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18.02.2019

Nach vorne schauen – Neues von unseren Schwestern in Athen

Sr. Hemma Jaschke besuchte Ende Januar unser SSpS-Euro-Projekt der Flüchtlingshilfe in Athen. Hier berichtet sie eindrücklich von ihren Erfahrungen und auch von den Entwicklungen seit ihres ersten Besuchs im November 2017

Die sichtbarste Veränderung ist die neue Zusammensetzung unserer Schwesterngemeinschaft. Da diese ja von Anfang an als "Community in Movement" angelegt war, hat es im vergangenen Jahr recht viel Bewegung gegeben. Seit Dezember 2018 zählt die Kommunität vier Schwestern: Sr. Ada aus Österreich, die seit Anfang an dabei ist, Sr. Preethi aus Indien, Sr. Ewa, eine Polin, und Sr. Carmen Elisa, Argentinierin.  

Große Veränderungen hat es auch beim JRS (Jesuitenflüchtlingsdienst) gegeben. Vergangenen Sommer hat Francisca Onofre, eine junge Portugiesin, von P. Maurice Joyeux SJ die  Leitung des JRS in Griechenland übernommen. Ihr stehen ein bunt gemischtes Team aus Hauptamtlichen (zum Großteil einheimische MitarbeiterInnen) und eine wechselnde Gruppe Freiwilliger (meist junge Leute aus Frankreich und Portugal) zur Seite. Zusammen mit den Schwestern und einigen Flüchtlingen als HelferInnen trägt diese Gruppe Verantwortung für das JRS-Shelter und die dazu gehörigen Angebote: Rechts- und psychologische Beratung, Kleiderladen, Teehaus-Betrieb und den "Magis-Store".

Die Schwestern arbeiten jeweils in den verschiedenen Bereichen verantwortlich mit. Sr. Ewa, Leiterin der SSpS-Gemeinschaft, ist viel im Shelter beschäftigt, gibt Englisch-Unterricht und ist, als ausgebildete Psychologin, Kindern wie Erwachsenen eine wichtige Begleiterin in persönlichen Fragen. Zudem ist sie verantwortlich für die Freiwilligen des JRS. Sr. Preethi findet dank ihrer multi-lingualen Kenntnisse leicht Zugang zu den BewohnerInnen des Shelter und hat ein offenes Ohr für die vielen unterschiedlichen Fluchtgeschichten der Menschen. Sr. Carmen Elisa, Lehrerin von Beruf und zuletzt Missionssekretärin in unserem Generalat, ist verantwortlich für den Bildungsbereich, den so genannten "Magis-Store", der im 2. Stock des Hauses seinen Platz hat, in dem auch unsere Schwestern wohnen. Diese Initiative zielt darauf ab, den Flüchtlingen eine Perspektive zu eröffnen und sie zu motivieren, in ihre Zukunft zu investieren. Dort ist Platz für Sprachunterricht (Englisch, Griechisch, Französisch), es gibt Computerklassen, eine Bibliothek, einen Spielraum für Kinder und einen Stille-Raum, um sich einmal zurückziehen zu können.

Die Englisch-Klasse ist sehr beliebt und zieht immer mehr Leute an. Da die Gruppe sehr groß ist und die Lernwilligen zwischen 17 und 65 (!) Jahren auf sehr unterschiedlichem Niveau sind, wurden Sr. Francisca SSpS, die für einen Monat als Freiwillige mitarbeitet, und ich gleich zum Mithelfen eingeteilt. Die Kleingruppe, die mir zugefallen war, bestand aus einer jungen Afghanin mit Maturaabschluss, offensichtlichem Sprachinteresse und Talent, zwei jüngeren Frauen aus dem Iran, die ein paar Grundkenntnisse hatten und einem 65-jährigen Afghanen, der zwar Analphabet ist, aber ein so erstaunlich feines Gehör besitzt, dass er die englischen Wörter beim ersten Hören bereits einwandfrei nachsprechen konnte. Mit der Zeit begann er sogar, englische Wörter in lateinischer Schrift abzuschreiben. Hassan beeindruckte mich durch seinen Lerneifer und seine strahlende Freundlichkeit wohl am meisten in dieser Stunde.

Sr. Ada sorgt weiterhin für die Kranken und Verletzten, nicht nur im Shelter, sondern auch für Flüchtlinge aus der Umgebung, die die Angebote des JRS nützen. Außerdem ist es ihr wichtig, das Shelter in sauberem und geordnetem Zustand zu halten und darauf zu achten, dass es bei der Vielfalt von Kulturen und bei wechselnder Belegschaft in aller Einfachheit und Improvisation ein halbwegs lebenswerter Ort bleibt.

