Trigger
17.11.2017

Eindruck aus einem Shinto-Schrein.

Ein Augenblick in Japan

Eigentlich lebt Sr. Anna Damas in Papua Neuguinea. Als Referentin hatte sie nun Gelegenheit, nach Japan zu reisen. In ihrem Rundbrief beschreibt sie, wie diese doch so ferne Kultur ihr immer wieder den Spiegel vorgehalten hat.

Der Flug von Port Moresby, der Hauptstadt Papua-Neuguineas, nach Tokyo dauert "nur" sieben Stunden. Unterwegs überquert man nicht nur den geographischen, sondern auch den kulturellen Äquator. Japan ist in so mancher Hinsicht das Gegenteil Papua-Neuguineas.

Unsere Schwestern in Japan hatten mich eingeladen, ein Seminar zum Thema "Interkulturelle Kommunikation" zu geben. Unterschiedliche Kulturen haben unterschiedliche Vorstellungen davon, was im Leben wichtig ist, was gutes Benehmen ausmacht, wie man sich im Konfliktfall verhalten soll, wie Autorität ausgeübt wird usw. Was passiert nun, wenn Menschen verschiedener Kulturen aufeinandertreffen? Da gibt es Stolpersteine im Umgang miteinander, aber auch die Gelegenheit, den eigenen Kultur- und Werte-Horizont zu erweitern.

Am Seminar nahmen ausser den japanischen Schwestern auch zwei Inderinnen, drei Koreanerinnen und drei Indonesierinnen teil. So war die Zusammensetzung schon interkulturell. Zum erstenmal war ich als Europäerin allein unter Asiatinnen. Obwohl alles übersetzt werden musste (meinetwegen), gelang das Seminar doch gut.

Vorher und nachher taten die Schwestern ihr Bestes, mir etwas von ihrer Missionsarbeit und vom Land zu zeigen. Zuerst Fukushima: das ist die Landesprovinz, die 2011 von dem starken Erdbeben, Tsunami und, als Folge, dem Reaktor-Unfall verwüstet wurde. Die Schäden des Erdbebens und Tsunamis sind beseitigt; die radioaktive Verseuchung bleibt. So gut es ging (und es ging nicht überall), entfernte man die oberste, verseuchte Erdschicht und packte sie in strahlungsdichte Spezialsäcke. Aber wohin mit den Säcken? Sie türmen sich, wohin man schaut. Immer noch sind weite Gebiete zu verstrahlt, um dort zu wohnen. Drei unserer Schwestern arbeiten in Fukushima in einer Einrichtung der Caritas mit. Betroffene können dort Rat und Hilfe suchen, und Ehrenamtliche erhalten Unterkunft und Verpflegung. Viele Menschen helfen freiwillig mit bei Säuberungsaktionen und Aufräumarbeiten, so dass Bewohner wieder in ihre ursprünglichen Behausungen einziehen können.

Unter den Ehrenamtlichen der Caritas sind auch viele Nichtchristen. Der Anteil der Christen in Japan beträgt nur 0.3%. Die große Mehrheit der Japaner sind Buddhisten oder Shintoisten. Ich war völlig überrascht, wie lebendig Religion und Religiosität in Japan sind. Ein Land, in dem jeder Quadratmeter bebaut, das Leben industrialisiert und technisiert ist, und in dem sogar die Toiletten ans Stromnetz angeschlossen sind und automatisch funktionieren – in einem solchen Land, hatte ich mir vorgestellt, ist Religion längst als vormodernes Überbleibsel ausgemustert. Großer Irrtum! Die Shinto-Schreine und buddhistischen Tempel schwirren von Betern, Pilgern, Priestern, Tempel-jungfrauen, Mönchen und Nonnen. Als Katholikin fühlt man sich gleich zuhause angesichts der vielen Statuen, Lichter, Opferstöcke, Gebetsglöckchen und Votivtafeln. Autosegnungen gibt es auch.

Was es bei uns im Katholizismus allerdings nicht gibt, ist die Beerdigungsfeier für Puppen und Teddybären. Mir drang sich der Gedanke auf, dass dieses Ritual sinnbildlich steht für den tiefen Respekt, den der Buddhismus allem Sein entgegenbringt. Wenn ein Kind lange Zeit mit einer Puppe spielt, so der Gedanke hinter der Puppenbeerdigung, wird sie "wirklich"; das Kind liebt sie sozusagen ins Dasein. Daher kann man die Puppe später nicht einfach achtlos in die Mülltonne werfen. Wenn ihr Leben zusammen mit der Kindheit des Kindes zuende geht, schuldet man der Puppe eine Beerdigung im Tempel.

Respekt scheint mir ein Schlüsselwort für die japanische Kultur und Gesellschaft zu sein. Man verneigt sich hundertmal am Tag: voreinander, vor dem Essen, vor symbolischen Gebäuden. Menschen mit Mundschutz sind ein gewohntes Straßenbild. Sie tragen ihn nicht etwa, weil sie sich vor Luftverschmutzung und Krankheitskeimen schützen wollen – nein, sie selber haben eine Erkältung und wollen andere nicht anstecken. So weit geht die Rücksicht.

Überhaupt war der Besuch in Japan für mich als Deutsche ein Blick in den Spiegel. Was man uns Deutschen nachsagt: Disziplin, Obrigkeitsdenken, Fleiß und Perfektion – das alles sah ich in Japan wie in einem Vergrößerungsglas. Unglaublich, wie diszipliniert sich die Passagiere am Gleis aufreihen: genau dort, wo die Türen des (immer pünktlichen!) Zuges zum Halten kommen. Und sie stellen sich sogar in zwei Reihen auf, die erste Reihe für den erst einfahrenden Zug, die zweite für den späteren. Soviel Ordnung brachte mich zum Lachen. Ich verstehe jetzt viel besser, wie unsere deutsche Kultur auf Ausländer wirken kann: wahlweise zum Staunen und zum Schmunzeln.

Und das ist wohl immer so, wenn man Bekanntschaft mit einer fremden Kultur macht: Man schaut in den Spiegel. Und man erkennt sich darin mit den eigenen annehmbaren und unangenehmen kulturellen Seiten. So wie die Königin, Schneewittchen und die Hexe: Spieglein, Spieglein an der Wand....