Trigger
03.09.2019

Botschaft von Papst Franziskus zum Mediensonntag am 8. September

Seit es das Internet gibt, setzt sich die Kirche dafür ein, es in den Dienst der zwischenmenschlichen Begegnung und allumfassender Solidarität zu stellen. Papst Franziskus lädt dazu ein, über das Fundament und die Bedeutung des In-Beziehung-Seins nachzudenken

„Die  Medienwelt  ist  heute  so  allgegenwärtig,  dass  sie  sich  nicht  mehr  von  der  Alltagswelt trennen lässt. Das Internet ist eine Ressource unserer Zeit. Es ist eine Quelle von Wissen und Beziehungen,  die  einst  unvorstellbar  waren.  In  der  Komplexität  mag  es  nützlich  sein,  nochmals  über  die  dem  Internet ursprünglich   zugrundeliegende   Metapher   des   Netzes nachzudenken,   um   sein   positives   Potenzial wieder neu zu entdecken. Die Gestalt des Netzes lädt uns ein, über die Vielzahl von Verbindungslinien  und  Knoten  nachzudenken,  die  seine  Stabilität  ohne  Zentrum  und  ohne hierarchische  oder  vertikale  Organisationsstruktur  sicherstellen.  Das  Netz  funktioniert  dank  der gleichmäßigen Beteiligung aller Elemente. Bezogen  auf  ihre  anthropologische  Dimension,  erinnert  die  Metapher  des  Netzes  an  ein weiteres   bedeutungsvolles   Gebilde,   nämlich   das   der   Gemeinschaft.  

Die   Stärke   einer   Gemeinschaft hängt davon ab, wie kohäsiv und solidarisch sie ist, und davon, wie sehr in ihr ein  Gefühl  des  Vertrauens  herrscht  und  wie  sehr  sie  gemeinsame  Ziele  verfolgt.  Die  Gemeinschaft  als  Netz  der  Solidarität  erfordert  gegenseitiges  Zuhören  und  einen  Dialog,  der  auf einem verantwortungsvollen Umgang mit der Sprache basiert. So,  wie  es  sich  momentan  darstellt,  ist  jedem  klar,  dass  Social  Network  Community  nichtautomatisch dasselbe bedeutet wie Gemeinschaft. Im besten Fall können solche Communities Zusammenhalt   und   Solidarität   vorweisen,   oft   aber   sind   sie   nur   Ansammlungen   von   Individuen,  die  sich  um  Interessen  oder  Themen  herum  bilden  und  für  die  eine  schwache  Bindung  der  Einzelnen charakteristisch  ist. 

Außerdem  basiert  die  Identität  in  den  sozialen  Netzwerken  zu  oft  auf  Abgrenzung  gegenüber  anderen,  gegenüber  denen,  die  nicht  zur  Gruppe gehören. Man definiert sich über das, was trennt, und nicht über das, was eint. Damit schafft   man   eine   Plattform   für   Verdächtigungen   und   die   Äußerung   aller   Arten   von   Vorurteilen  (ethnische,  sexuelle,  religiöse  und  andere).  Dieser  Trend  ist  ein  Nährboden  für  Gruppierungen,   die   Heterogenität   ausschließen   und auch   im   digitalen   Bereich   einen   ungezügelten  Individualismus  nähren,  ja  manchmal  sogar  regelrechte  Lawinen  des  Hasses  lostreten.  Das,  was  ein  Fenster  zur  Welt  sein  sollte,  wird  so  zu  einem  Schaufenster,  in  dem man den eigenen Narzissmus zur Schau stellt.

Das  Internet  ist  eine  Gelegenheit,  die  Begegnung  mit  anderen  zu  fördern,  es  kann  uns  aber auch  immer  tiefer  in  die  Selbstisolation  führen  und  wie  das  Netz  einer  Spinne  zur  Falle  werden. Besonders junge Menschen sind anfällig für die Illusion, dass die sozialen Netzwerke ihnen  in Sachen  Beziehungen  alles  geben  könnten,  was  sie  brauchen.  Das  kann  schließlich  sogar  zum  gefährlichen  Phänomen  jugendlicher  „Sozialeremiten“  führen,  die  Gefahr  laufen,  sich  völlig  von der  Gesellschaft  zu  entfremden.  Diese  dramatische  Dynamik  offenbart  einen  schweren  Riss  im  Beziehungsgefüge  der  Gesellschaft,  einen  Riss,  den  wir  nicht  ignorieren  können.

