Trigger
20.11.2020

Mathilda (Mitte) mit der Kommunität in Frankfurt

MaZ 2020: Wie sich durch Corona Türen schlossen und andere sich öffneten

Eigentlich hätte Mathilda diesen Rundbrief von den Philippinen geschickt. Die Pandemie ließ eine Ausreise im Sommer nicht zu, daher hat sie sich für ein MaZ-Jahr in Deutschland entschieden und berichtet von ihren ersten Wochen in Frankfurt.

„Tragen Sie bitte Ihre Mund-Nasen-Bedeckung und bleiben Sie gesund“, tönt es aus den Lautsprechern der Straßenbahn Nr. 18 Richtung „Louisa Bahnhof“. Ich bin gerade auf dem Nachhauseweg, zurück in die Kommunität der Steyler Schwestern in Frankfurt, die in letzter Zeit ein Zuhause für mich geworden ist. Diese ermahnende Stimme aus der Lautsprecheranlage reißt mich aus meinen Tagträumereien und erinnert mich mal wieder daran, was momentan Realität ist: Wir leben in einer Zeit der Pandemie, die so ungewiss und angespannt ist und viele meiner Pläne auf den Kopf gestellt hat.

Ich bin im Februar 18 Jahre alt geworden und hatte in den Monaten zuvor eine ziemlich klare Vorstellung davon entwickelt, was ich nach meinem Schulabschluss machen würde. Ich wollte auf der Zielgeraden des Abiturs nochmal alles geben, mich gründlich vorbereiten und anschließend verdient mit meinen Freund*innen unsere gemeinsame Schulzeit und unseren neuen Lebensabschnitt feiern. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich auch schon, dass mich mein Weg zusammen mit den Steyler Schwestern als Missionarin auf Zeit (MaZ) ins Ausland führen würde. Kurz nach meinem Geburtstag kam der Anruf, auf den ich gespannt gewartet hatte. Ich sollte MaZ auf den Philippinen sein und dort in einer Einrichtung für Straßenkinder mitarbeiten. Ich war überglücklich, aufgeregt, kribbelig.

Corona hat mir einen ziemlichen Strich durch die Rechnung gemacht. Zwar hatte ich während des ersten Lockdowns ausreichend Zeit, mich auf meine schriftlichen Abiturprüfungen vorzubereiten, jedoch lebte ich in einer ständigen Ungewissheit, ob diese überhaupt stattfinden würden und wie es danach weitergehen sollte. Die Prüfungen konnte ich zum Glück unter relativ normalen Bedingungen schreiben, doch das Feiern danach fiel ins Wasser. Genauso wie mein MaZ-Jahr auf den Philippinen… Dabei gab es jedoch nie den Zeitpunkt, an dem es hieß „Du wirst nicht ausreisen können“. Die Feststellung, dass eine Ausreise in diesen Zeiten fast unmöglich sein würde, kam sehr schleichend mit der Weiterentwicklung der Pandemie.

In den Seminaren, die zum Glück trotzdem stattfanden, wurde mir klar, dass ich auch weiterhin MaZ sein kann, auch ohne die Gewissheit einer Ausreise. Und so kam es, dass ich mich dafür entschied, MaZ hier in Deutschland zu sein. Corona erfordert eben die Entwicklung von neuen Ideen, das Eingehen von Kompromissen und ein nicht zu schnelles Aufgeben. Und es war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte.

Vom MaZ-in-Deutschland-Sein und meiner Arbeit in der Elisabeth-Straßenambulanz
MaZ-Sein sieht für mich seit ungefähr Anfang Oktober so aus: Ich lebe in der Kommunität in Frankfurt mit und fühle mich unglaublich wohl und aufgenommen dort. Wir haben genauso viele intensive und bereichernde Gespräche, wie wir gemeinsam spielen, lachen und feiern können. Dieser Ausgleich zwischen Humor und Ernsthaftigkeit tut sehr gut und hilft mir auch bei der Verarbeitung meiner täglichen Erfahrungen und Begegnungen.

Von Montag bis Freitag arbeite ich in der Elisabeth-Straßenambulanz (Kurzform: ESA), einer medizinischen Versorgungsstelle für Wohnungslose. Ich kann hier bei Weitem nicht alle Erkenntnisse und Erfahrungswerte nennen, die mir der letzte Monat gebracht hat – so viele sind es. Also eine Kurzfassung: Mich macht die Arbeit in der ESA unglaublich sensibel für Menschen, die auf der Straße leben. Es ist sehr schockierend und traurig, ihre Geschichten und Schicksale zu hören, zu erkennen, in was für einem Teufelskreis sie doch stecken und wie krank sie das Leben auf der Straße macht. Ich war zuvor sehr naiv, was mein Bild von dem vermeintlichen Sozialstaat Deutschland angeht.

Mir ist erst hier so richtig klar geworden, dass es in Deutschland viele Menschen gibt, die keinen Platz im System finden und an die nicht gedacht werden. Umso deutlicher ist für mich die Wichtigkeit von Einrichtungen wie der ESA geworden. Bei der großartigen Arbeit, die die Mitarbeiter*innen dort täglich leisten, geht es nicht darum, die Situation der Patient*innen schlagartig und langfristig zu verbessern - das ist in vielen Fällen auch nicht so einfach möglich. Es geht um die kleinen Schritte, um die Momente der Besserung, wenn die  Patient*innen sich von allein in die ESA wagen, weil sie Vertrauen aufgebaut haben und wissen, dass sie dort Menschlichkeit erfahren. Und sei es oftmals nur durch einen neuen Verband, eine Dusche, gekürzte Finger- und Fußnägel, einen gepflegten Bart und neue Kleidung. Genauso wie beim Kleidercafé, in dem ich freitags mitarbeite, geht es darum, Orte zu kreieren, an denen die Menschlichkeit siegt und Würde geschaffen wird.

Mathilda