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MaZ in Deutschland – den Schritt aus der eigenen Haustür wagen

Juliane startet in den Dienst

Wie so viele junge Menschen hatte Juliane klare Vorstellungen, wie es nach dem Abi weitergehen sollte. Durch die Pandemie musste sie umplanen und kann auch dem neuen Alltag sehr viel Gutes abgewinnen.  

„Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen." – nie ist dieses Zitat von John Lennon wohl so aktuell und am eigenen Leibe für jedermann erfahrbar gewesen, wie in diesem Jahr. Seit der neunten Klasse wusste ich, dass ich nach meinem Abitur unbedingt einige Monate in Südamerika verbringen und als Freiwillige meine Zeit, Kräfte und Energie sinnvoll nutzen wollte.

Etwas mehr als ein Jahr ist es nun her, dass ich mich auf einen MaZ-Freiwilligendienst bei den Steyler Missionsschwestern bewarb. Vor elf Monaten lernte ich, zunächst noch etwas skeptisch, die Missionsschwestern, meine zukünftigen Mitfreiwilligen und den mitreißenden MaZ-Spirit in Steyl kennen. Schon nach wenigen Stunden war mir klar, dass ich hier gefunden, wonach ich gesucht hatte – und noch viel mehr. Die Vorfreude auf das Kommende wuchs von Tag zu Tag und wenn mein Blick auf die Weltkarte über meinem Bett fiel, konnte ich es gar nicht glauben, dass ich mich in wenigen Monaten vier handbreit von der kleinen roten Stecknadel „Zuhause“ befinden würde.    

Nun ist es Dezember, Weihnachten steht vor der Tür und ich strecke wider Erwarten und entgegen aller Pläne nicht in den Anden Boliviens meine Nase in die Sommersonne, sondern sitze zuhause am Schreibtisch in meinem beheizten Zimmer und schreibe meinen ersten MaZ-Rundbrief über meinen Einsatz in Deutschland.

Das Corona-Virus hat die Welt, wie wir sie kennen, binnen weniger Wochen auf den Kopf gestellt und hält uns alle noch immer in Atem. Trotz alledem oder gerade deswegen bin ich sehr dankbar und froh über alle Erfahrungen, die ich im Rahmen des Freiwilligendienstes bereits sammeln durfte – seien es die lehrreichen und unglaublich bereichernden Wochen der Seminare und der Mitlebezeit in Frankfurt und Steyl, die wunderbare Gemeinschaft unter uns MaZen oder die vielen prägenden Momente, die ich in meinen bisherigen Einsatzstellen erleben durfte.

In den letzten beiden Monaten absolvierte ich jeweils vierwöchige Praktika in zwei Thüringer Kliniken, die mir auch für mein angestrebtes Medizinstudium angerechnet werden können. Da ich noch nie zuvor in einem Krankenhaus gearbeitet hatte, lernte ich zunächst den Klinikalltag aus der Perspektive einer Pflegekraft kennen. Zu meinen Tätigkeiten gehörte u. a. das Austeilen der Mahlzeiten, die Hilfeleistung bei der allgemeinen Körperpflege der Patient*innen, Putzen und Desinfizieren, das Messen sämtlicher Vitalwerte und natürlich immer wieder das Laufen nach der Rufklingel. Auch die Erklärungen des Gesundheitspersonals und die Möglichkeit, Untersuchungen beizuwohnen, brachten mir viele medizinische Sachverhalte näher.    

Neben den fachlichen Komponenten sah ich mich vor allem immer wieder mit zwischenmenschlichen Herausforderungen konfrontiert. Es ist schon sehr nervenaufreibend, ohne viel Hintergrundwissen mit teils schwerkranken Menschen umzugehen. Schließlich will man ja niemandem schaden. Und wie putzt man eigentlich einem anderen Menschen geschickt die Zähne oder wechselt allein ein Bettlaken, wenn sich doch gleichzeitig ein recht unbeweglicher Mensch im Bett befindet? Von der ersten Überwindung, einen hilfsbedürftigen Menschen zu waschen, über die hilflosen Versuche, die Tränen einer depressiven Patientin zu stillen, bis zur wiederholten Suche nach einem schwer dementen, aber sehr wanderlustigen Patienten brachte jeder Arbeitstag im Klinikum neue Aufgaben mit sich. Besonders intensiv waren die Schichten, in denen ein mir bekannter Patient verstarb.

Ein sonderbares Gefühl, wenn man doch eben diesen Menschen noch am Morgen gewaschen hatte – und doch war es gleichzeitig oft auch als Befreiung zu verstehen. Die größte Herausforderung für mich war es jedoch, trotz immensen Zeitdrucks, der eigenen Unsicherheit und der täglichen Konfrontation mit Leid und anderen emotional aufwühlenden Themen, immer wieder den Menschen zu sehen. Das bedeutet für mich, auch beim 20. Mittagstablett noch einen guten Appetit zu wünschen und es auch so zu meinen, beim Lesen der Fachwörter und Diagnosen auf dem Belegplan ein Gesicht vor Augen zu haben, jeden Menschen und Körper neu zu betrachten und in Würde zu behandeln, dem anderen ruhig in die Augen zu sehen, mit echtem Interesse zuzuhören, ehrlich zu lächeln und sich einen kurzen Augenblick Zeit zu nehmen, bevor man die Zimmertür leise hinter sich schließt. Dieses Prinzip der hohen Wertschätzung der Individualität jedes Menschen ist letztlich auch auf sämtliche Situationen des Lebens übertragbar und wird mich sicherlich auf meinem weiteren Lebensweg begleiten.   

In meiner Zeit im Krankenhaus entwickelte ich auch ein ganz neues Bewusstsein und großen Respekt für die Arbeit des Gesundheitspersonals, das rund um die Uhr und den Globus schuftet, ja sogar die eigene Gesundheit gefährdet, um kranke Menschen zu umsorgen. Aufgrund der aktuellen Pandemie-Lage war die Stimmung in den Kliniken sehr angespannt. Ein solch anspruchsvoller und lebenswichtiger Beruf sollte und muss von der Gesellschaft und jedem einzelnen endlich mehr wertgeschätzt werden – und das nicht nur in finanzieller Form. Gleichzeitig sollte mit dem Leid kranker Menschen kein Geld verdient werden, sodass die bestmögliche Gesundung der Patient*innen und nicht ökonomische Vorteile als Orientierung dienen.

Neben der Arbeit war ich hauptsächlich damit beschäftigt, mir einen neuen „Alltag“ aufzubauen, mich politisch im Kinder- und Jugendbeirat meiner Heimatstadt und der paneuropäischen Partei „Volt“ zu engagieren und mich durch das Lesen von Sachbüchern weiterzubilden. Des Weiteren genoss ich es sehr, endlich Mal mehr Zeit mit meiner Familie zu verbringen, gemeinsam zu spielen, gemütlich Filme zu schauen oder einfach über Gott und die Welt zu reden – ist doch diese Form der Geborgenheit und Gemeinschaft das, was wirklich wichtig ist.     

Die Entscheidung, meinen Studienplatz abzusagen, habe ich bisher noch keine Sekunde bereut. Um als MaZ mitzuhelfen und neue Welten zu entdecken, muss ich nicht um den halben Globus fliegen. Manchmal reicht es schon, den Schritt aus der eigenen Haustür zu wagen, Zeit und Herz in die Hand zu nehmen und mit offenen Augen durchs Leben zu gehen.

Juliane

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