Trigger

Auf dem Weg zum Kern, der alles zusammenhält

Mango-Pause mit Mitschwestern aus Vietnam, Ghana und Indonesien.

Seit Ende Februar ist Sr. Michaela Leifgen auf den Philippinen. In ihrem Rundbrief blickt sie auf die vier Monate des Vertraut-Werdens mit einem neuen Umfeld und einer neuen Lebensweise zurück und erklärt, warum sie dieses Kennenlernen an eine Zwiebel erinnert.

Oft denke ich an das Bild der Kulturzwiebel (siehe Illu in der Bildergalerie) mit ihren vielen Schichten: Was wir als erstes von einer neuen Kultur wahrnehmen, ist wie die äußere Schale einer Zwiebel: Es sind die Symbole, das Typische, das Sicht- und Greifbare. Dann lernen wir die Helden kennen – Menschen, die als Vorbilder gelten, weil sie etwas von dem verkörpern, was in der Kultur hoch angesehen wird. Mit der nächsten Schale stoßen wir auf die Rituale, also wiederkehrende Handlungen, die einem bestimmten Muster folgen. Und unter all dem verbirgt sich der Kern, der all das im Inneren zusammenhält und ihm einen Sinn gibt: die Werte. Während einem die Symbole gleich ins Auge springen, offenbaren sich die zugrundeliegenden Werte oft erst nach und nach.

Ein Beispiel: das Essen. Auf den Philippinen wird fünf Mal am Tag gegessen: drei Mal warm (Frühstück, Mittagessen, Abendessen) und zwei Mal „merienda“ (Snack) am Vor- und Nachmittag. Wo man auch hinkommt, die erste Frage lautet oft: „Hast du schon gegessen?“ Es ist ein anderer Ausdruck für „Hallo“, wie es halb im Scherz, halb Ernst heißt. Als ich vor einigen Wochen bei einem Seminar zum Thema Gemeinschaft in die Runde fragte: „Was verbindet Menschen miteinander?“, kam spontan als erste Antwort: „Essen!“ Sie sprachen vom Symbol und meinten zugleich den Wert. Denn wichtiger als das Essen an sich sind die Werte, die damit verbunden sind und in der philippinischen Kultur eine zentrale Rolle spielen: Gastfreundschaft, Großzügigkeit, Teilen, Gemeinschaft.

In den vergangenen zwei Wochen habe ich an einem Kurs für neu eingereiste und zurückgekehrte Missionar*innen teilgenommen. Wir waren insgesamt 23 Teilnehmer*innen mit neun verschiedenen Nationalitäten. Die meisten kamen aus asiatischen Ländern, einige aus Afrika, und aus Europa waren wir zu zweit vertreten – die Welt im Kleinen. In der ersten Woche haben wir uns vor allem mit dem aktuellen Verständnis von Mission und Interkulturalität beschäftigt; in der zweiten Woche ging es dann ganz konkret um die Realität hier auf den Philippinen: die Entwicklung des Christentums seit Ankunft der spanischen Kolonialherren vor 500 Jahren, die Situation der Indigenen Bevölkerungsgruppen, die Volksfrömmigkeit etc. Ein bunter Abend durfte natürlich auch nicht fehlen. Gemeinsam mit meinem portugiesischen Mitbruder und zwei philippinischen Schwestern, die in Frankreich tätig waren, haben wir unsere Europa-Hymne in verschiedenen Sprachen gesungen. Im Bild der Kulturzwiebel gesprochen war es für mich auch mehr als ein Lied, nämlich Ausdruck unserer europäischen Werte der Einheit und Solidarität – hoffentlich gehen sie uns in Europa nicht verloren…

Mit der philippinischen Kultur in Berührung zu kommen und meine eigene kulturelle Prägung dadurch wieder einmal bewusster zu reflektieren, ist, was mein Leben gerade besonders spannend und erfüllend macht. Die Arbeit im Beratungszentrum ist da ein ganz besonderes Geschenk, weil ich viel darüber lerne, wie die Menschen hier denken, fühlen und handeln, was sie motiviert und blockiert, wie sie Berufung verstehen und ausfüllen, welche Rolle die Familie, das soziale Leben, die Kirche und ihre Strukturen dabei spielen…

Einmal im Jahr nimmt das Team des Beratungszentrum auch eine dreitägige gemeinsame Auszeit am Meer (Matuod). Dabei wird viel diskutiert, aber auch geschwommen und natürlich: gegessen. 

Zu meinen weiteren Aufgaben hier in der Formation (Aus- und Weiterbildung) unserer eigenen Schwestern gehören Begleitgespräche und Seminare zu psychospiritueller Integration, Interkulturalität und unserer Steyler Spiritualität. Letzteres führt dazu, dass ich mich hier auf den Philippinen, fern von Steyl, wieder mehr mit unserer Gründergeneration auseinandersetze und in den Schriften und Geschichten von damals viele Schätze für uns hier und heute entdecke. Ab August werde ich auch im Missionspriesterseminar unserer Mitbrüder, der Steyler Missionare, unterrichten und zwar alles rund um psycho-spirituelle Integration.

Zum Schluss noch eine kleine Erinnerung aus dem Garten unseres Exerzitienhauses in Tagaytay (siehe Bildergalerie):

„Das Leben ist kurz,
genieße es
und denke immer daran,
dass intelligent sein
nicht das Einzige ist,
worauf es ankommt!“


In diesem Sinne, viele Grüße von mir und viel Segen von oben!
Michaela, SSpS