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Wie war es in Indien?

Davia (Mitte) hat ein Jahr als Missionarin auf Zeit in Indien verbracht

Dies ist die Frage, die Davia in nächster Zeit häufiger hören wird. „Wahrscheinlich werde ich nur mit ‚sehr schön‘ antworten, da die Erfahrungen, die ich hier machen durfte, den Rahmen eines Smalltalks sprengen würden“, sagt Davia. Hier erzählt sie ausführlich über ihre Erfahrungen als MaZ.

Ich habe mein Jahr in einem Dorf namens Haflong verbracht. Das Dorf liegt im wunderschönen Staat Assam im Nordosten von Indien. - Ja genau, da wo der Tee herkommt! Und an Tee hat es mir wirklich nicht gemangelt. In jedem Haus, in das ich eingekehrt bin, habe ich als Zeichen der Gastfreundschaft Tee bekommen. Ich kann mich also mittlerweile als echte Tee-Expertin bezeichnen. Gearbeitet habe ich im Holy-Spirit-Hospital als Krankenpflegerin und an der angrenzenden Krankenpflegeschule als Lehrkraft.  Am meisten Spaß hatte ich allerdings bei der Arbeit mit den Studenten. Ich kann mich noch genau an meine erste Unterrichtsstunde erinnern. Ich war so aufgeregt vor der Klasse zu stehen, weil ich mir unsicher war, ob mich die Schüler akzeptieren würden oder nicht. Schließlich habe ich erst kurz bevor ich nach Indien gekommen bin meine Ausbildung abgeschlossen. Zum einen sollte ich die Schüler auf Englisch unterrichten, was ich im ersten Moment schon als eine Herausforderung betrachtete. Zum anderen waren die Schüler aber genau gleich alt wie ich, teilweise sogar älter. Ich meine, wer lässt sich schon gern was sagen von jemandem der jünger ist als man selbst. Als ich aber in die Klasse reinkam waren die Zweifel so gut wie verschwunden. Die Schülerinnen waren immer freundlich, zuvorkommend und ihnen war es auch egal, wenn ich mal einen Fehler machte. Somit konnte ich mich schnell mit meinem Job als Lehrerin arrangieren.

Auch im Krankenhaus habe ich mitgeholfen. Zum Beispiel, wenn Operationen stattfanden oder mal ein Notfall war. Das Krankenhaus hier gibt es noch nicht so lange, jedoch arbeiten die Schwestern hart daran, es voran zu bringen und diese Arbeit trägt auch Früchte. Bald soll es hier sogar eine Dialyse- und eine Intensivstation geben. Eine große Bereicherung für Haflong, denn das zivile Krankenhaus hat nicht genügend Möglichkeiten, die Patienten richtig zu versorgen. Deshalb fahren die meisten Patienten für Operationen in die nächstgelegene Stadt – „nächstgelegen“ bedeutet in diesem Falle acht Stunden – und zudem müssen sie dort noch sehr viel Geld bezahlen.

Ich kann mich noch genau an einen 37-jährigen Familienvater erinnern, der hier im Krankenhaus aufgenommen wurde. Er hatte ein akutes Nierenversagen und hätte dringend eine Dialyse benötigt, zu allem Unglück hat sich noch ein Herzproblem aufgrund der Überbelastung eingestellt. Seine Familie hat lange darüber diskutiert wie sie das Geld für die Operation und die Dialyse aufbringen sollen, dabei war aber nicht klar, ob er die Dialyse evtl. lebenslang benötigen würde, was für die Familie wahrscheinlich den finanziellen Ruin bedeutet hätte. Schließlich hat er sich dazu entschieden nichts zu machen und wurde per Krankentransport nach Hause gefahren. Wenig später wurden wir zu seiner Trauerfeier eingeladen. Spät in der Nacht bin ich mit einer Schwester zum Haus der Familie gefahren und zusammen haben wir für den Verstorbenen gebetet. Als er da so lag in Tüchern eingewickelt wurde mir klar, dass es diese Fälle wahrscheinlich zur Häufe in Indien geben muss. Theoretisch wären die medizinischen Möglichkeiten ja vorhanden, nur finanziell unerreichbar für den normalen Bürger.

In Deutschland meckern wir viel über das medizinische System, zwar sind wir noch weit entfernt von einem perfekten System und auf dem jetzigen Standpunkt zu stagnieren wäre fatal. Dennoch wurde mir klar wie gut wir es eigentlich haben, uns keine Gedanken über die Kosten geschweige denn über den Aufwand einer jeweiligen Behandlung machen zu müssen. Man kann also schon sagen, dass mir meine Erfahrungen hier in vielerlei Hinsicht die Augen geöffnet haben. Gelebt habe ich mit den Schwestern und es war nicht immer einfach sich den Regeln des indischen Convent-Lebens anzupassen. Schließlich habe ich aber meinen Weg gefunden und mich wohl gefühlt. Wenn ich dann doch etwas Convent-Auszeit benötigt habe, habe ich mich mit den Krankenschwestern getroffen, die im Krankenhaus arbeiten und von denen sich besonders zwei als richtig gute Freunde entpuppt haben. Diese beiden werde ich wohl in Deutschland dann sehr dolle vermissen. Mit denen bin ich auch auf verschiedene Hochzeiten, Tänze, Veranstaltungen gegangen, speziell zu denen ihres Dimasa-Tribes.

