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Die Ukraine aus einer anderen Perspektive

Eine kleine Gruppe aus dem Bistum Aachen besuchte diesen Sommer unsere Mitschwestern in der Ukraine. Durch den Kontakt zu Sr. Svitlana Matsiuk, die selbst einige Zeit mit Wanderarbeiterinnen im Bistum Aachen gearbeitet hat, hatten sie Gelegenheit, Land und Leute aus einer anderen Perspektive kennenzulernen. Die Vorgänge um den Maidan und das Kriegsgebiet im Nordosten waren besonders prägend. In einem Reisebericht fasst Johannes Eschweiler die Erlebnisse zusammen.

Am ersten Tag sind wir mit Sr. Svitlana nach Kiew gefahren. Wir haben die Sehenswürdigkeiten besucht und sind dann zum Maidan gegangen. Nicht nur an diesem Platz sind die Bilder der, von der Polizei, 2012 erschossen Menschen zu sehen. Es gehen auch viele Menschen hin und zünden Kerzen für die Verstorbenen an. Es gibt beeindruckende, öffentlich zugängliche Ausstellungen zu den Geschehnissen. Das Misstrauen gegenüber der staatlichen Macht ist nach wie vor sehr groß und es begleitet die Menschen immer die Angst vor Präsident Putin und der Macht aus Moskau. Es gibt auch Skepsis gegenüber der russisch-orthodoxen Kirche, da diese anscheinend unter großen Einfluss der Mächtigen in Russland steht.

Am zweiten Tag waren wir morgens zu Besuch in einem Projekt der Caritas in Kiew. Dort werden ein kleiner Kindergarten sowie ein medizinischer Dienst angeboten, meistens kommt ein Zahnarzt. In der Ukraine gibt es kein funktionierendes Gesundheitssystem und keine Krankenversicherung. Ärzte erhalten ihren Lohn vom Staat, und daneben gibt es viele private Ärzte, die auch privat bezahlt werden müssen. Auf die Frage, wie die hilfsbedürftigen Menschen, die in diesen Caritas-Räumen betreut werden, zur Selbsthilfe aktiviert werden können, gab es die ernüchternde Antwort: Sie sind zu schwach. Sie müssen zunächst grundversorgt werden, aber die geistliche und motivierende Begleitung ist natürlich auch wichtig.

Im Anschluss besuchten wir „Caritas et Spes“ im Nationalbüro in Kiew. Wir hatten das Glück, dass der amtierende Präsident, aber auch sein Vorgänger, der jetzige Bischof Stanislav Szyrokoradiuk aus der ostukrainischen Diözese Charkiw-Saporischschja, in der auch die Kriegsregion liegt, anwesend war und uns in deutscher Sprache viel von den Projekten und der Kriegssituation berichten konnte. In einer anschließenden Präsentation aller Projekte (mehr als 80 Zentren in 7 Diözesen) von Caritas et Spes durch die perfekt Deutsch sprechende Referentin Olena Noha konnten wir uns von der Vielfalt der Aktivitäten überzeugen. Die meisten Projekte werden vom Hilfswerk Renovabis unterstützt und finanziert. Es gibt gute Erfahrungen und interessante Ansätze in der Arbeit von Caritas et Spes, z.B. im Hilfsprojekt mit einer stufenweisen Eingliederung von jungen, alleinerziehenden Mütter mit ihren Kindern in der Diözese von Bischof Stanislav, in der Nähe des Kriegsgebietes. Die Unterstützung von Renovabis, das war der Eindruck, wirkt hier sehr segensreich.

Wie können wir dir helfen?
Offiziell sind 10 000 Menschen aus der Kriegsregion geflüchtet, nach Aussage des Bischofs waren es aber 2015 bereits mehr als 1,5 Millionen, die in Kharkiv ankamen. Caritas Spes stellt hier Auffanglager und eine Notversorgung bereit. Leitfrage ist immer: Wie können wir dir helfen?

Am Nachmittag sind wir dann nach Werbowets zum Exerzitienhaus der Steyler Missionsschwestern in der Region Winnitsa gefahren. Die Fahrt dauerte einige Stunden und wurde durch die teilweise sehr schlechten Straßen erschwert. Man sah am Straßenrand Sonnenblumenfelder, so weit das Auge reicht.

Das schöne, große und moderne Haus befindet sich neben einer Kirche, und an der Kirche lebt auch eine kleine Gemeinschaft von Franziskanern. Eine Mitschwester von Sr. Svitlana hatte dort, mit zwei Franziskanern und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen, Kinderferienspiele für ca. 60 Kinder. Für uns als ausländische Gäste gab es zum Abschluss des Tagesprogramms Tanzdarbietungen mit Tüchern und die Tagesreflexion in der Kirche. Jedes Kind berichtete von einer guten Tat an diesem Tag für ein anderes Kind und neben Gebeten und Gesang wurde zum Abschluss ein Gesetz des Rosenkranzes auf Latein gebetet. Danach waren die Kinder ruhig und gingen zu Bett.

