Felix Ickerodt (dritter von links) und Marie Tensing würden sich jederzeit wieder für ein MaZ-Jahr entscheiden (Foto-Collage durch ChatGPT)

Beschenkt zurückgekehrt

Als MaZlerin der Steyler Missionsschwestern verbrachte Marie Tensing ein Jahr in Santa Cruz de la Sierra in Bolivien. Felix Ickerodt zog es mit dem MaZ-Programm der Steyler Missionare nach Curuguaty in Paraguay. Im Gespräch mit Leben jetzt, dem Magazin der Steyler Missionare, erzählen die beiden von Gastfreundschaft, Gemeinschaft und davon, warum sie heute manches anders sehen als vor ihrer Reise.

Was fehlt Ihnen von Ihrem Jahr in Bolivien beziehungsweise Paraguay heute am meisten?
Marie Tensing: Das Leben an sich. Es war ein Komplettpaket. Ich habe mit den Schwestern zusammengelebt, gearbeitet, eingekauft, gebetet und meinen Alltag geteilt. Morgens begann der Tag mit einem gemeinsamen Gebet, dann Frühstück, Arbeit und Begegnungen. Dieses Miteinander hat mich sehr geprägt. 
Felix Ickerodt: Bei mir ist es vor allem die Gemeinschaft. Ich habe auf dem Gelände der Schule gewohnt und war praktisch nie allein. Man hat gemeinsam gearbeitet, gegessen, Sport gemacht und Zeit miteinander verbracht. Nach einem Jahr entstehen enge Beziehungen. Wenn man dann zurück nach Deutschland kommt, merkt man erst, wie sehr einem dieser Alltag fehlt.

Sind Sie noch mit Menschen aus Bolivien und Paraguay in Kontakt?
Felix Ickerodt: Ja, mit einigen. Wir schreiben uns ab und zu Nachrichten oder schicken Fotos. Es ist ein bisschen wie eine moderne Brieffreundschaft.
Marie Tensing: Bei mir auch. Manche Menschen begleiten mich bis heute. Selbst wenn man nicht ständig Kontakt hat, bleibt eine besondere Verbindung.

Wer hat Sie während dieser Zeit stärker geprägt – die Menschen, denen Sie helfen wollten, oder die Menschen, die Ihnen geholfen haben?
Marie Tensing: Ehrlich gesagt würde ich gar nicht von Helfen sprechen. Am Anfang war ich diejenige, die Hilfe gebraucht hat. Ich konnte die Sprache nicht, wusste nicht, wie vieles funktioniert, und war auf die Unterstützung anderer angewiesen. Deshalb würde ich eher von Mitleben sprechen. Es war ein Geben und Bekommen. Die Menschen haben mir Offenheit, Herzlichkeit und Vertrauen geschenkt.
Felix Ickerodt: Das würde ich sofort unterschreiben. Natürlich sind wir mit der Vorstellung losgefahren, etwas beizutragen. Aber der Einfluss, den dieses Jahr auf mich hatte, war wahrscheinlich größer als der Einfluss, den ich auf andere Menschen hatte. Für die Menschen vor Ort ging das Leben nach unserem Einsatz weiter. Für uns war dieses Jahr etwas, das uns dauerhaft verändert.

Warum haben Sie sich damals überhaupt für ein MaZ-Jahr entschieden?
Felix Ickerodt: Ich interessiere mich schon lange für das Thema internationale Zusammenarbeit und könnte mir vorstellen, später einmal in diesem Bereich zu arbeiten. Durch ein Praktikum bei der Arnold-Janssen-Stiftung bin ich auf das MaZ-Programm aufmerksam geworden. Die Möglichkeit, eine neue Kultur kennenzulernen, eine Sprache zu lernen und für längere Zeit in einem anderen Land zu leben, hat mich sofort angesprochen.
Marie Tensing: Bei mir war es ein Pfingstfest der Steyler Missionsschwestern in Steyl, das ich mit meiner Familie besucht habe. Dort habe ich viele ehemalige MaZlerinnen und MaZler erlebt. Diese Gemeinschaft hat mich beeindruckt. Ich habe gespürt, dass diese Menschen etwas verbindet, und wollte herausfinden, was das ist.

Mit welchen Erwartungen sind Sie aufgebrochen?
Marie Tensing: Kurz vor der Ausreise hatte ich sogar Momente, in denen ich dachte: Wenn es jetzt doch nicht klappt, wäre das auch nicht schlimm. Der Abschied von Familie und Freunden war schwer. Aber als ich schließlich im Flugzeug saß, habe ich versucht, möglichst offen zu bleiben und die Dinge auf mich zukommen zu lassen.
Felix Ickerodt: Ich hatte natürlich Vorstellungen, aber keine festen Erwartungen. Wir wurden gut vorbereitet, trotzdem wusste ich, dass vieles anders sein würde als in Deutschland. Genau das hat mich gereizt.