Hier im Nordosten gibt es verschiedene Stämme mit eigenen Traditionen, einer eigenen Sprache, eigener Kleidung und eigenen Festen. In Deutschland stellt man sich unter indigener Bevölkerung vielleicht immer Menschen vor, die frei in der Natur leben und nachts ums Feuer tanzen. Dem ist jedoch nicht so! Die meisten, vor allem die jüngere Generation hier ist sehr gebildet und modern eingestellt, dennoch pflegen sie die alten Traditionen. So zieht man immer noch gerne die traditionelle Kleidung an und trinkt auf Festen aus Bambus-Gläsern. Es gibt jedoch auch Dörfer, die noch sehr abgelegen sind. Über Ostern bin ich mit einer Schwester in ein etwas abgelegenes Dorf gefahren, in dem Menschen leben, die dem Naga-Tribe angehören. Ich habe meinen Aufenthalt dort sehr genossen, obwohl wir eine zehnstündige Fahrt über schlecht ausgebaute Straßen auf uns nehmen mussten. Wir haben vier Tage dort verbracht und die Dorfbewohner haben ihr Bestes gegeben uns den Aufenthalt so bequem wie möglich zu gestalten.

Als ich nach Strom gefragt habe, um mein Handy aufzuladen, ist sofort jemand durchs halbe Dorf zum Generator gelaufen, um es aufzuladen. Für uns unvorstellbar, keinen Wasser- und Stromanschluss zu haben. Dort aber Gewohnheit für die Menschen. Gekocht wird über dem Feuer mit selbst angebauten Lebensmitteln, Wasser wird aus dem Dorf-Brunnen auf dem Kopf zum Haus getragen, geschlafen in selbstgebauten Bambushäusern, die tatsächlich was hermachen. Das Klo ist etwas abseits vom Haus in einer kleinen Hütte. Ich muss sagen, dass mein Aufenthalt dort eines meiner kleinen Highlights war und ich glaube ich kann behaupten, dass die Dorfbewohner es genauso sehen. – Ich meine, wann kommt schon ein Europäer zu Besuch in solch ein Dorf?

Nun scheint es so als wäre ich am Ende meiner Mission, denn ich bereite mich gerade darauf vor, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Wenn man aber etwas genauer hinsieht hat sich so einiges geändert. Zurzeit meiner Ankunft in Indien war ich so voller Neugier und habe überall etwas ungewohntes entdeckt. Jetzt ist hier alles für mich zur Gewohnheit geworden. Ich habe Indien nun fast schon als mein zweites Zuhause angenommen. Und das liegt nicht daran, dass ich nun scharfes Essen vertrage, endlich rausgefunden habe wie man sich mit dem Bucket-System duscht oder indische Kleidung total stylisch finde. Alles Dinge, die man irgendwann als normal ansieht. Es liegt vor allem an den Menschen, die mich in der Zeit begleitet haben und mir mittlerweile echt ans Herz gewachsen sind. Ich finde es ist bewundernswert einen Menschen, den man nicht kennt und der aus einem anderen Land kommt so herzlich aufzunehmen wie ich hier aufgenommen wurde. Und dass, obwohl der Umgang mit mir wahrscheinlich nicht immer so ganz einfach gewesen ist. Die Situation als Freiwillige ist nicht leicht zu beschreiben, aber ich kann nur sagen, dass es auch nicht immer leicht für mich war.

In meiner Vorbereitungszeit wurden wir Freiwillige auf den sogenannten "Kultur-Schock" vorbereitet, den viele Freiwillige erleiden, wenn sie sich auf eine Mission in ein anderes Land begeben. Es liegt einfach daran, dass wir uns mehr oder weniger alleine in eine andere Kultur hineinbegeben werden und unser altvertrautes Wertesystem voraussichtlich auf den Kopf gestellt wird. Man weiß nicht mehr genau wie man sich verhalten soll und kommt in eine Art Identitätskrise. Dinge, die einem zu Hause selbstverständlich scheinen, sind im Gastland plötzlich ganz anders. Hinzukommen noch die dauernden Missverständnisse, z.B. dass man nie genau weiß, wie der Gegenüber deine Reaktion jetzt genau aufgefasst hat. Natürlich ist es auch keine leichte Situation: Familie, Freunde und Freund für ein Jahr nicht zu sehen.

Also, wieso sollte man sich das antun? Ein Jahr in einem anderen Land verbringen und sich freiwillig in eine Identitätskrise zu begeben? Ich glaube mit dem Freiwilligenjahr ist es wie mit allen anderen Dingen im Leben: Probleme geben Raum, um zu wachsen. Probleme erscheinen uns im ersten Moment nervig, ohne die das Leben aber ganz schön langweilig wäre. Wie genau ich aus meinen Problemen gewachsen bin und mich verändert habe, wird sich wahrscheinlich erst in Deutschland zeigen. Natürlich sind nicht alle Differenzen aus der Welt geschafft.

Mit einigen Aspekten der indischen Kultur kann ich mich nach wie vor nicht anfreunden. Beispielsweise das Kastensystem oder die Rolle der Frau hier in Indien. Aber sind wir mal ehrlich. Gibt es in der deutschen Kultur keine Probleme? Es ist immer leichter auf andere zu zeigen, als die eigene Denkweise zu hinterfragen. Kurzgefasst: Jede Kultur hat seine schönen Seiten, aber auch Ecken und Kanten. Ich habe mittlerweile meine eigene "Kultur" gefunden, die ebenfalls Ecken und Kanten hat und tagtäglich überarbeitet werden muss. Indien ist nun fest in dieser integriert. Somit danke ich allen, die mich in dieser Zeit begleitet haben, mir die Zeit versüßt haben, mich verstanden haben und mir ihre Kultur so nah wie möglich gebracht haben. Mir hat der Aufenthalt in Indien sehr gefallen und freue mich schon auf ein Wiedersehen.

Davia H.