Liebe Caren, danke für deine Bereitschaft, ein Interview zu führen! Du bist von Beruf Bestatterin (externer Link, öffnet in neuem Tab). Hattest du schon immer einen engeren Bezug zum Tod und dem Sterben?
Ich hatte in meiner Kindheit sehr wenige Berührungspunkte mit dem Tod, obwohl ich neben einem Friedhof aufgewachsen bin. Meine Eltern wollten mich vor dem Thema beschützen und daher war es für mich lange Zeit sehr angst behaftet. Mit Anfang 40 bin ich das erste Mal selbst in Kontakt gekommen, als ich meinen Onkel auf seinem letzten Weg begleitet habe. Die Zeit war sehr intensiv und hat mein gesamtes Leben verändert. Es war das erste Mal, dass ich mit einem Menschen so offen über mein Leben, aber auch über sein Leben gesprochen habe. Ich denke, er hat sich auf dem Sterbebett noch etwas von der Seele geredet und das hat bei mir so viel geändert, dass ich ab diesem Zeitpunkt das Leben von einer anderen Seite betrachtet habe. Nämlich vom Ende her, vom Tod.
Das heißt dein Verständnis von Leben und Tod hat sich in dieser Zeit verändert?
In meiner Familie wurde das Gefühl vermittelt, dass wir unsterblich sind. Der Tod war nie so richtig präsent. Und das hat der Tod meines Onkels natürlich total verändert. Es war für mich das erste Mal, dass ich Sterben so hautnah miterleben durfte, und das hat etwas sehr Friedliches gehabt.
Und wie ging es dann für dich weiter?
Ich habe verschiedene Ausbildungen gemacht, die mich alle total wachsen ließen. Gerade aus den Trauergruppen habe ich selbst so viel gezogen und so lebendige Erfahrungen machen dürfen, wollte dann aber an eine frühere Stelle. Den meisten Menschen, die Trauerbegleitung in Anspruch nehmen, fehlt ein Abschied von den geliebten Menschen und das wollte ich bieten. Sehr bewusst einzuladen in diesen Prozess, alles mit mir zu tun und keine Türe zu verschließen. Eile herauszunehmen, Raum zu geben und gemeinsam Berührungsängste zu überwinden. Da nehme ich bildlich die Menschen an die Hand, damit wir die Schwelle der Angst vielleicht gemeinsam überschreiten.
Also hat sich die Idee von alternativen Bestattungen in deiner Zeit als Trauerbegleiterin entwickelt?
Ja und nein. Sicher war die Erfahrung mit meinem Onkel ein Faktor. Aber noch stärkeren Einfluss hatte der Tod meiner Mutter. Als sie starb, ist es mir verboten worden meine Mutter gemeinsam mit der Bestatterin zu waschen. Dieses Verbot, das klingt total absurd, aber das war schlimmer als die Tatsache, dass meine Mutter verstorben ist. Das hat eine richtige Wut in mir ausgelöst. Ich habe mir dann gesagt, dass ich für Trauernde auf jeden Fall etwas anderes anbieten möchte.
Und was heißt für dich „etwas anderes“?
Mir geht es darum, dass ich versuche, trauernde Menschen aus ihrer Ohnmacht herauszuholen und sie wieder zu ermächtigen, sich ihre Trauer zurückzuholen. Es geht um selbstbestimmtes Abschiednehmen und Bestatten, nicht um Fremdbestimmtes. Manche Bestatter*innen versuchen den Trauernden alles aus der Hand zu nehmen, weil sie vielleicht davon ausgehen, dass die Trauer dadurch leichter wird, was aber Quatsch ist. Meine Arbeit zeichnet sich dadurch aus, dass es eine sehr individuelle Art ist, wie Abschied gestaltet werden kann, so dass ich die Zugehörigen dazu einlade, jeden Schritt in dem Prozess mit mir zu gehen.
Kommen die Menschen deswegen zu dir?
Ich glaube es ist auch ein Gedanke von Freiheit. Viele wollen möglichst Vieles selbst gestalten und übernehmen dürfen. Manche wollen das aber auch gar nicht. Das entscheidet Jede*r für sich. Nach William Worden muss der Tod erst begriffen werden, um in einen gesunden Trauerprozess kommen zu können. Dazu lade ich ein. Was auch bedeutet wir können gemeinsam den*die Verstorbene*n waschen und ankleiden und indem wir das tun, kommen wir in Berührung. Dann festzustellen, dass der Körper keine 37 Grad mehr hat oder dass die Leichenstarre einsetzt – das sind alles Dinge, die wir fühlen und spüren können, wo Worte nicht hinkommen. Das ist auch das, was den Menschen in Erinnerung bleibt – meiner Erfahrung nach immer in einer guten. Ich bin mir sicher, dass diese Menschen, die das für sich wünschen und annehmen, anders in ihren Trauerprozess gehen.
