Magazin: "Kein Morgen, kein Gestern - nur das Jetzt"

Ach, wäre das schön, wenn wir nicht von Uhren und Kalendern durch unsere Tage gehetzt würden. Wäre es nicht toll, wenn wir die schönen Stunden einfach verlängern könnten? Wäre es nicht hilfreich, wir wüssten, was jetzt dran ist?

Die Tage sagt jemand zu mir: In dem Moment, in dem ich anfange, über Zeit nachzudenken, habe ich zu wenig davon. Das stimmt wohl, aber wir tun es immer wieder und erleben, dass es tatsächlich so ist. Wir merken erst dann, wie sehr uns „die Zeit“ oder die Sehnsucht nach Ordnung, Vorhersehbarkeit, endlicher Lebenszeit und Zukunft, nach Ewigkeit beschäftigt. 

Ein Steyler Mitbruder sagte einmal auf dem Parkplatz vor St. Koloman in Österreich zu uns, als eine Gruppe von Schwestern nach einer Tagung nach Hause aufbrach: „Wenn Steyler Missionsschwestern sich verabschieden, hat das schon einen Hauch von Ewigkeit.“ Die Zeit steht dann für ein paar Momente still, Termine, Reisezeiten, Abfahren oder Ankommen, spielt dann gerade keine Rolle. Wir sind dann präsent – ganz da im Hier und Jetzt. Ganz beieinander.

Vor vielen Jahren hatte sich jemand ein neues Kostüm schneidern lassen und sie freute sich und sagte: „Das ist jetzt zeitlos, das kann ich ewig tragen.“ Zeitlos sein heißt also auch: Es braucht keine Veränderung, es ist gut so, wie es ist. 

Zeitlos fühlen wir uns, wenn wir das Empfinden haben, die Zeit steht für einen Moment still. Wir begegnen der Liebe unseres Lebens, wir stehen staunend auf einem Berggipfel in der aufgehenden Sonne. Wir sind dann raus aus dem „du solltest“ oder „du musst“. Einfach nur da. 

Zeitlos, unbeschwert, nur im Hier und Jetzt leben, Dinge und Situationen als gut und abgeschlossen ansehen können, das wäre unser Wunsch. Ewigkeit als tiefliegende Sehnsucht, die nach anhaltender Freiheit schmeckt, nach Lebendigkeit, nach dauerhaftem, ungestörtem Frieden.

Diese Sehnsucht können wir nicht selbst stillen, wir können die Erfahrung von Zeitlosigkeit nicht herbei führen. In der christlichen Spiritualität gibt es den Begriff der „Heiligung der Zeit“. Damit ist gemeint, unsere Tage durch die Beziehung zu Gott, der in der jüdischen Tradition auch der „Ewige“ genannt wird, aus dem Alltäglichen herauszuheben. Unser Staunen, unser Innehalten hebt uns aus dem Gewöhnlichen heraus – und das sind Momente der Zeitlosigkeit – „kleine Ewigkeiten“. Das Heraustreten aus dem Alltagsgeschehen kann mich aufmerksamer machen für die Momente des Ewigen in der Zeit. Gebet, Meditation, eine Lebensführung, die Raum und Zeit lässt für die besonderen Momente des Lebens, erfüllende Begegnungen, können hilfreiche Bausteine für die „kleinen Ewigkeiten“ – die Zeitlosigkeit im Hier und Jetzt werden. 

Im ersten Testament offenbart Gott seinen Namen mit „Ich bin der Ich bin da.“ Ein Ausdruck seiner beständigen Gegenwart und Treue. Der Theologe Alfons Deissler übersetzt diesen Namen so: „Was auch sei, wann es auch sei, wo es auch sei, wie es auch sei, du triffst auf mich als dein lebendiges, Heil-schaffendes Gegenüber, das je und je deine Gegenwart und erst recht deine Zukunft ist.“ 

Unsere Kalender und Verabredungen müssen uns nicht beherrschen. Es lohnt die Übung, ganz gegenwärtig die kleinen Ewigkeiten in unserem Alltag zu verkosten bis hinein in die von Gott versprochene „große“ Ewigkeit.

Von Sr. Dorothee Laufenberg SSpS

Dieser Artikel ist aus dem in:spirit Magazin zum Thema "zeitlos". Mehr zum Magazin gibt's hier.  (öffnet in neuem Tab)