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Familienzusammenhalt nicht nur zu Weihnachten

Die Weihnachtsdeko des Stromversorgungsunternehmens in Manila. Die Krippenfiguren sind aus Kupferdraht

Wenn die Nachbarn lautstark Karaoke singen und der Ventilator brummt, dann ist Weihnachten auf den Philippinen. In ihrem Rundbrief schreibt Sr. Michaela Leifgen, dass ihr Nächstenliebe nicht nur an Weihnachten begegnet.

Meine erste philippinische Weihnacht begann genau genommen bereits im September. Ab dann spielten im Radio die ersten Weihnachtslieder und in den Shopping Malls blinkten die Lichter los. Die Weihnachtszeit hier ist angeblich die längste auf dem gesamten Globus und zieht sich durch alle vier BER-Monate: SeptemBER, OktoBER, NovemBER und DezemBER. Das liegt auch daran, dass Weihnachten ein Familienfest ist – und Familie hat einen hohen Stellenwert. 

Zudem sind viele Filipinos katholisch, und das nicht nur auf dem Papier. Das konnte ich das ganze Jahr über staunend beobachten und noch mal mehr in den vergangenen neun Tagen der Weihnachtsnovene. Viele, viele Menschen haben sich in dieser Zeit täglich schon ganz früh auf die Beine gemacht, zur sogenannten „Simbang Gabi“. Das ist eine Frühmesse, die gewöhnlich zwischen 3 und 5 Uhr morgens gefeiert wird (inzwischen bieten viele Gemeinden aber auch eine Abendvariante um 20 Uhr an) und in der bereits das Gloria und Weihnachtslieder gesungen und liturgisch weiß getragen wird. Auch das Christkind liegt schon in der Krippe. Ein Gefühl von Christmette, jeden Morgen neu. 

Vielleicht habt ihr mitbekommen, dass die Philippinen in den letzten Wochen mehrmals die gewaltige Kraft der Natur zu spüren bekommen haben: mehrere starke Erdbeben in Mindanao und Taifun Tisoy (bereits der 19. in diesem Jahr, aber mit besonderer Zerstörungskraft). Hier in Manila hat es uns nicht getroffen, doch habe ich erfahren, was schon Paulus im ersten Korintherbrief schrieb: Wenn ein Glied leidet, leiden alle mit (12,26). Eine Schwester erzählte mir von ihrer Sorge um ihre „Geschwister“. Ich nahm erst an, sie meinte Familienangehörige, doch stellte sich beim weiteren Erzählen heraus: sie sprach von ihren Landsleuten, ihren philippinischen Schwestern und Brüdern. 

Wo Landsleute Familie sind, ist auch die Solidarität groß. Ich staune immer wieder, wie großzügig viele Menschen im Teilen und Schenken sind. Und das nicht nur in materiellen Dingen, sondern auch mit ihrer Zeit. Ob zum Einkaufen oder Krankenbesuch, zur Beerdigung oder Feier, normal ist, dass jemand mitgeht. Wenn ich überlege, habe ich zwar schon öfters gehört, dass jemand viel zu tun hat, aber nicht im nächsten Atemzug, dass sie/er keine Zeit hätte. Langsam verändert das auch mich. Die Auswertung dessen, was ich am Ende des Tages „geschafft“ habe, ist mir irgendwie abhandengekommen. Nicht, dass nichts „geschafft“ wird, aber misst sich daran nicht, ob der Tag geglückt oder erfolgreich war.

Ja, und womit verbringe ich so meine Zeit? Zum Beispiel im Guidance Centre. Dort führen wir psychologische Assessments durch und stehen für regelmäßige Begleitgespräche zur Verfügung. Dabei lerne ich selbst sehr viel über die philippinische Kultur, also die Art und Weise philippinisch zu Denken, Fühlen und Handeln. Oder wie typische Szenarien wie die folgenden einen Menschen prägen: in einer zehnköpfigen Familie aufzuwachsen, über Jahre bei der Lola (Oma) oder anderen Verwandten statt der eigenen Familie zu leben, für die Schulbildung der jüngeren Geschwister Geld zu verdienen (und das auf Kosten der eigenen weiterführenden Ausbildung oder sonstigen Zukunftsträumen), …

Einen Tag in der Woche verbringe ich im Missionsseminar der Steyler Missionare. Dort sind zurzeit 43 Seminaristen in ihrer ersten Ausbildungsphase. Die meisten von ihnen sind im High-School- und College-Alter. Neben der Eingewöhnung in das ungewohnt strukturierte Seminarleben und Fragen um die eigene Berufung, schlagen sie sich darum auch mit den ganz gewöhnlichen Themen der Pubertät herum. In meinen Unterrichtsstunden versuche ich, ihnen dabei zu helfen, sich selbst, ihre Gefühle und Motivationen besser kennenzulernen. Manche von ihnen treffe ich auch zum Einzelgespräch.

Dann hat sich mir vor einiger Zeit noch eine ganz neue Mission aufgetan: die psychologische Begleitung von Jugendlichen in Schulen. In unserer Ordensprovinz hier haben wir fünf Schulen, eine davon ist gleich nebenan. Dort arbeite ich nun im Guidance Office mit, was vor allem bedeutet, den Schüler*innen mein Ohr zu schenken, ihnen beim Entwirren ihrer Gefühle zu helfen und ihr Selbstbewusstsein zu fördern. Manchmal ist es auch nötig, bei Lehrern oder Eltern zu intervenieren, um ihnen zu vermitteln, was ihre Kinder gerade durchstehen und wie sie ihnen helfen können. 

Laut Statistik sind 20 Prozent der Jugendlichen auf den Philippinen depressiv. Vielen von ihnen entwickeln im Laufe ihrer Krankheit auch Suizidgedanken. Ihre Angehörigen wissen oft nichts davon, stattdessen tauschen sie sich in Online-Foren aus und geraten dabei unter Umständen immer tiefer in den Strudel negativer Gedanken und tiefer Trostlosigkeit. Immer mehr ziehen sie sich aus der realen in die digitale Welt zurück. Doch was eigentlich Not tut, ist die direkte menschliche Zuwendung. 

Womit sich der Kreis auch wieder zu Weihnachten schließt, denn genau das ist an Weihnachten ja geschehen: Gott hat sich uns menschlich zugewandt. Dass ihr alle das spüren könnt in der Begegnung mit den Menschen um euch herum, und dass ihr selbst solche Menschen für andere sein könnt, durch die Gott sich ihnen menschlich zuwendet, ist mein Weihnachtswunsch für euch. 

Außerdem: Ein gutes neues Jahr und bleibt gesund!
Frohe Weihnachten! Maligayang Pasko!
Michaela