Magazin: "Zwischen Routinen, Warten und Reflektion"

Welche Bedeutung hat Zeit für Inhaftierte und wie verändert sich im Gefängnis die Wahrnehmung der Zeit? Fünf Frauen aus der Justizvollzugsanstalt (JVA) Schwäbisch Gmünd haben mir diese Fragen beantwortet. Sie geben uns Einblick in ihren Alltag, ihre Gedanken und erzählen, wie sie die Zeit während ihrer Haft versuchen sinnvoll zu nutzen.

Fünf Frauen¹, unterschiedliche Perspektiven und jede mit ihrer eigenen Geschichte. Einige sind seit mehreren Jahren, andere erst seit Monaten inhaftiert. Für manche ist es nicht das erste Mal in einer JVA. Manche werden noch in diesem Frühjahr entlassen und andere haben noch einige Jahre Haftstrafe vor sich. Doch in einem Punkt sind sich die Frauen einig: Alle versuchen bewusst zu vermeiden, die Tage bis zu ihrer Entlassung zu zählen, doch nicht immer klappt das. Eine der Frauen schreibt: „Je näher meine Entlassung rückt, umso öfter habe ich mich dabei erwischt, dass ich die Tage doch zähle.“ Eine andere schreibt: „In Tagen denke ich nur in Bezug auf den bevorstehenden Einkauf und das auch nur, wenn mein Tabak sich dem Ende neigt ;).“ 

Den meisten kommt ein Tag in Haft mindestens doppelt so lang vor, für andere fühlt es sich gar so an, als hätte er 72 Stunden. Für eine der Frauen „fühlt sich nicht nur ein Tag, sondern selbst eine Stunde weitaus länger an. Warum? Weil man hier eine Stunde oder auch den Tag nicht so gestalten kann, wie man es draußen tun könnte oder würde.“ Insbesondere die ersten Wochen und Monate in Haft vergingen für die Frauen sehr langsam. Die Wochenenden ziehen sich „wie Kaugummi, der niemals Geschmack ha te“, beschreibt es eine der Inhaftierten, eine andere meint einfach nur „viel zu viel Zeit – Horror“. Klare Routinen, festgelegte Abläufe und Zeiten prägen den Gefängnisalltag: „Ein üblicher Wochentag beginnt mit Glück ausgeschlafen um 5:15 Uhr. Dann stehe ich auf, wasche mich, ziehe mich für die Arbeit an, mache mein Bett, wische meine Zelle aus, während der Boden trocknet, rauche ich eine Zigarette. Um 6:00 Uhr werden die Zellen aufgeschlossen, dann bleiben 25 Minuten, um evtl. Post oder Anträge ins Büro zu bringen oder abzuholen, Wäsche abzugeben oder bei einer Zellennachbarin noch eine Zigarette zu rauchen. Um 6:30 Uhr werden wir zur Arbeit geholt. Jede zu ihrem Arbeitsplatz. Ich arbeite bis 14:45 in der Schneiderei. Dort habe ich in meiner ersten Haft eine Ausbildung sehr erfolgreich abgeschlossen. Dort arbeite ich nun seit vier Wochen. Leider mache ich seither jeden Tag ein und die selbe Arbeit – ich nähe Bauchbandagen. Ab 15:00 Uhr sind wir wieder auf unseren Abteilungen, wo ich in einer Einzelzelle untergebracht bin. Am Nachmittag wäre Hofzeit. Ich gehe nicht zum Hofgang. Diese Stunde genieße ich am Tag am meisten – da ist es nämlich so schön ruhig!“ Jeder Wochentag verläuft mehr oder weniger gleich, am Wochenende sind die Arbeitsbetriebe geschlossen.

Ruhe ist für viele der Inhaftierten ein wichtiger Bestandteil des Alltags: „Den Morgen und den Abend in meiner Box mag ich am liebsten, es ist ruhig und ich kann mich auf mich konzentrieren (Pläne, Ziele etc.)“. Einen sehr großen Teil der Zeit nimmt auch das Warten ein: „Wir warten hier unentwegt auf etwas!!! Auf das Abrücken der Arbeiter, auf Besuche, auf Einkauf, vor dem Büro, um Anliegen klären zu können, auf Rückmeldungen von Anträgen. Das ständige Warten hilft dabei, sich in Geduld zu üben!“ Was für die Einen eine Geduldsfrage ist, das ist für die anderen „einfach nur nervig“ und „das elendige Warten“ lässt sie fast verzweifeln. Doch es gibt auch Momente, auf welche, die Frauen gerne warten: Briefe und Telefonate mit den Liebsten sind für viele ein wichtiger Anker und während der Besuche vergeht dann die Zeit auch viel zu schnell. 

