Trigger

Interkulturalität durch die Linse des Evangeliums

Sr. Michaela Leifgen SSpS und P. Jürgen Ommerborn SVD führten durch den Tag

Das Zusammenleben und -arbeiten als Menschen aus verschiedenen Kulturen gehört für uns Steyler Missionsschwestern und Missionare zum Alltag. Darum ist es gut, immer wieder darüber zu reflektieren und auszutauschen. Bei einem gemeinsamen Studientag im Herz-Jesu-Kloster Steyl war dazu Gelegenheit. Pater Jürgen Ommerborn SVD und Sr. Michaela Leifgen SSpS hatten ihn für ihre Steyler Familie vorbereitet.

„Unsere Gemeinschaften bestehen aus vielen Nationen und Kulturen. ‘Viele Kulturen‘ heißt aber noch nicht automatisch interkulturell, sondern zunächst einmal multikulturell oder international. Die vielen Nationen mit ihren vielen Kulturen müssen erst interkulturell werden“, betonte Pater Ommerborn in seinem einführenden Referat. Er bezog sich in seinen Ausführungen vor allem auf den Spiritaner Anthony Gittins. Dieser schreibt in seinem viel beachteten Buch „Living mission interculturally“: „Ohne den Wechsel von `international‘ zu `interkulturell‘ gibt es keine lebensfähige Zukunft für internationale Ordensgemeinschaften.“

In einer interkulturellen Gemeinschaft sind die Kulturen nicht voneinander abgegrenzt, sondern durchlässig und stehen in positiver Beziehung zueinander. Die kulturellen Unterschiede bleiben nicht unbemerkt und werden auch nicht übersehen oder zunichte gemacht, indem sich die Minderheit der Mehrheit anpasst. Vielmehr werden in einer interkulturellen Gemeinschaft die Unterschiede gewürdigt („die Würde der Unterschiede“) und gemeinsam eine neue Kultur geschaffen, in der jede und jeder etwas von sich hineinbringt und zugleich auch ein Stück weit fremd bleibt. Es ist ein Prozess der Verwandlung und Umkehr, der wohl nie ganz abgeschlossen ist. Das ist sicherlich eine Herausforderung – doch, eine die sich „lohnt“. Wobei: Der tiefste Grund für uns als Steyler Familie, interkulturell zu leben ist unser Glaube an den Gott, der jeden Menschen nach seinem Abbild geschaffen hat und der als der Dreifaltige selbst Beziehung ist – und nicht wie in der Wirtschaft: der Profit.  

Um die Unterschiede der anderen Kultur zu würdigen, müssen wir sie erst einmal kennen. Das Modell der Kulturzwiebel, das Sr. Michaela vorstellte, machte dabei deutlich, dass Kulturen sehr vielschichtige Systeme sind. Wie bei einer Zwiebel gilt es, Schale um Schale aufzudecken, um zu dem zu gelangen, was sie im Verborgenen zusammenhält, nämlich ihre Werte. Es dauert Jahre, um von dem, was man äußerlich an Symbolen und Traditionen wahrnimmt, ihrer eigentliche Bedeutung gewahr zu werden.

Die Missionarinnen und Missionare, die viele Jahre in einer fremden Kultur gelebt haben, konnten das nur bekräftigen. Der Weg vom äußeren Erkennen zum inneren Verstehen und Nachvollziehen ist gekennzeichnet von vielen Fragezeichen, Fettnäpfchen und Umkehrschildern. Oft erkennen wir nicht die Werte, sondern nehmen sie als Übertreibung wahr und bilden so Vorurteile. Individualismus und Kollektivismus zum Beispiel, mögen zuerst unvereinbar erscheinen – und doch sind es Schwesterntugenden. Wo auch immer wir selbst stehen, sind wir aufgefordert, auch das Andere in uns zu integrieren, um ganzheitliche, interkulturelle Menschen zu werden. Mitglieder individualistischer Kulturen können da von den kollektivistischen Kulturen lernen und umgekehrt. Wie für die Dreifaltigkeit, so gilt auch für uns: Wenn wir uns unterscheiden, dann deshalb, damit wir in Gemeinschaft treten und den eigenen Reichtum untereinander austauschen können.

Auch Jesus (vgl. seine Begegnung mit der Syrophönizierin, Mk 7, 24-30), Petrus (vgl. Heidenmission, Apg 10) und der Steyler Heilige Josef Freinademetz mussten erst interkulturell werden. Letzterer ist als Chinamissionar durch einen tiefen Kulturschock gegangen. Er konnte den Chinesen zu Beginn nichts Positives abgewinnen, doch indem er mit ihnen lebte und sich ihrer Andersartigkeit aussetzte, erkannte er ihre Würde und begann sie aufrichtig zu lieben.

Unser Weg in die Interkulturalität ist kein Selbstzweck. Er ist missionarisches Zeugnis. Gerade in einer Zeit, in der viele Nationen umgekehrte Wege einschlagen, sich vermehrt abschotten und das Fremde als Bedrohung wahrnehmen. Die immer wiederkehrende Debatte um eine „deutsche Leitkultur“ ist ein Phänomen dieses Zeitgeistes. Was haben wir als Steyler Familie dazu zu sagen? Das war eine der Fragen, die uns am Ende des Studientages beschäftigte. Respekt, Menschenwürde, Nicht-Mauern, Raum-geben,… waren einige der Antworten. Oder, wie ein Teilnehmer es auf den Punkt brachte: Sich von der Leitkultur nicht verleiten lassen.

Der Studientag war eine Anregung über das eigene Leben und Miteinander nachzudenken, mit der tiefsten Sehnsucht nach Würde in Berührung zu kommen, ein Stück voranzuschreiten auf dem Weg der Verwandlung. Für diejenigen, die selbst viele Jahrzehnte in einer anderen Kultur gelebt haben, wurde einiges ins Wort gebracht, was sie selbst intuitiv gespürt und gelebt hatten. Der Tag warf auch selbstkritische Fragen auf wie diese: „Mit welcher Botschaft gehe ich durch mein Leben – schließe ich andere ein oder aus?“ Nicht zuletzt brachte er uns wieder einmal auf die Fährte unseres eigenen Mottos: Dass der Dreifaltige Gott in unseren und den Herzen aller Menschen lebt und lebe!

Fotos: Sr. Antonia Schmid SSpS