Trigger

Horche hin

Foto: Lea Spinner

Dr. Siegfried Kleymann schreibt über Erfahrungen in Predigt und Geistlicher Begleitung.

„GEHORCHE KEINEM“. Im Herbst 2008 werden diese Worte an der Universitätsbibliothek in Münster in roten Großbuchstaben installiert. Gegenüber liegt die Petrikirche. An deren Eingangsfassade bringt die Studierendengemeinde als Resonanz auf das Kunstprojekt ein großes Plakat an: „HORCHE HIN“.

Wir Menschen können hören und hingebungsvoll lauschen. Ganz Ohr sein. Und wir können uns taub stellen, weg- und überhören, das Immer-schon-Gewusste heraushören. Mit der Aufforderung „Höre Israel“ beginnt ein zentraler jüdischer Gebetstext. „Horche hin!“ Das wache Hinhören wird zur Grundlage für ein Leben in Freiheit. Im aufmerksamen Hören zeigt sich, wem Gehorsam und wem Widerspruch gebührt. In meinem Beruf wird das in der Predigtvorbereitung und der Geistlichen Begleitung besonders deutlich erfahrbar.

Die Verkündigung gründet im Hören: auf Bibeltexte, Alltagserfahrungen, gesellschaftliche Ereignisse, theologische Erkenntnisse und kulturelle Veränderungen. Um das Evangelium Jesu Christi verkündigen zu können, nehme ich den Schrifttext mit seinen vielen Dimensionen wahr und bringe ihn mit den anderen Stimmen ins Spiel. Wenn’s gut geht, begleitet mich der Predigttext des kommenden Sonntags durch die Woche. Welche Dialoge, Verstärkungen oder Widersprüche sich ergeben, welche Dissonanzen hörbar werden und welche Inspirationen unvermittelt entstehen, zeigt sich im Prozess des hörenden Nachdenkens. Die Predigt formt sich allmählich heraus. Welche Resonanz das Gesagte dann findet, ob es zu Herzen geht oder zum Widerspruch anregt, liegt bei den Zuhörenden. Wie gut, dass es diese Freiheit des Hörens gibt.

Vom Hinhorchen ist auch die Geistliche Begleitung geprägt. Bei Menschen, die ich begleiten darf, erlebe ich einen großen Vertrauensvorschuss. Sie gehen davon aus, dass das Anvertraute bei mir gut aufgehoben ist. Was in der Begleitung zur Sprache kommt, liegt allein in ihrer Freiheit. Ich trage Verantwortung für ein gutes Klima, das aufmerksam, diskret und gewaltfrei ist. An mir ist es, Zwischentöne wahrzunehmen, die Entscheidungen der Begleiteten zu achten, vertraut zu sein mit der Landkarte der eigenen Glaubensgeschichte sowie den Wegmarkierungen der biblischen Überlieferung und der spirituellen Tradition des Christentums. So kann im Gespräch ein Freiraum gemeinsamen Hörens entstehen, der für Überraschendes offen ist.

In der hörenden Suche nach Lebensperspektiven sind für mich die biblischen Erzählungen wichtige Wegweiser. Entscheidende Lebenshaltungen lerne ich von den Glaubenden in der Bibel und der christlichen Tradition: die Ehrfurcht vor der unabgeschlossenen Offenheit jeder Lebensgeschichte und die Gelassenheit, das Fragmentarische annehmen und schätzen zu können; die Einübung in ein immer neues Ineinander von Aktion und Kontemplation; die Bereitschaft zur Versöhnung und der Widerstand gegen alle Formen von Zynismus und Resignation; der Mut zur Begegnung und die Freiheit, sich dem Fremden und bedrohlich Scheinenden ohne Angst zuwenden zu können.

Entscheidend ist für mich, dass die meisten biblischen Erzählungen Begegnungsgeschichten sind. Gott zeigt sich immer neu und anders in den konkreten Begegnungen und in unterschiedlichen historischen Kontexten: zärtlich und zornig, nah und fremd, bedrängend und werbend. Er ist weder ein Standbild aus Stein noch eine allgemeingültige Weltformel, sondern in der Lebensgeschichte von Abraham und Sarah, Ruth und Jona, Maria Magdalena und Bartimäus, Petrus und Paulus erfahrbar. Ihre Lebensgeschichten und – allem voran – das Leben und die Botschaft Jesu ermutigen mich, die Gegenwart Gottes in der Einzigartigkeit eines jeden Lebens zu suchen.

Dabei erlebe ich die verschiedenen Klangfarben: ermahnend, fordernd, störend und beinahe bedrohlich wirkt das Wort Gottes, wo sich alles glatt anfühlt und sich Menschen in sorgloser Behäbigkeit eingerichtet haben; tröstend, bestärkend und aufrichtend klingt es, wo Menschen bedrängt, niedergeschlagen, hilflos und isoliert sind. Weil wir begabt sind, mit der Fähigkeit zu hören, gilt die biblische Weisung: „Horche hin!“

Siegfried Kleymann

Der Text erschien in der dritten Ausgabe des in:spirit-Magazins zum Thema "Hören". Hier können Sie sich die ganze Ausgabe herunterladen.

Zur Person

Dr. Siegfried Kleymann, *1962, ist Pfarrer in der Gemeinde Heilig Kreuz in Münster. Vorher war er in der Gemeinde- und Jugendarbeit tätig und hat als Hochschulseelsorger in Münster und als Geistlicher Rektor im Cusanuswerk, der Begabtenförderung der katholischen Kirche Deutschlands, in Bonn gewirkt. Als Redaktionsmitglied verantwortet er die Zeitschrift „Der Prediger und Katechet“ und ist als Exerzitienleiter und Geistlicher Begleiter mit horchenden Menschen auf dem Weg.