„Zukunft!“ stand auf einem Blatt als Antwort auf die Frage, ob die Frauen eher an die Vergangenheit, die Gegen wart oder das Kommende denken würden. Die Antwort ist in ihrer Kürze mehr als eindeutig. Die Frauen schauen in die Zukunft, das wird klar, wenn auch mit unterschiedlichen Blickwinkeln und Gefühlen: „Die Vergangenheit lässt sich nicht mehr ändern. Ich denke an die Zukunft, weil ich Einfluss darauf habe. Das Gute an der Vergangenheit ist eben, dass diese vergangen ist!“ 

Einige haben Angst vor ihrer Entlassung und wollen nicht an das schnelle Leben draußen denken, da dies mit Zukunftsängsten verbunden ist. Einige Inhaftierte zeigen sich jedoch entschlossen: „Wenn ich an draußen denke, habe ich Respekt, aber keine Angst! Es liegt an mir, was ich in Zukunft mache und mit jedem Stein, der mir in den Weg gelegt wird, werde ich mir eine Treppe bauen.“– „Ich mache mir viele Gedanken, wie es draußen sein wird. Und habe keine Angst vor der schnellen Zeit, denn die Zeit für mich persönlich läuft anders als sie draußen läuft. Ich gebe mir mein eigenes Tempo und lass mich nicht hetzen. Meine Zeit läuft mit mir zusammen, nicht ich mit der Hektik dieser Zeit.“

Die meisten betonen, wie sich in Haft das Zeiterleben gewandelt hat, aber auch wie sie sich selbst während die ser Zeit verändert haben: „Für mich persönlich ist es wichtig, etwas aus seiner Zeit sinnvoll zu machen. Ich z.B. hätte wenn ich die Zeit jetzt nicht in Haft gehabt hätte, niemals die Zeit für mich gefunden rauszufinden‚ wer ich bin‘, und mich nie mit meinen Problemen auseinandersetzen können! Ich habe in Haft sehr viel Zeit gefunden, um an mir etwas zu verändern und zu bewegen. Ich finde diese Zeit hat mir Gelegenheit gegeben meine Zukunft zu gestalten, und viel zu verarbeiten.“ 

„Ich verliere an jedem einzelnen Tag hier drin gemeinsame Lebens zeit mit meiner Tochter und meinem Mann. Ein großer Verlust!“

„Meine Lebenszeit ist zu kostbar, um sie hinter Gitter zu verbringen, aber ich glaube ich habe das Beste draus gemacht. Bin nach 36 Jahren Opiate clean und das ist gut so!“

„Es motiviert mich mehr zu feiern. Meine Lebenszeit draußen mit so viel Zuneigung und Liebe zu gestalten.“

Und wie denken die Frauen über ihre Haft in Bezug auf ihre Lebenszeit? Beim Lesen der Briefe wurde mir bewusst, wie ähnlich die Zeitwahrnehmung der Inhaftierten ist und doch auch von Person zu Person so unter schiedlich. Die Inhaftierten bringen es selbst am besten auf den Punkt und geben uns etwas mit, das nicht nur innerhalb der JVA-Mauern gilt: „Ich glaube, wenn Sie alles Bisherige insgesamt gelesen haben, hört man schon raus, dass das Verständnis von dieser Zeit in Haft mein komplettes Leben verändert hat, weil ich etwas mit dieser Zeit sinnvoll getan habe. Nämlich nicht nur diese Zeit abzusitzen, indem ich nichts tue, sondern viel an mir gearbeitet habe und meine Zeit sinnvoll erlebt habe. Die Zeit ist kostbar! Hier und jetzt und in allen Zeiten.“

von Lena Bareiss

¹Die Aussagen der Frauen wurden anonymisiert. Doch soll ihren eigenen Worten in diesem Text unverfälscht möglichst viel Raum gegeben werden.

Dieser Artikel stammt aus dem in:spirit Magazin zum Thema "zeitlos". Mehr zum Magazin gibt's hier. (öffnet in neuem Tab)