Diese  vielgestaltige  und  tückische  Realität  wirft  verschiedene  Fragen  ethischer,  sozialer, rechtlicher, politischer und wirtschaftlicher Natur auf und ist auch eine Anfrage an die Kirche. Während   die   Regierungen   nach   rechtlichen   Regulierungsmaßnahmen   suchen,   um   die   ursprüngliche  Vision  eines  freien,  offenen  und  sicheren  Netzes  zu  bewahren,  haben  wir  alle  die Möglichkeit und die Verantwortung, eine positive Nutzung des Internets zu fördern. Es  ist  klar,  dass  die  Multiplikation  von  Verbindungen  nicht  ausreicht,  um  ein  gegenseitiges Verständnis zu fördern. Wie aber können wir, im Bewusstsein, dass wir auch im Internet eine Verantwortung füreinander haben, unsere wahre gemeinschaftliche Identität finden?

Eine mögliche Antwort kann ausgehend von einer dritten Metapher skizziert werden, von der Metapher des Leibes und seiner Glieder, mit deren Hilfe der heilige Paulus das Verhältnis der Gegenseitigkeit  zwischen  den  Menschen  beschreibt,  das  in  einem  Organismus  begründet  liegt,  der  sie  vereint.  „Legt  deshalb  die  Lüge  ab  und  redet  die  Wahrheit,  jeder  mit  seinem  Nächsten;  denn  wir  sind  als  Glieder  miteinander  verbunden“  (Eph 4,25).  Das  Als-Glieder-miteinander-verbunden-sein ist  die  tiefe  Motivation,  mit  der  der  Apostel  uns  auffordert,  die  Lüge  abzulegen und die Wahrheit zu sagen: Die Verpflichtung zur Bewahrung der Wahrheit ergibt   sich   aus   der   Notwendigkeit,   das   gegenseitige   Gemeinschaftsverhältnis   nicht   zu   leugnen.  Tatsächlich  offenbart  sich  die  Wahrheit  in der  Gemeinschaft.  Die  Lüge  hingegen  besteht in der egoistischen Weigerung, die eigene Zugehörigkeit zum Leib anzuerkennen und in  der  Weigerung,  sich  anderen  hinzugeben,  womit  man jedoch  auch  den  einzigen  Weg  der  Selbstfindung verliert.

Die  Metapher  des  Leibes  und  seiner  Glieder  lässt  uns  über  unsere  Identität  nachdenken,  die auf Gemeinschaft und Verschiedenheit basiert. Als Christen verstehen wir uns alle als Glieder des  einen  Leibes,  dessen  Haupt  Christus  ist.  Das  hilft  uns,  andere  Menschen  nicht  als  potenzielle   Konkurrenten   zu   sehen,   sondern   auch   unsere   Feinde   als   Mitmenschen   zu   betrachten.  Dann  müssen wir  uns  nicht  länger  über  einen  Gegner  definieren,  denn  aus  der  Perspektive  der  Inklusion,  die  wir  von  Christus  lernen,  können  wir  das  Anderssein  neu  entdecken, nämlich als integralen Bestandteil und Bedingung für Beziehung und Nähe.

Diese  Fähigkeit  zum  Verständnis  und  zur  zwischenmenschlichen  Kommunikation  hat  ihre Grundlage  in  der  Liebesgemeinschaft  der  göttlichen  Personen.  Gott  ist  nicht  Einsamkeit,  sondern Gemeinschaft; er ist Liebe und damit Kommunikation, denn die Liebe kommuniziert immer,  ja  sie  kommuniziert  sich  selbst,  um  dem  anderen  zu  begegnen.  Um  mit  uns  zu  kommunizieren und sich uns mitzuteilen, passt Gott sich unserer Sprache an und begründet in der  Geschichte  einen  echten  Dialog  mit  der  Menschheit  (vgl.  ZWEITES VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution Die Verbum, 2). Weil  wir  als  Ebenbilder  Gottes  geschaffen  sind,  der  Gemeinschaft  und  Mitteilung  seiner selbst  ist,  tragen  wir  immer  ein  gewisses  Heimweh  nach  einem  Leben  in  Gemeinschaft  und  nach  Zugehörigkeit  zu  einer  Gemeinschaft  im  Herzen.  „Denn  Nichts  ist  unserer  Natur  so  eigentümlich wie dieses, dass wir gesellig miteinander leben und einander bedürfen“, sagt der heilige Basilius.

Der aktuelle Kontext fordert uns alle auf, in Beziehungen zu investieren und auch im Internet und   durch   das   Internet   den   zwischenmenschlichen   Charakter   unseres   Menschseins   zu bekräftigen. Noch mehr sind wir Christen aufgerufen, jene Gemeinschaft sichtbar werden zu lassen,  die  unsere  Identität  als  Gläubige  kennzeichnet.  Der  Glaube  ist  schließlich  selbst  Beziehung  und Begegnung.  Unter  dem  Einfluss  der  Liebe  Gottes  können  wir  das  Geschenk,  das der Andere ist, mitteilen, annehmen, verstehen und darauf reagieren."

Quelle: Deutsche Bischofskonferenz