Trigger
31.10.2016

Arnold Janssen war seiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten.

Ein Mann, dem eigentlich alles fehlte

Die meisten von ihnen kennen Arnold Janssen schon seit fünfzig Jahren und länger. Und doch ist er jemand geblieben, den sie nie ganz begreifen können und der immer wieder mit neuen Details überrascht. So erlebten es die Schwestern im Heilig-Geist-Kloster Wimbern bei einem Vortrag von Arnold-Janssen-Experte und Steyler Missionar Jürgen Ommerborn. Seit Jahren durchforstet er Dokumente, Briefe und Zeugnisse von und über den heiligen Ordensgründer und stößt dabei immer wieder auch auf Beeindruckendes und Kurioses, das die gegenwärtige Steyler Welt noch nicht gehört hat.

Beim heutigen Vortrag stand Arnold Janssen als "der Mensch" im Mittelpunkt. Angefangen bei seiner eher unscheinbaren äußeren Erscheinung, die mit den Jahren immer mehr der seiner Mutter glich und auch erst im Alter langsam an Härte verlor. Arnold Janssen war offensichtlich ein Mann, vor dem man sich fürchten konnte: Er hatte einen durchdringenden Blick, war ziemlich wortkarg und wirkte auf andere kühl und zurückhaltend. Beim Zuhören hielt er oft die Augen geschlossen, um gesammelt und präsent zu bleiben. Er konnte mit offenem Mund lachen, ohne dabei laut zu werden. Selten brachte er andere zum Lachen, doch er genoss es, wenn sie Spaß hatten.

Arnold Janssen war ein genügsamer Mensch, der sich nicht viel aus materiellen oder genüsslichen Dingen machte. Er hatte kein Lieblingsessen – Hauptsache schmackhaft –, zog aber offensichtlich das Bier dem Wein vor, veranlasste sogar die Errichtung einer klostereigenen Brauerei und, dass eben jenes Steyler Klosterbier auf den langen Schiffsweg zu seinen Missionaren in Togo gebracht wurde.

Der Ordensgründer war auch niemand, der viel aus sich selbst machte: einige Knöpfe seines Talars waren gewöhnlich offen, um schneller nach an einem Stift greifen zu können, und auch sein großes, rotes Taschentuch lugte immer wieder hervor. Dieses Taschentuch erfüllte nicht nur seine ursprüngliche Funktion, sondern diente ihm gleichzeitig als Serviette. Versuche seiner Mitbrüder, ihm vorsorglich eine Serviette neben den Teller zu legen, erwiesen sich als erfolglos.

Arnold Janssen war nicht von Natur aus den Menschen zugewandt – so sehr er gleichzeitig in Gottesliebe brannte. Dass Gottes- und Nächstenliebe zu zwei Seiten derselben Medaille wurden, war für ihn ein lebenslanger, mit starken Vorsätzen und hohen Anstrengungen verbundener Weg. Seine ursprüngliche Härte und Rücksichtslosigkeit wich nur langsam der Milde, Nachsicht und Hilfsbereitschaft. Gerade hier zeigt sich die Größe seiner Demut. Arnold Janssen wusste, dass er zur Härte neigt und bat seinen Sekretär, ihn darauf aufmerksam zu machen, wenn er in sich in seinen Briefen zu hart ausdrückte. "Er war ein Mensch, der bis zum Tod an sich gearbeitet hat", so Pater Ommerborn, "und genau das macht ihn zum Vorbild."

Gerade seine Menschlichkeit und Schwächen sind es auch, die die heutigen Schüler seiner damaligen Schule am Niederrhein, der Gaesdonck, faszinieren: zum Beispiel, "dass er einmal sitzen geblieben ist". Zugleich war Arnold Janssen auch ein sehr intelligenter und talentierter Mann, ein "Pater Mathematicus", der sich ebenfalls Bestens in Botanik, Astronomie und Philosophie auskannte. Bisher kaum bekannt ist sein politisches Engagement. "Mit Predigten und Gottesdiensten allein ist die heutige Welt nicht mehr zu retten", war ihm schon vor mehr als hundert Jahren klar. Zugleich war er ein frommer Mann. Viel Zeit zum Beten blieb ihm zwar nicht, aber sein ganzes Leben und Arbeiten war ein Denken, Handeln und Lieben wie Jesus. Er hatte ein großes Gottvertrauen – sein ganzes Missionswerk sei darauf aufgebaut, sagte er selbst einmal – wusste aber auch, dass es mit Klugheit gepaart sein muss.

"Es ist auffallend, dass ein Mann, dem eigentlich alles fehlte, um vor der Welt groß zu werden, trotz aller Schwierigkeiten und Widersprüche ein so großes Werk zu gründen vermochte", sagte sein Zeitgenosse und Münsteraner Bischof Johannes Poggenburg einmal über Arnold Janssen. Eine Beobachtung, die sicher alle bestätigen würden, die heute bei Pater Ommerborns Vortrag wieder neue Facetten Arnold Janssens kennengelernt haben.

 

Veröffentlicht: 31.10.2016 / Sr. Michaela Leifgen SSpS