Unsere Schwestern haben sich im Laufe des vergangenen Jahres zunehmend vernetzt. Am Montag hatte ich die Gelegenheit, Sr. Ada mit dem Team der Mutter-Teresa-Schwestern auf ihrer wöchentlichen Streetwork-Tour zu begleiten. Nach der Zubereitung von Broten und Kakao im Haus der Schwestern ging es mit einem Kleinbus und einer Gruppe von Freiwilligen durch die Stadt, um obdachlose und vor allem drogenabhängige Menschen an ihren Plätzen aufzusuchen. Da diese Leute von den großen öffentlichen Plätzen immer wieder durch die Polizei vertrieben werden, leben sie verstreut in unterschiedlichen Straßen und Plätzen. Bei unserer Tour trafen wir auf eine bunt gemischte Gruppe von GriechInnen, Migranten und Flüchtlingen.

Die Aussichtslosigkeit des Wartens in Griechenland und die Perspektivlosigkeit treiben auch Flüchtlinge in die Abhängigkeit bzw. in das Geschäft der Dealerei. Dass die Verhältnisse unbeschreiblich sind, wenn suchtkranke Menschen, Männer wie Frauen, auf der Straße buchstäblich im Dreck leben, brauche ich wohl nicht zu beschreiben. Neben der leiblichen Stärkung sind vor allem das Gespräch und die persönliche Zuwendung wichtig und nährend. Zumindest einmal in der Woche als Mensch auf Augenhöhe wahrgenommen und angesprochen zu werden, bedeutet viel mehr als warmer Kakao und ein Stück Brot.

Sr. Ada, immer ausgestattet mit ihrer Medizin- und Erste Hilfe-Tasche, hat keinerlei Scheu, Wunden zu versorgen, die man lieber nicht sehen will oder Krankheiten zu lindern, die für obdachlose Menschen doppelt schlimm sind. Auch hier gilt wieder: Allein die menschliche Zuwendung hat schon heilende Wirkung.

Laut Auskunft unserer Schwestern gibt es in Griechenland zurzeit geschätzte 60.000 Flüchtlinge. In Athen wohnen viele in leerstehenden alten Hotels und unbenutzten Gebäuden, die ihnen die Stadt zur Verfügung stellt. Es gibt zwei Flüchtlingscamps, eine Reihe von Shelters und private Unterkünfte. Wer all das nicht hat, dem bleiben nur die Straße, Parks und öffentliche Plätze. Bei unserem Rundgang am Hafen von Piräus haben wir auch einige Unterkünfte gesehen, bestehend aus Decken und Planen, die irgendwo an leerstehenden Gebäuden angebracht waren.

Die Lage der Flüchtlinge in Griechenland bleibt schwierig, die Zustände in den großen Lagern auf den Inseln verheerend und das nasskalte Winterwetter macht den Leuten zusätzlich zu schaffen. Die nächsten Monate werden zeigen, ob wir als Steyler Schwestern unseren Einsatz für Menschen auf der Flucht noch etwas ausweiten können.

Das Motto des JRS "accompany – serve – advocate" (Begleitung, Dienst, Anwaltschaft) fasst den Einsatz unserer Schwestern ganz gut zusammen. Für viele Flüchtlinge ist es zunehmend wichtiger, bei der Integration und beim Aufbau einer neuen Zukunftsperspektive Begleitung und Hilfe zu bekommen. War das Ziel in den letzten Jahren fast immer, von Griechenland aus nach West- oder Nordeuropa zu kommen, so wollen nun immer mehr Flüchtlinge in Griechenland bleiben.

Beeindruckt hat mich diesmal besonders die Begegnung mit jungen und älteren Menschen, die als Freiwillige Zeit und persönliche Ressourcen in den Dienst an den Flüchtlingen stellen. Für die jungen VolontärInnen beim JRS sind unsere Schwestern wichtige Ansprechpartnerinnen. Eine junge Portugiesin - in der Küche der Schwestern mit einer süßen griechischen Mandarine in der Hand - drückte das ganz spontan mit dem Satz aus: "Hier bei euch ist es wie bei uns daheim. Da treffen sich auch alle am liebsten in der Küche."

Für Menschen auf der Flucht bedeutet es viel, von fremden Menschen einfach als Menschen wahrgenommen und willkommen geheißen zu werden. Bei aller Ohnmacht, die für FlüchtlingshelferInnen ein allgegenwärtiges Gefühl ist, habe ich zugleich ganz stark wahrgenommen, dass gerade die Präsenz von mitfühlenden Menschen einen riesigen Unterschied macht.

Sr. Hemma Jaschke, SSpS

 

Auch die stadtgottes hat unsere Schwestern in Athen besucht. Hier geht's zum Artikel