großen Engagements fühlte sie sich auch sehr dem kontemplativen Gebet zugezogen. Sie hatte ihr Brevier überall dabei.
Das volle Interesse für Politik gehört aber zum christlichen Engagement und so war es keine Überraschung, dass sie Abgeordnete und einzige Frau, der christ-sozialen Partei wurde. Ihre sehr integrative, immer auf der Sachebene bleibende Arbeit, die sie auch zur Zusammenarbeit mit Frauen der Sozialdemokratie führte, wurde ihr von kirchlicher Seite angelastet. Als der Antisemitismus stärker und der Fraktionszwang bindend wird, lässt sie sich nicht mehr aufstellen.

1919 gründet sie mit Unterstützung von Prälat Ignaz Seipel in Wien  eine Schwesterngemeinschaft und wird als Oberin gewählt, blieb aber auch weiterhin Ehefrau. Sie wollte etwas Zeitangemessenes schaffen. Es ist eine Mischung aus geistlicher Gemeinschaft und „Säkularinstitut“. Sie hat beide Bereiche genützt. Die Schwesterngemeinschaft lebte gemeinschaftlich. Die soziale Arbeit hatte aber Vorrang. Die Arbeit am Menschen ist auch Spiritualität und das Gebet kann verrichtet werden, wenn Zeit dafür ist. Es gab Gründungen in Berlin, München und der damaligen Tschechoslowakei. Die Gemeinschaft hatte großen Zulauf.

Grundlegend für die Arbeit waren zwei Fragen: Was ist jetzt dran? Das heißt, man legt sich nicht auf eine Form der Arbeit fest, z.B. nur Krankenpflege, oder nur Altenarbeit. Die andere Frage lautet: Welche Leute haben wir? Dafür nahm sich Hildegard Burjan intensiv Zeit, um  herauszuspüren, was das Talent ihrer Schwestern war.

1933 stirbt sie mit 50 Jahren.

In einer Murmelrunde tauschten sich die Anwesenden anschließend aus. Hildegard Burjan hat zu ihrer Zeit Themen angesprochen und bearbeitet, die noch heute hochaktuell sind: Flüchtlingsarbeit, Fairhandel, Solidarität mit den Unterdrückten und Schwachen. Es gibt viele Möglichkeiten für die Einzelne politisch aktiv zu werden, sei es bei Unterschriftenaktionen, Demonstrationen, Friedensgebeten, 1. Mai-Demonstrationen gegen Rechts. Soziales Engagement ist vielfältig möglich, unter anderem bei Caritas oder Amnesty international, auch im Gemeinderat oder bei Wahlversammlungen können Fragen nach sozialem Engagement gestellt werden.

Ilga Ahrens beschloss den hochinteressanten und bereichernden Abend mit den Worten:
"Fromm sein und politisch zu sein gehören zusammen!"

Text: Gerlinde Wruck

Sr. Hildegard Ossege mit Referentin Ilga Ahrens
Viele Schwestern sind zum Vortrag gekommen
Entzünden der Kerze als Zeichen für die Taufe Hildegard Burjans.
Murmelgruppe.
Noch mehr Murmelgruppen.
Sr. Bernadette Dunkel begleitet beim abschließenden Impuls mit Gitarre.
Ein Dankeschön nach Hildegard von Bingen, überreicht von Gerlinde Wruck.
Mitte, die die vielen Facetten Hildegard Burjans zum Ausdruck bringt.