Trigger
27.07.2020

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Unkrautbestimmung

Das biblische Gleichnis des Sämanns (Mk 4,13-20) ist eines der bekanntesten. Jesus hat es für seine Jünger ausgelegt. Josefine Naton, eine ehemalige MaZ und Autorin unseres Magazins, schildert ihren ganz persönlichen Blick auf dieses Gleichnis.

Es ist acht Uhr morgens. Auf meinem Handy erscheint die Benachrichtigung meines Leseplans. Ich habe mir die Bibel-App runtergeladen und schaffe es so, jeden Tag ein bisschen Gottes Wort zu lesen. Doch in letzter Zeit passiert es immer häufiger, dass ich zwar lese, was dort steht, aber es nicht wirklich begreife. Es zieht an mir vorbei, wie eine beiläufige Nachricht auf WhatsApp oder eine Werbeanzeige im Internet. Ich habe ziemlich viel in meinem Kopf und vor allem in meinem Herzen und keine Kraft, Platz für Gott zu schaffen.

Da muss ich an das Gleichnis mit dem Sämann denken. Gottes Wort ist die Saat und die verschiedenen Böden, auf die es fällt, sind wir Menschen. Bei manchen fällt es in Unkraut, bei manchen auf den Weg oder auf felsigen Boden, sodass die Saat nicht aufgehen und nicht in uns wachsen kann. Nur bei manchen fällt es auf fruchtbaren Boden.

Ich habe das Gefühl im Moment nur aus Unkraut, Wegen und felsigem Boden zu bestehen. Diese Erkenntnis lässt den Boden noch weiter verhärten und das Unkraut noch schneller wachsen. Wie soll ich denn in all dem Chaos und der Unordnung je wieder etwas Positives in mir wachsen spüren? Ich nehme mein Tagebuch zur Hand und gehe in die Zeit zurück, in der in meinem Herzen noch genügend Platz war. Plötzlich stoße ich auf einen Tag, an dem ich bereits mit diesem Gedanken zu tun hatte und mir damals ein Bekannter einen ganz neuen Blick darauf schenkte:

Wir Menschen haben alle diese vier Böden in uns, doch das bedeutet nicht, dass der fruchtbare Boden das einzig Gute in uns ist und wir nur dadurch Zugang zu Gott finden können. Das Unkraut kann Gottes Wort ersticken, aber wenn man es erntet und weiterverarbeitet, dann kann es auch Zutat für Medizin und heilende Salben werden. Auf den Wegen können wir gehen, neue Welten entdecken und Menschen begegnen und aus den Felsen lassen sich Häuser errichten. Gott ist nicht auf unseren fruchtbaren Boden angewiesen, um in unserem Leben zu sein und für positives Wachstum zu sorgen. Das wichtige ist, dass wir bereit sind zu unserem Unkraut und unseren Felsbrocken zu stehen und sie uns genauer anzuschauen.

Was ist mein Unkraut? Welche heilende Wirkung kann daraus entstehen?
Welchen Menschen begegne ich auf meinen Wegen?
Wie kann ich aus den Felsbrocken meines Lebens etwas formen?

Ich merke, seit ich angefangen habe auch zu den vermeintlich negativen Seiten in mir zu stehen und mich mit ihnen auseinanderzusetzen, desto mehr wachse ich. Langsam, aber sicher wird wieder der fruchtbare Boden in mir sichtbar und die dunklen Wolken, die sich manchmal in mein Herz schieben, verwandeln sich irgendwann in wichtigen Regen für diesen Boden.

Josefine Naton

Der Text stammt aus der zweiten Ausgabe unseres Magazins zum Thema "Wachsen". Hier können Sie sich die ganze Ausgabe ansehen.