Der Chor beim typischen Weihnachtssingen.

MaZ: "Die Menschen hier schenken sich Gemeinschaft"

Lea ist nun schon seit fünf Monaten in Oaxaca, Mexiko. In dieser Zeit hat sie viele neue Eindrücke gesammelt und merkt, wie Bekanntschaften langsam zu Freundschaften werden.

¡Buenos días y hola de México a todos! Nun sind tatsächlich schon 5 Monate vergangen, seit ich mich in Deutschland in das Flugzeug begeben habe, welches mich in meine neue Heimat für die kommenden 12 Monate nach Mexiko bringen sollte. Ich kann ich es noch gar nicht glauben, dass ich hier nun schon sowohl Weihnachten als auch Silvester erleben durfte und auch bereits das Zwischenseminar hinter mir liegt. Meine bisherige Zeit hier in Oaxaca ist geprägt von unzähligen neuen Erfahrungen, ganz vielen ersten Begegnungen mit den Menschen in meinem neuen Alltag sowie von vielen Lernerfahrungen über mich selbst und über das Eingewöhnen in eine anfangs fremde Kultur – und schneller als ich es überhaupt realisieren kann, neigt sich die erste Hälfte meines Freiwilligendienstes in Mexiko in großen Schritten dem Ende zu.

Begonnen habe ich meinen Freiwilligendienst hier in der Hauptstadt des Bundesstaats Oaxaca zunächst mit einem einwöchigen Sprachkurs, welcher mir sehr dabei geholfen hat, mich an die hier üblichen Redewendungen zu gewöhnen. Meine freie Zeit habe ich natürlich genutzt, um erste Erkundungstouren im Stadtzentrum vorzunehmen – wobei mich die farbenfrohen Straßen Oaxacas und die kleinen Gassen mit den verschiedensten Straßenständen sofort fasziniert haben. Während ich mich also in meiner ersten Woche hier eher noch wie eine Touristin gefühlt habe, wurde ich dann mit dem Beginn der zweiten Woche und dem Start in meiner Einsatzstelle komplett von meinem neuen Alltag eingenommen, der mich bis heute jeden Tag aufs Neue mit den verschiedensten Begegnungen und Momenten überrascht.

In ,,San Augustín de las Juntas‘‘ lebe ich gemeinsam mit 6 Schwestern aus aller Welt und meiner Mitfreiwilligen Samyra in der größten Kommunität der Steyler Missionsschwestern in Mexiko. Die Schwestern haben mich von Beginn an sehr freundlich aufgenommen und ich finde es total spannend, sie in ihrem Alltag zu begleiten. Jeden Morgen starten wir um 6.30 Uhr mit dem Morgengebet, der sogenannten ,,Oración‘‘ gemeinsam in den Tag. Nach dem Frühstück, welches immer von guten und lustigen Gesprächen begleitet wird, beginnt um 8.00 Uhr dann auch bereits meine Arbeit im Kindergarten. Bis nachmittags um 16.00 Uhr kümmere ich mich als ,,Maestra‘‘ (Lehrerin) um die Kinder, was bedeutet, dass wir gemeinsam spielen, gemeinsame Unterrichtseinheiten absolvieren und die Kinder während den Mahlzeiten sowie den Schlafenszeiten betreuen. Bevor ich mit der Arbeit begann, hatte ich in meinem Inneren doch auch einige Zweifel: Wie kann ich ohne eine richtige Ausbildung eine gute Maestra sein? Sind meine Spanischkenntnisse ausreichend, um die Kinder zu verstehen? Doch mit der Zeit wurde mir recht schnell bewusst, dass es in meinem Umgang mit den Kindern gar nicht unbedingt auf meine fachspezifischen oder sprachlichen Fähigkeiten ankommt. Viel wichtiger erscheint mir, den Kindern und ihren Anliegen mit einem offenen Ohr zu begegnen und sie anschließend mit offenem Herzen bei ihrer Entwicklung zu begleiten. Egal ob beim gemeinsamen Erlernen der Zahlen oder beim Spielen im Garten der ,,Estancia‘‘: Ich spüre, dass mich die Arbeit mit den Kindern total erfüllt und mir hier in meinem neuen Umfeld extrem viel Halt gibt. Denn auch wenn es manchmal schwere Momente gibt und ich vor Herausforderungen gestellt werde, rücken diese während der Arbeit mit den Kindern sofort in den Hintergrund.

