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Leben bewahren – vom Mutterleib bis ins hohe Alter

Im Rahmen ihrer Ausbildung zur Exerzitienleiterin hat Sr. Stefanie Hall gerade ein Sozialpraktikum in einem Haus mit Babyklappe absolviert. Ihre Eindrücke hat sie in einem sehr persönlichen und dankbaren Bericht zusammengefasst.

Das Agape-Haus in Lübeck, ein Haus des Lebens, das war mein Sozialpraktikumsplatz während meiner Ausbildung zur Exerzitien- und Geistlichen Begleiterin. Ein Haus mit einer Babyklappe, der zweiten in Deutschland bei der Installierung, an der Außenfront. Ein Haus mit mehreren ausländischen Familien, die dort wohnen, ein Haus mit einem netten Hausmeisterehepaar, das dieselben Namen haben wie ich – Stefan und Steffi – und vor allem einem Ehepaar, das schon über 50 Jahre gemeinsam alle Höhen und Tiefen des Lebens bestreitet: Friederike und Günter Garbe.

Entdeckt habe ich dieses Haus durch einen Bericht in der April-Ausgabe 2017 der Steyler Familienzeitschrift "Stadt Gottes", den ich auf der Rückfahrt einer Kurseinheit meiner Ausbildung im Zug las. Dieser Bericht sprach mich aus mehreren Gründen so an, dass ich sofort dachte: "Das ist es! Dort mache ich mein ‚Soziales Experiment‘". Nach dem ersten Mailkontakt bekam ich gleich eine Zusage, und ich vereinbarte mit Frau Garbe, der Gründerin der Lübecker Babyklappe, die erste Novemberhälfte als Zeitraum für mein Praktikum. Später erfuhr ich, dass Öffentlichkeitsarbeit für Friederike ein ganz wichtiger Teil ihrer Arbeit mit der Babyklappe ist. Nach jedem Kind in der Babyklappe informiert sie die Presse, damit die Mütter, die ihre Babys dort hineinlegen, wissen, dass die Kinder gefunden wurden und in guter Obhut sind.

Aufgrund des genannten Berichtes in der "Stadt Gottes" erwartete ich eine Tätigkeit mit Kindern jeglichen Alters und ihren Müttern oder auch mit Flüchtlingsfamilien, die in dem Haus wohnen.

Bei meiner Ankunft am 2. November 2017 holte mich Stefan vom Bahnhof ab und erzählte mir schon auf dem kurzen Weg zum Haus von dem "absoluten Highlight", das am 29. Oktober 2017, also wenige Tage vorher, geschehen war. Da waren im Abstand von 3 Stunden gleich zwei Babys, beides Mädchen, in die Babyklappe gelegt worden, wahrscheinlich Zwillinge, aber das stünde noch nicht fest. Im ersten Moment freute ich mich und dachte: "O toll, dann habe ich ja gleich eine schöne Aufgabe", aber Stefan erzählte sofort weiter, dass die Kinder im Krankenhaus seien und es ihnen gut ginge. Später erklärte mir Friederike, dass sie die Findelkinder seit der Erkrankung ihres Mannes nicht mehr bei sich behalten könne, bis sie in eine Pflegefamilie kämen, sondern dass sie bis zur Übergabe im Krankenhaus blieben.

Ja, der erkrankte Ehemann Günter sollte sich als meine Hauptaufgabe in den zwei Wochen erweisen. Ein 77-jähriger Mann, der seit einer Hirnblutung vor 4 ½ Jahren halbseitig gelähmt ist und auch kaum sprechen kann. Letzteres wird durch intensive Therapie langsam besser. Sein stets freundliches "Ja" oder "Ja, ja" ruft immer wieder Freude hervor. Wenn man den Zusammenhang kennt, versteht man auch die einzelnen Worte oder kurzen Sätze, die er ab und zu schafft zu sprechen. Er ist ein – trotz seiner schweren Krankheit - so durch und durch liebevoller, froher und zufriedener Mensch, dass man ihn einfach gern haben muss. Er ist es, der die Menschen um sich herum froh und glücklich macht. Ich habe ihn schon am 3. Tag meines Aufenthalts, als ich mal einige Stunden nicht bei ihm war, vermisst.

An einem Nachmittag konnte ich mit Günter auch alleine spazieren fahren. Ich schob ihn auf dem Bürgersteig an der Obertrave entlang. Bei einer solchen Aktion mit einem Menschen im Rollstuhl merkt man, wie ein ganz normaler Spaziergang plötzlich eine riesige Herausforderung wird. Schon um aus dem Wohnhaus herauszukommen, brauchten wir Hilfe von einem netten jungen Mann aus der gegenüberliegenden Jugendherberge, der uns half, den Rollstuhl die 4 Eingangsstufen hinunter-zukommen. Den direkten Weg zum Fluss konnten wir wegen eines Baugerüsts, das die flache Bordsteinkante versperrte, auch nicht nehmen. Jede kleinste Neigung des Bürgersteigs oder unebene Asphaltflächen werden zu einem kleinen Hindernis. Aber alle Mühe und Anstrengung entlohnten die sichtbare Freude, das unwiderstehliche Lächeln und ein herzliches "Danke" aus dem Munde Günters nach unserem kleinen Ausflug.

Dank meiner Anwesenheit konnte Friederike auch einmal zwei Tage aus beruflichen Gründen aus dem Haus gehen. Da war ich sozusagen eine 24-Stunden-Betreuung für Günter: habe ihm vorgelesen, mit ihm Rätsel gelöst, ihm aus meinem Leben erzählt, für ihn gekocht, mit ihm gebetet und war einfach für ihn da. Ich empfand dies als einen überaus großen Vertrauensbeweis von Friederike mir gegenüber.

Insgesamt war meine Zeit im Agapehaus eine gesegnete Zeit, in der ich erlebt und erfahren habe,

  • wie dankbar und froh ein Mensch sein kann, der total von anderen abhängig ist, wenn er in einer Umgebung der Liebe und Harmonie lebt und sich vom Glauben getragen weiß;
  • wie der christliche Glaube durch großes eigenes Leid hindurch trägt und zu einem engagierten Leben für und mit Menschen in Notsituationen führen kann;
  • wie Müttern in Not und ihren Kindern effektiv durch die Babyklappe und durch Beratung geholfen werden kann;
  • wie LEBEN durch LIEBE bewahrt werden kann, vom Mutterleib bis zum hohen Alter in Krankheit und Leiden.


Text + Fotos: Sr. Stefanie Hall SSpS