Trigger
03.02.2020

Gemalt von Br. Othmar Jessberger SVD

Der lange Weg zum nahen Ziel

Man hat Helena Stollenwerk (1852-1900), die Mitgründerin der Steyler Missionsschwestern, eine Märtyrerin des Wartens genannt. Dass ihr Weg so schmerzlich war, hängt mit dem Zeitpunkt und der Art ihrer Berufung zusammen.

Ihre Berufung
Helena kann keinen bestimmten Tag oder Ort angeben, an dem sie ihre Berufung erfahren hat. Es gibt auch kein Schriftwort, das sie so getroffen hätte, dass sie es als Berufung erfahren hätte. Lange Zeit spricht sie nicht einmal von einer Berufung. Sie sprudelt einfach über vor Freude über ein kirchliches Fest, das für sie das Fest der Feste war: der Jahrestag des Vereins der heiligen Kindheit (heute: Päpstliches Missionswerk der Kinder oder Kindermissionswerk). Der Vikar ihrer Pfarrei Simmerath (Eifel) erzählte dann vom Los der Kinder nichtchristlicher Länder, besonders in China. Es wurde gesungen, Geld gesammelt und  es wurden Lose gezogen, welches chinesische Kind bei der Taufe den Namen eines Kindes aus Simmerath tragen würde. Helena war hell begeistert; sie fühlte, dass ihr zukünftiger Platz in China war. In ihren Träumen sah sie sich bereits im Dienst an chinesischen Waisenkindern. Damit war sie auf der Startbahn, die über viele Windungen doch schnurgerade zum Ziel führte. Unbekümmert sprach sie davon in Familie und Nachbarschaft. Sie erntete ein stilles Lächeln, denn man betrachtete es als bloßen Kindertraum. Dass viele Landsleute nach Amerika auswanderten, um ihr Brot zu verdienen, war nachzuvollziehen - aber nach China, um dort Waisenkinder zu retten, das passte einfach nicht in den Horizont der Eifelbauern. Dabei ist auch zu bedenken, dass es zu dieser Zeit noch keine Missionsorden in Deutschland gab.

Der Preis der Perle
Je beharrlicher Helena zu ihrem Willen stand, desto mehr stieß sie auf Widerstand. Die Mutter glaubte, einen solchen Schritt ihrer Tochter nicht überleben zu können. Der Beichtvater erkannte eine starke religiöse Berufung, die er fördern wollte, aber China sollte sie sich aus dem Kopf schlagen. Der Dechant schlug ihr den Eintritt in eine franziskanische Gemeinschaft vor, wozu sie mit Bestimmtheit sagen konnte, dass sie dafür keine Berufung habe. Helena kam bald zur Einsicht, dass diejenigen, die keine solche Berufung haben, sie auch nicht verstehen können. Ihre Begeisterung für die Mission verwandelte sich zu einem Schritt in die Einsamkeit der Wüste. Das hielt sie nicht davon ab, ihrem Stern zu folgen. Auf sich allein gestellt, fragte sich Helena, ob sie nicht doch das Opfer einer Täuschung war. So oft sie aber auf den Anfang zurückging, wallte Freude in ihr auf, und sie fühlte, dass Gott keine Berufung gibt, die nicht zu erfüllen ist. Doch alles Suchen nach einem geeigneten Weg führte sie nur in Sackgassen. Sie betete und ließ beten. Und danach wusste sie wieder deutlicher, dass sie keinen anderen Weg einschlagen durfte. Immer entschiedener fragte sie nicht nach dem Gutdünken der Menschen, sondern nach dem Willen Gottes, betete, litt, und harrte auf ein Zeichen von oben. Ihre Umwelt konnte an ihr ablesen, welche Kraft eine Berufung in sich schließt. Sie selber lernte das Gleichnis der kostbaren Perle des Evangeliums verstehen, die der Kaufmann nur erwerben kann, wenn er alles andere dafür veräußert.

Die Symbolfigur
Helenas Berufung zeigte die ersten Früchte. Die Kirche in Europa erstarkte nach den napoleonischen Wirren erneut und wurde sich dabei auch ihrer missionarischen Verpflichtung bewusst. In Helena hatte sie ein gelebtes Vorbild dieses Bewusstseins, dass man sich der missionarischen Verpflichtung nicht einfach mit einem Vaterunser und einigen Münzen entziehen konnte. Helena wurde für die Pfarrei und darüber hinaus zur Symbolfigur, deren Weg man interessiert verfolgte.

Dann, bei einem Besuch im Missionshaus in Steyl, überbekam sie beim Abendgebet der Gemeinschaft ganz unerwartet die tiefe Gewissheit: Hier ist der Ort, wo man ein Ordensleben führt und nach China will. Die Freude der ersten Stunde, gepaart mit großer Sicherheit überfiel sie wieder. Dies war der Ort, den sie seit zwei Jahrzehnten suchte. Auch hier gab es noch Wartezeiten. Sie wurde als Magd angenommen mit der Aussicht, Schwester zu werden, aber ohne dass man es ihr versprechen konnte. Durch ihr treues Durchhalten aber erkannte Arnold Janssen Gottes Willen, einen weiblichen Ordenszweig gründen zu sollen. Helena widerum erkannte, dass sie nicht zur Arbeit in China, sondern zur Mitarbeit am Aufbau der Schwesternkongregation berufen war. Großmütig stellte sie sich dieser Aufgabe. Als Frucht der Erfahrung ihres zwei Jahrzehnte langen Umwegs in das nahe Steyl schrieb sie später: Gott hat tausend Mittel und Wege, seinen Willen zu erfüllen.

Letzter Schritt
1896 wurde die Abteilung der Anbetungsschwestern eröffnet. Helena meldete sich, wurde aber nicht dafür bestimmt. Zwei Jahre später jedoch bat Arnold Janssen sie unerwartet und gegen ihr Zögern, dorthin überzuwechseln. 1905 reisten die ersten Schwestern nach China aus. Helena erlebte diese Freude nicht mehr. Sie starb am 3. Februar 1900 in Steyl. China wurde das größte Missionsgebiet des Steyler Missionshauses. Am 6. Mai 1995 wurde Helena Stollenwerk zur Ehre der Altäre erhoben als eine Pionierin der Weltmission.  

Sr. Ortrud Stegmair

Weiterführende Informationen zur Gründerzeit gibt es hier