Trigger
09.05.2020

Sich den Schwachen zuwenden, auch dafür steht Maria

Maria und die Krise

Sr. Dorothee Laufenberg blickt vor dem Hintergrund der anhaltenden Corona-Pandemie auf den Marienmonat.

Krise – das Wort und die Wirklichkeit, die nun seit Wochen unser aller Leben prägt. Wohl kaum jemand empfindet die damit verbundene Ahnung von existentieller Gefahr und Not als angenehm oder gar als Grund zum Feiern.Und genau jetzt feiern wir als Kirche den Mai als Marienmonat. Wie der Mai steht Maria für einen grundlegenden Neuanfang. 

Maria sagt „Ja“ zu einer für sie völlig neuen Lebenswirklichkeit, die sie existentiell in Gefahr brachte – nicht verheiratet, ein Kind erwartend, nicht wissend, wie es weitergehen soll. Es ist nicht eine Maria, die unerreichbar auf einem Podest steht über den Wolken. Es ist eine kleine Frau aus dem Volk, die allen Mut braucht um sich auf Gottes Wort einzulassen – ohne Wenn und Aber.

Traditionell gehört zu diesem Monat und den Andachten das „Rosenkranzgebet“. Der Rosenkranz will Menschen durch Gebet und Meditation zur Mitte zu führen. Das bedeutet, nicht das stets Neue und Andere zu suchen, sondern immer wieder das Wesentliche, die Kerngeschichte des Evangeliums: Gott will für uns ein Leben in Fülle.

Welche Botschaft für ein solch erfüllendes und kraftvolles Leben erschließt uns das Leben der biblischen Maria, was bedeutet ihr radikaler Neubeginn für uns heute? Schauen wir auf Maria, die im sogenannten Magnificat* ein großartiges Lied singt, ein Lied der Befreiung, der Befreiung aus Angst und Hoffnungslosigkeit, aus Not und Perspektivlosigkeit. Ein Lied, das bis heute Tag für Tag in unseren Gemeinschaften und Kirchen gesungen und gebetet wird.

Dazu nur drei Stichworte: Gott ist der Größere, Maria ist die Erniedrigte, Gott ist der Sehende. Das Lied besingt die Größe Gottes. Es ist die Vorstellung von einem Gott, der auch dann noch weiterführt, wenn alles zusammenzubrechen scheint. So wie der Blick auf den Horizont ahnen lässt, dass etwas größer ist, als mein manchmal doch sehr begrenztes Denken und Wahrnehmen.

Das biblische Lied beschreibt nicht eine nach weltlichen Maßstäben herrliche oder gar prunkvolle Frau. Im griechischen Text steht das Wort „Erniedrigung". Es kann politische und soziale Unterdrückung, Armut, Gewalterfahrungen und Demütigungen unterschiedlichster Art bezeichnen, auch sexuelle Gewalt gegen Frauen. Das ist das Lied einer Frau, die für so viele Frauen in dieser Welt steht, die die Erfahrung der Erniedrigung in ihrem alltäglichen Leben erdulden müssen.

Doch damit ist das Magnificat als Lied der Befreiung noch nicht beschrieben. Es beschreibt einen Gott, der sieht, einen Gott, der all das Elend wirklich sieht. Ein Gott, der zwar oft nicht eingreift – jedenfalls nicht so, wie wir es gerne hätten – aber ein Gott, der immer wieder neue Lebensperspektiven eröffnen will. Dazu braucht es dann dieses „Ja“, das Maria mit ihrer ganzen Existenz gesprochen hat. Viele Glaubenszeugen bestätigen, dass es bis in unsere Zeit hinein auch geschieht.

Eine Krise stellt einen Wendepunkt dar, einen Höhepunkt in einer kritischen Situation. Es ist immer die ganz persönliche Entscheidung, wohin ich mich ausrichte – auf neue Lebensperspektiven und einer in Gott gründenden neuen Freiheit oder zurück zu den „Fleischtöpfen Ägyptens“.  Vielleicht lädt die Corona-Krise ein,  künftig wieder besonders die „Erniedrigten“ in den Blick zu nehmen und wie Maria „Ja“ zu sagen, zu einem Gott der sieht, und der uns einlädt, im Vertrauen auf sein lebensspendendes Sein konkrete Schritte der Befreiung  anzugehen – in Lesbos, Syrien, Venezuela, Deutschland oder sonst wo auf der Welt.

Sr. Dorothee Laufenberg

*Text Magnificat: Gotteslob Nr.  634,4