Eine Woche ohne Krieg
Eine Steyler Missionsschwester, Sr. Natalja, war am Vortag vom Rande des Kriegsgebietes in der Ukraine zurückgekommen. Sie versuchen dort die Kinder und die Alten zumindest für eine Woche aus dem Kriegsgebiet heraus zu holen, um in dieser kurzen Zeit keinen Krieg erleben zu müssen. Auch hier hatte die Steyler Missionsschwester, zusammen mit Schwestern aus anderen Orden, am Schwarzen Meer für viele Kinder Ferienspiele angeboten. Die Kinder waren sehr kreativ, haben viel gebastelt, sind natürlich auch ins Schwarze Meer zum Baden gegangen. Dieses Baden jedoch mit einer klaren Anweisung. Sie durften nicht weiter als knietief ins Wasser gehen, da vor der Küste todbringende Wasserminen russischer Bauart schwimmen.

Jeden Tag werden mehrere Soldaten im Kriegsgebiet erschossen. Die Menschen, die dort leben, sind täglich Kämpfen ausgesetzt. Auch die Kirche oder anderen Gruppen, z.B. der NGO’s, können wenig tun. Der Krieg geht weiter, die Krim ist nach wie vor besetzt, die Menschen leiden und es gibt kaum Hoffnung auf Beendigung. Daher überlegen die Steyler Missionsschwestern, zusammen mit anderen Ordensgemeinschaften, eine kleine Gemeinschaft am Rande des Kriegsgebietes zu gründen, um die jungen oder alten Menschen aus dem Donbass zumindest zeitweise aus dem Kriegsgebiet heraus zu holen, um gegen diese Hoffnungslosigkeit anzukämpfen. Die großen Entfernungen und schlechten Straßen machen dies jedoch schwierig, man braucht 24 Stunden, um dorthin zu kommen. Aber sie haben ein gemeinsames Ziel.

Nach dem Mittag sind wir dann weiter gefahren in Richtung Zentralukraine zum Einsatzort von Sr. Svitlana am Rande einer Kleinstadt, Khmelnytskij, in einem Dorf, in dem viele polnischstämmige Familien wohnen. Am Abend waren wir bei einer Nachbarsfamilie eingeladen, deren sechsjährige Tochter Geburtstag hatte. Dazu war die ganze Familie eingeladen. Auch die Steyler Missionsschwestern, wir als Gäste und später auch die beiden Pfarrer der Gemeinde, auch Franziskaner, waren mit dazu geladen. Ca. 20 Personen saßen am Tisch und es wurde ständig so viel an Essen aufgetragen, dass die Mengen kaum zu bewältigen waren. An diesem Abend wurde uns sehr deutlich, wie herzlich und gastfreundlich die Menschen in der Ukraine sind.

Kreuzweg mit Stalin
Untergebracht waren wir dann im Kloster und Exerzitienhaus der Jesuiten in Khmelnystkij, mitten auf einem Friedhofgelände. Nach einem Frühstück, welches der Leiter des Hauses, ein Jesuit, uns selber zubereitet hatte, führte er uns durch das Haus. In der kleinen Kapelle befindet sich als Reliquie ein Bluttropfen des Heiligen Johannes-Paul II, der in der katholischen Kirche in der Ukraine sehr verehrt wird. Die Katholische Kirche in der Ukraine fühlt sich als verfolgte Kirche, die aber jetzt im Aufbruch ist. Es gibt viele Gemeinschaften des Neokatechumenats, die sich in diesem großen Versammlungsraum treffen. Dort gibt es einen großen Wandteppich und Kreuzwegstationen, in dem die Verfolgung und die Leiden der Christen in der Sowjetunion, angefangen von Stalin, zeigen. Vermutlich wurde aus diesem Grund das Kloster der Jesuiten auf dem Friedhof errichtet. Es war der einzige Ort, wo zu Sowjetzeiten Kreuze aufgestellt werden durften.

Anschließend sind wir dann in die Stadt gefahren zum Treffen in der Vermittlungsagentur "green way" für Arbeitsmigrant*innen/Wanderarbeitnehmer*innen aus der Ukraine nach Polen. Diese Vermittlungsagentur nimmt Arbeitsangebote aus Polen auf. Die ukrainischen Arbeitnehmer*innen melden sich darauf oder sind in einer Kartei vermerkt. Die Agentur vermittelt, besorgt die Unterlagen und Arbeitsgenehmigungen, eventuell noch den Transport. Dafür nehmen sie eine Gebühr und haben mit dem weiteren Ablauf nichts mehr zu tun. Dadurch, dass es in der Gegend viele polnischstämmige Familien gibt, es auch nur ca. 100 km bis zur polnischen Grenze sind, sind die Hürden für ein Visum oder auch sprachliche Barrieren nicht sehr hoch. Viele der Wanderarbeitnehmer haben auch eine Unterkunft in Polen und ein KFZ mit polnischen Kennzeichen. Letzteres machen das arbeitsbedingte Reisen in andere EU Länder einfacher. Wenn wir von 7 Millionen Arbeitsmigranten/Wanderarbeitnehmer ausgehen, so ist das ein hoher Prozentsatz angesichts von insgesamt ca. 42 Millionen Einwohnern (ohne die Krim) in der Ukraine.

Nach dem Mittagessen bei einem georgischen Koch haben wir uns dann bei den Steyler Missionsschwestern zusammengesetzt, die einige soziale Projekte mit Nichtsesshaften und Armen in der Innenstadt durchführen. Von da aus sind wir dann nach Kiew zum Provinzhaus der Steyler Missionsschwestern zurück, wo dann beim und nach dem Abendessen, auch mit der Provinzoberin, Sr. Doris eine Reflexion der Tage vorgenommen wurde.

Johannes Eschweiler, Mönchengladbach