Gerade habe ich Zeit, weil das Leben in Cebu ein bisschen stillsteht. Aber mal von ganz vorne: Vor fast zwei Monaten ging mein MaZ-Einsatz los. In unserem ersten Monat besuchten Caro und ich mit den Freiwilligen der Karl-Kübel-Stiftung für eine Woche einen Sprachkurs. Eine Woche lag ich mit einer Erkältung flach, sonst hieß es einleben und ganz viele erste Male erleben.
Wir waren das erste Mal auf unserer Arbeit, dem Balay Samaritano. Nebenbei konnten wir unser Cebuano üben. „Linkod“ (hinsetzen) oder „palihug“ (bitte) waren fürs Erste die wichtigsten Worte, um mit den kleinen Wirbelwinden den gemeinsamen Vormittag zu bestreiten. Meistens kamen wir während des Rosenkranzgebets mit Sr. Debby an. Viel verstehen wir zwar noch nicht, aber langsam prägen sich die Bewegungen beim Singen ein. Die Kinder sind die besten Lehrer. Generell macht mir die Arbeit, das Kennenlernen der Kinder und der Kolleginnen und das Knüpfen von Freundschaften viel Freude. Mit den Wochen haben wir gelernt, ihre Lebenssituation besser zu verstehen, auch wenn ich nach zwei Monaten noch lange nicht behaupten kann, sie zu durchblicken. Am Anfang war es total verwirrend, dass sie ganz selbstständig nach dem Mittagessen gegangen sind. Auch manche Gefühlsausbrüche waren anfangs ein bisschen überfordernd, langsam verstehe ich aber, dass sie aus einem Alltag auf der Straße kommen, in dem Gewalt leider normal ist und sie eben mit lautem Schreien oder Trommeln, die Gefühle äußern, die nicht in Worte zu fassen sind. Und diese kommen manchmal ganz willkürlich an die Oberfläche. Dafür darf ich grade Verständnis entwickeln.
Da wir früh mit der Arbeit fertig sind, haben wir einige Male die „outreachs“ von Vater Heinz begleitet. Unsere erste Fahrt ging auf eine Müllhalde in den Bergen. Weit weg von all dem Großstadtleben. Weit genug weg, sodass keiner in der Stadt die Zustände auf den Halden mitbekommt. Für die Familien, die dort und in der Umgebung unter einfachsten und schwierigsten Verhältnissen leben, gab es wahrscheinlich die einzige „ordentliche“ Mahlzeit in der Woche: ein dünnflüssiger Reisbrei, ein Ei, ein paar Kekse und Milchpulver. Mein Herz ist gebrochen nach dieser Erfahrung. Ob sie wirklich so glücklich sind, wie sie wirkten, bleibt fraglich, denn sie leben unter unwürdigen Umständen.
Auf der Rückfahrt hat uns Heinz viel zur Armut hier erzählt: Es gibt wenig Platz, der dazu immer teurer wird, während die Bevölkerung stark wächst. Ein Drittel der philippinischen Bevölkerung ist jugendlich und jünger. In einer anderen Community trafen wir schwangere Frauen – in unserem Alter oder jünger. Familie und Kinder gelten hier zwar als Absicherung, doch fehlende Bildung oder teure Verhütungsmittel verstärken diese Entwicklung massiv. So haben manche Frauen acht bis elf Kinder. Für uns unvorstellbar, in so jungen Jahren Verantwortung für eine ganze Familie zu übernehmen. Menschen in Slums, auf Halden oder der Straße sind auf Hilfe von NGOs und der Kirche angewiesen. Einen Sozialstaat, wie wir ihn kennen, gibt es nicht. Mir wird bewusst, wie privilegiert wir in Deutschland leben. Hier lerne ich das, was sonst für uns alltäglich und normal ist, in einer dankbaren Haltung wertzuschätzen. Doch auch die weltpolitische Lage macht sich hier bemerkbar: Entwicklungsgelder aus den USA oder auch Europa werden gestrichen oder gekürzt. Das macht die Hilfe hier vor Ort schwerer.
Egal wie der Tag aussah, die Abende waren gleich: gemeinsames Essen mit den Schwestern und Angestellten. Besonders mit den jungen Schwestern und Studentinnen verstehen wir uns gut und haben viel Spaß. Aber wir sitzen auch gerne mit den älteren zusammen und hören gespannt ihren Erzählungen über ihre Mission zu. Nach der Messe sonntags unternahmen wir alleine oder mit zwei Mädels Ausflüge und machten Cebu City unsicher. Im Provinzhaus wurde es dann abends auch laut, denn der Spiele-, Film- und Karaokeabend stand an. Wir haben ihnen das Spiel „Biberbande“ beigebracht und sie uns, wie man selbstbewusst und textsicher Karaoke singt - der Nationalsport der Filipinos. Die nahegelegenen Karaokebars haben uns besonders in Cebu City einige Male um unseren Schlaf gebracht. Aber auch mit den älteren Schwestern durfte ich in meinem ersten Monat total wertvolle Momente erleben. Beim Bibelteilen habe ich einige Male teilgenommen. Das tat richtig gut und so konnte ich die Schwestern noch mal auf einer viel intensiveren und tieferen Ebene kennenlernen.