Wie sah Ihr Alltag konkret aus?
Marie Tensing: Am Anfang habe ich in einem Kindergarten gearbeitet, der sich auf dem Gelände eines Frauengefängnisses befand. Das war natürlich eine besondere Situation. Später kam die Arbeit in einer Suppenküche hinzu, außerdem Begegnungen mit Jugendlichen. Was mich besonders geprägt hat, waren die vielen unterschiedlichen Menschen, denen ich begegnet bin. Jede Lebensgeschichte war anders.
Felix Ickerodt: Mein Alltag war ziemlich praktisch. Auf der Schule wurden rund hundert Schülerinnen und Schüler ausgebildet. Es gab Kühe, Schweine, Pferde, Felder und Gemüsegärten. Morgens ging es früh los. Wir haben gemeinsam gearbeitet, gelernt und gegessen. Nachmittags wurde oft Fußball gespielt. Das Schöne war: Man war ständig Teil einer Gemeinschaft.

Was hat Sie in den ersten Wochen am meisten überrascht?
Marie Tensing: Schon beim Frühstück begann das Abenteuer. Wir hatten zwar Brot, aber dazu Marmelade aus Guayaba, einer Frucht, die ich vorher gar nicht kannte. Überhaupt hatte ich das Gefühl, jeden Tag etwas Neues zu probieren. Das Essen, die Sprache, die Menschen – in den ersten Wochen war einfach alles neu.
Felix Ickerodt: Mich hat überrascht, wie schnell das Fremde vertraut wird. Am Anfang wirkt alles außergewöhnlich. Nach ein paar Wochen wird vieles selbstverständlich.

Wann hatten Sie das Gefühl, angekommen zu sein?
Felix Ickerodt: Das kam schrittweise. Irgendwann merkt man, dass man nicht mehr nur beobachtet. Man kennt die Menschen, versteht die Witze, wird zu Geburtstagen eingeladen und gehört ein Stück weit dazu.
Marie Tensing: Genau. Es gab keinen einzelnen Schlüsselmoment. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr nur Besucherin bin, sondern Teil des Alltags geworden bin.

Welche Begegnung werden Sie nie vergessen?
Felix Ickerodt: Kurz vor meiner Rückreise waren meine Eltern zu Besuch. Mitten im paraguayischen Chaco blieb unser Auto liegen. In der Nähe stand ein einzelnes Haus. Eine ältere Frau nahm uns für mehrere Stunden bei sich auf, gab uns Wasser und einen Platz im Schatten. Wir konnten uns kaum verständigen, aber sofort war klar: Ihr seid willkommen. Diese Gastfreundschaft werde ich nie vergessen.
Marie Tensing: Für mich sind es eher viele kleine Begegnungen. Menschen, die ihre Tür öffnen, die sich Zeit nehmen oder Interesse zeigen. Diese Selbstverständlichkeit, mit der man aufgenommen wird, hat mich beeindruckt.

Was hat Sie an den Menschen besonders beeindruckt?
Marie Tensing: Ihre Offenheit. Viele Menschen begegnen einem mit großer Herzlichkeit. Man wird eingeladen, einbezogen und willkommen geheißen, auch wenn man sich kaum kennt.
Felix Ickerodt: Mich hat beeindruckt, wie wichtig Gemeinschaft ist. Familie, Nachbarn und Freunde spielen eine große Rolle. Vieles wird gemeinsam gemacht. Das schafft eine Nähe, die ich in Deutschland manchmal vermisse.

Hat dieses Jahr Ihren Blick auf Wohlstand und Erfolg verändert?
Felix Ickerodt: Ja, auf jeden Fall. Ich habe gelernt, dass Lebensqualität nicht nur von materiellem Wohlstand abhängt. Beziehungen, Gemeinschaft und das Gefühl, gebraucht zu werden, spielen eine mindestens ebenso große Rolle.
Marie Tensing: Das würde ich sofort unterschreiben. Mir ist bewusster geworden, wie viel Freude in einfachen Dingen steckt. Oft sind es die Begegnungen mit anderen Menschen, die einen Tag besonders machen.

Was hat dieses Jahr mit Ihnen persönlich gemacht?
Felix Ickerodt: Ich bin gelassener geworden. Und vor allem habe ich gelernt, auf Menschen zuzugehen. Wenn man in einem fremden Land ankommt, kennt man niemanden. Man muss Kontakte knüpfen, Freundschaften schließen und Vertrauen aufbauen. Diese Erfahrung trägt mich bis heute.
Marie Tensing: Für mich war es die Erkenntnis, wie erfüllend Begegnungen sein können. Wenn andere Menschen glücklich sind, macht mich das oft selbst glücklich. Das klingt vielleicht einfach, aber genau das habe ich dort gelernt.
Felix Ickerodt: Ich glaube, wir haben beide gelernt, dass vieles im Leben nicht planbar ist. Man fährt mit bestimmten Vorstellungen los und kehrt mit ganz anderen Erfahrungen zurück.
Marie Tensing: Ja, und man lernt, offener zu werden. Für Menschen, für andere Lebenswege und manchmal auch für sich selbst.

Was würden Sie jungen Menschen sagen, die überlegen, selbst ein MaZ-Jahr zu machen?
Marie Tensing: Macht es. Aber habt Geduld. Manches braucht Zeit. Bis man angekommen ist, bis man versteht, worum es eigentlich geht. Wer sich darauf einlässt, kann eine unglaublich prägende Erfahrung machen.
Felix Ickerodt: Ich würde auch sagen: Macht es. Es ist eine einmalige Chance. Man sammelt Erfahrungen, die einen ein Leben lang begleiten und prägen.

Interview: Peter Lewandowski

Erstveröffentlichung bei Leben jetzt, dem Magazin der Steyler Missionare. (externer Link, öffnet in neuem Tab)