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„Man muss nicht immer Großes tun, um etwas zu bewirken “

Fast 40 Jahre lebte Sr. Coelia Traudes auf Timor. In der Juni-Ausgabe der stadtgottes erzählt sie, warum sie in die weite Welt hinaus wollte und warum ihr Anfang auf Timor schwierig war.

Kochen und gutes Essen sind bis heute meine Leidenschaft. Egal, wo ich in meinem Leben war, meine Mission war es, Menschen für Jesus zu gewinnen und übers gemeinsame Essen und Kochen ging das immer. Bevor ich in den Orden eintrat, habe ich eine Lehre zur Einzelhandelskauffrau in einem Feinkostgeschäft gemacht. Mein Chef hatte damals fest damit gerechnet, dass ich einmal seine Schwiegertochter werden würde. Aber mein Leben nahm eine entscheidende Wende, als meine Mutter starb. Meine Freunde und auch ich merkten, dass mich dieser Verlust verändert hatte. Ich gab mir ein halbes Jahr und wagte dann den Schritt, obwohl ich zweifelte, kämpfte und nicht glaubte, dass das Leben im Orden meine Berufung sei. Aber ich probierte es, denn ich spürte, dass der Herr etwas mit mir vorhatte. Ich blieb. Schließlich wollte ich in die Welt hinaus. Ich hatte mich nach dem Noviziat extra für eine Ausbildung in Hauswirtschaft entschieden. Denn damit kamst du eigentlich immer weg. Aber zunächst musste ich in Steyl bleiben. Das schmeckte mir überhaupt nicht.

Meine damalige Provinzoberin bemerkte meinen Unmut und schließlich durfte ich 1970 nach Timor. Der Anfang war schwer. Jeder hatte mir eingeredet, dass die Menschen ‚dort‘ mich brauchten, dass sie quasi nur auf mich warteten. Und was war? Du kommst hin und stellst fest, die brauchen dich nicht. Ich dachte, ich will den Leuten helfen, an Gott zu glauben. Angetroffen habe ich Menschen, die vielleicht noch mehr glaubten als ich. Außerdem war mir gesagt worden, es würde reichen, dass ich Niederländisch könnte. Timor war früher niederländische Kolonie. Aber die jungen Leute, mit denen ich arbeiten sollte, sprachen natürlich nur Indonesisch. Das machte mich wütend. Also lernte ich heimlich Indonesisch. Hinter meinem Rücken wurde getuschelt, dass ich die Sprache der Einheimischen nicht sprechen könnte. Denkste. Ich gab und gebe bis heute nichts darauf, was andere über mich sagen oder denken. Irgendwann überraschte ich sie und das Thema war durch.

Gearbeitet habe ich an einer Mittelschule im Süden der Insel. Zunächst habe ich nur Hauswirtschaft unterrichtet, später auch Religion. Die Kinder schrieben bei mir nicht nur stupide von der Tafel ab, wie sie es gewohnt waren, sondern lernten, selbst zu denken. Ich stelle Fragen, erklärte viel. Gerade im Fach Religion war es mir wichtig, dass Jesus im Herzen der Kinder ankam, nicht nur im Verstand. Nach zehn Jahren sah ich meine Mission dort als beendet an. Den Kindern von der Mittelschule stand eine gute Zukunft bevor. Ich wollte lieber den Mädchen helfen, die nicht ausreichend Schulbildung bekamen, die bald verheiratet werden würden. Sie werden bald Mütter sein, hab‘ ich immer gesagt, die müssen gefördert werden, um sich und ihre Kinder voranzubringen. Ich zeigte ihnen, was sie zum Beispiel aus der Ubikaio, einer Art Kartoffel, alles machen konnten und lehrte sie, wie man im Kleinen richtig wirtschaftet. Das ist für mich Mission: Wenn es anderen etwas bringt. Man muss nicht immer etwas Großes tun, um etwas zu bewirken.

Mit 63 wurde ich noch Prokuratorin auf Timor. Gemeinsam mit Sr. Agnes, einer Timoresin. Eine spannende Zeit. Ich habe eigene Leute angelernt, die 2004 meine Stelle dort übernahmen. Ich blieb noch bis 2007 auf Timor. In erlebte in dieser Zeit hautnah die Unabhängigkeitsbewegung Osttimors (offiziell wurde Osttimor 2002 unabhängig) mit. Immer mal wieder habe ich Trucks zwischen den Grenzen begleitet. Andere scheuten sich vor dieser Aufgabe. Ich meldete mich freiwillig. Hier war ich in meinem Element, konnte helfen, anpacken und mit Freundlichkeit so manche Grenze überwinden. Angst hatte ich nie. Der Heilige Geist wird es schon richten, dachte ich mir.

Mein Ende auf Timor war schmerzlich. Ich wurde krank, ein Arzt sagte mir, es könnte zu einer Lähmung kommen. So flog ich zurück nach Deutschland und ließ mich untersuchen. Der Verdacht bestätigte sich nicht. Heute bin ich 85 und froh und dankbar, dass ich mich noch so gut bewegen kann. Aber es war eine schwere Zeit, sich nach fast 40 Jahren wieder in Deutschland einzuleben. Mein Verstand hat richtig entschieden, mein Herz musste zurückstecken. Aber im Nachhinein bereue ich nichts. Ich bin froh, dass ich nicht in ein großes Haus gehen musste, sondern in der kleinen Kommunität in Mönchengladbach leben darf. Ich koche gerne für uns. Man muss bedenken: Früher haben wir Schwestern ja nur im Kloster gearbeitet, heute gehen meine Mitschwestern Berufen außerhalb des Klosters nach. Ich habe mein Leben nicht verplempert. Ich habe das tun können, womit ich anderen helfen und anderen eine Freude machen konnte, dafür bin ich dem Herrn dankbar.

Aufgezeichnet von Steffi Mager

Zur Person

Sr. Coelia Traudes wurde 1935 in Oberhausen geboren und wuchs ab 1950 in Duisburg-Meiderich auf. Die heute 85-Jährige engagierte sich schon früh in der katholischen Jugend. Mit dem Jugendkaplan besuchte Sr. Coelia mehrfach Steyl, daher stand für sie fest: „Wenn ich in einen Orden eintrete, dann nur bei den Steyler Missionsschwestern, wo die Schwestern so begeistert von ihren Einsätzen in der Mission erzählten.“ 

Mit freundlicher Genehmigung der stadtgottes, dem Magazin der Steyler Missionare