Nach einem Monat kam dann Johannes an und so hieß es auch für uns ein weiteres Mal Rucksack packen. Um unser Cebuano zu verbessern, stand ein weiterer Sprachkurs auf Bohol, der Nachbarinsel von Cebu, an. Wir haben also schon unsere erste kleine Reise hinter uns. Die Schwestern auf Bohol leiten und leben in der „Holy Spirit School of Tagbilaran“. Wir kamen genau zum richtigen Zeitpunkt - den jährlichen „intermurals“, was ein mehrtägiges Sportfest ist. Am ersten Tag schauten wir bei der Eröffnungsfeier zu. Für mich wirkte es wie eine Mischung aus amerikanischen Highschool-Filmen, Harry Potter und einer Militärparade. Mädchen tanzten in Tütüs, Gruppen in grünen Uniformen hissten Fahnen, andere brachten in einem Gebet Sportarten und Zubehör Gott dar. Als letztes wurden die drei Teams vorgestellt und kämpften erstmals gegeneinander. Die Stimmung war ausgelassen, überall Musik, alle waren begeistert – besonders beim Basketball, dem Nationalsport der Philippinen. Am spannendsten war für mich aber das sogenannte „Agawan Buko“, was so viel wie „die Kokosnuss erobern“ bedeutet. Am Spielfeldrand erklärten uns Schüler*innen das Spiel: Es muss eine eingefettete Kokosnuss über eine geflutete Wiese auf einen Stuhl gebracht werden, ähnlich wie Rugby. Dabei kommt es zu einem ganz schönen Gedränge. Am Ende ist es ganz normal, dass die Hälfte der Spieler verarztet werden muss und jeder voller Schlamm ist.
Aber zum Sprachkurs: Mir fällt es sehr schwer, mich auf diese komplett neue Sprache einzulassen und dafür ein Gefühl zu entwickeln. Jeden Tag musste ich mich neu motivieren, dem Kurs eine Chance zu geben. Das wirkte sich auch auf mein Gefühlsleben aus. Hingegen waren die Ausflüge mit unserer Mentorin Leonie eine schöne Abwechslung. Wir sahen die Herstellung des traditionellen Salzes „asin tibuok“, besuchten die älteste Kirche in Baclayon und erkundeten mit einer neuen vietnamesischen Schwester die typischen Touri-Orte: den windigen Ausblick auf die Chocolate Hills, die winzigen Tarsier-Äffchen und eine wackelige Bambusbrücke. Außerdem fuhren wir auf die idyllische Insel Panglao zur UNESCO-Tropfsteinhöhle und verbrachten mit den Schwestern einen Tag im Strandhaus der SVDs. Es waren Tage voller Lachen, guter Gespräche und einzigartiger Natur und Momente, in denen mein Herz zur Ruhe kam. Für all diese Chancen, ob spaßig oder anstrengend, bin ich super dankbar.
Auf den Philippinen wüten derzeit aufgrund der Regenzeit besonders starke Taifune, verstärkt durch den Klimawandel. Auf Bohol erhielten wir erste Notfallwarnungen, weshalb die Schule einen Tag geschlossen blieb. Das war beängstigend und verdeutlichte, wie eng Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit miteinander verbunden sind. Am 30.09. sind wir wieder in Cebu City angekommen und wurden ganz herzlich empfangen. Es fühlte sich schon ein bisschen wie nach Hause kommen an. Ich war grade eingeschlafen, als es heftig anfing zu wackeln. Ein Glas viel runter, ich schreckte auf und realisierte, dass wir grade ein Erdbeben erlebten. Über eine Stunde saßen wir, die Schwestern und Mitarbeiter*innen kollektiv im Schlafanzug draußen und warteten auf eine Entwarnung. Wie sich herausstellte, hatte das Beben eine Stärke von 6.9, was relativ stark ist. Uns geht es körperlich gut, doch mich lähmt das Gefühl, dass weiter im Norden der Insel Cebu über siebzig Menschen gestorben sind und viele Straßen, Gebäude und Existenzen zerstört wurden. Das Ganze ist total surreal. Manchmal halluziniere ich und denke, dass die Erde wieder bebt. Ganz langsam realisiere ich es, doch das Leben steht still. Alle Büros und Schulen sind geschlossen, wir warten ab und fragen uns, wie unser Umzug in wenigen Tagen nach San Pio Village wird.
Stürmische Grüße und macht euch keine Sorgen, wir sind ja immer noch in Gottes Händen,
Eure Charlotte
Anmerkung: Alle drei MaZ-Freiwilligen sind gut und gesund in San Pio angekommen und leben sich gerade ein.