Was hilft dir, deinen Job als Trauerbegleiterin gut machen zu können?
Es muss klar sein, wo meine Trauer und wo deine Trauer ist. Das ist immer für die Menschen traurig, die diesen Verlust erlitten haben, nicht für mich. Mich macht es mitfühlend. Und das darf es auch. Nicht zu unterschätzen ist vor allem, dass die Menschen ganz schnell in Erinnerungen geraten und manchmal total skurrile Sachen passieren, über die wir dann zusammen lachen. Ich sage immer, da wird die Liebe sichtbar gemacht. Die zeigt sich ganz oft in den Verabschiedungen und Trauerfeiern. Wenn das sichtbar wird, dann rührt mich das. Es hat aber auch mit der Beziehung zu der*m Verstorbenen zu tun. Je nach Nähe entscheide ich, ob ich die Bestattung durchführen kann.
Was genau macht den Unterschied zur konventionellen Bestattung aus?
Den Ansatz gibt es schon sehr lange. Fritz Roth ist DER Vorreiter in Deutschland. Der größte Unterschied zu konventionellen Instituten ist, dass ich mein Geld nicht mit dem Verkauf von teuren Särgen oder Urnen, sondern mit meinen Dienstleistungen verdiene. Ich habe einen Standardsarg mit einem Basispreis, der in Werkstätten für angepasstes Arbeiten hergestellt wird. Viele Leute wollen auch nichts anderes. Der Sarg kann sogar bemalt werden, um seiner Trauer Ausdruck zu verleihen. Auch Urnen müssen nicht zwingend gekauft werden, obwohl es wunderschöne, florale Urnen gibt.
Du hast auch einen Fokus auf Nachhaltigkeit gelegt. Hattest du den schon von Anfang an?
Ja und das ist mir sehr wichtig, weil ich weiß, welche hohe Belastung nicht nachhaltige Materialien oder Massivsärge für unsere Böden haben. Deutschlandweit haben viele Friedhöfe ein ganz massives Grundwasserproblem und der natürliche Verwesungsprozess kann zum Teil gar nicht so in Gang geraten, wie er eigentlich sollte. Für mich war daher klar, dass ich nur anbieten möchte, was diesem Kreislaufgedanken entspricht. Dass das, was die sterblichen Überreste sind, möglichst bald in den Kreislauf zurückgelangen. Daher achte ich auch genau darauf, dass nur Naturmaterialien mit in den Sarg gegeben werden. Ganz viele Menschen geben auch Briefe mit, das geht natürlich auch.
Wenn du dir eine Sache wünschen dürftest, die sich zeitnah ändern soll – was wäre das?
Ich begrüße eine neue Bestattungsform, die sogenannte Re-Erdigung. Die darf derzeit nur in Schleswig-Holstein durchgeführt werden. Da wird der verstorbene Körper auf Pflanzensubstrat und Blumenschnitt gebettet und in einem geschlossenen Gefäß 40 Tage leicht hin- und hergeschaukelt, bis ist der Körper außer der Knochen wieder komplett zu Erde geworden ist.
Dein Wunsch für die Zukunft?
Ich würde mir wünschen, dass wir viel mehr den Tod in unser Leben hineinholen und ihn integrieren und das Leben vielleicht auch von dieser Warte aus betrachten. Dass wir den Tod eher als Freund ansehen können, statt das große schwarze Sensenmannbild vor Augen zu haben. Ich glaube, das könnte wirklich hilfreich sein. Ich sage es immer wieder: Nur weil wir darüber sprechen, sterben wir davon nicht. Und wenn wir uns mit engen Vertrauten über unsere Wünsche in Bezug auf unsere Beerdigung unterhalten, dann ist das einfach wahnsinnig hilfreich für beide Seiten.
Lea Spinner
Das Interview ist aus dem in:spirit Magazin zum Thema "Wandel". Mehr zum Magazin gibt's hier. (öffnet in neuem Tab)