Aber nicht nur im Kindergarten darf ich während meiner Zeit hier viele schöne Momente erleben. Auch außerhalb meines Arbeitsalltags versuche ich immer stärker in die Kultur hier vor Ort einzutauchen, um so mein Umfeld hier vor Ort nicht nur kennenzulernen, sondern selbst ein Teil davon zu werden. Von daher genieße ich es sehr, zweimal pro Woche an der Chorprobe des Chors einer benachbarten Kirchengemeinde teilzunehmen und die Messe am Sonntag dann nicht nur zu besuchen, sondern gemeinsam mit vielen Einheimischen aktiv mitzugestalten. Auch die wöchentlichen Treffen mit einer katholischen Jugendgruppe in meinem Stadtviertel gehören definitiv zu den Highlights meiner Woche, da ich den Austausch mit anderen Jugendlichen hier vor Ort jedes Mal aufs Neue genieße und spüre, wie sich meine anfänglichen Bekanntschaften immer mehr zu Freundschaften wandeln.

Besonders im Dezember wurde ich von ganz vielen mir bis dahin unbekannten Traditionen vereinnahmt und verzaubert. Dazu zählten in erster Linie die verschiedenen Feste für die Jungfrau Maria, welche hier unter anderem als „Virgen de Guadalupe“ verehrt wird und die Nationalpatronin von Mexiko ist. Für mich waren diese Feste mit einem sehr außergewöhnlichen Gemeinschaftsgefühl verbunden, welches ich so zuvor selten verspürt hatte. Auch im Kindergarten haben wir uns gemeinsam mit den Kindern auf das anstehende Weihnachtsfest vorbereitet und eine sogenannte ,,Pastorela“ einstudiert, was das spanische Pendant zu unserem ,,Krippenspiel“ darstellt. Ich persönlich fand es sehr schön zu erleben, dass trotz der Distanz zu meiner Heimat der Grundgedanke des Weihnachtsfests hier in Mexiko derselbe ist den auch wir in Deutschland feiern und uns das zu einer großen christlichen Gemeinschaft vereint. Und doch entdeckte ich auch ganz viele Unterschiede zu den uns bekannten Traditionen. Allen voran wird hier das Weihnachtsfest bereits neun Tage vor der Heiligen Nacht mit der Tradition der ,,Posadas‘‘ (Herbergssuche) begonnen, wobei die Kirchengemeinde jeden Abend mit den Figuren der heiligen Familie von Haus zu Haus zieht und um Herberge bittet. Anschließend findet eine gemeinsame spirituelle Reflexion statt und was nach dem geistlichen Teil in Mexiko nie fehlen darf, ist natürlich das anschließende Zusammensein aller Teilnehmer sowie das Teilen einer gemeinsamen Mahlzeit. Obwohl ich diese Tradition hier neu kennenlernen durfte, war ich von Anfang an sehr begeistert davon und durfte dabei sehr schöne Erinnerungen sammeln. Und auch während dem anschließenden Weihnachtsfest habe ich nochmals erfahren, was ich auch sonst in meinem Alltag schon gespürt habe: Die Menschen hier schenken sich Gemeinschaft – im Glauben, im einfachen Zusammenkommen und natürlich vor allem im Feiern der hier üblichen Feste.

Ganz egal, ob es sich dabei um eine Taufe, einen Geburtstag oder eine Hochzeit handelt: Das gemeinsame Feiern der verschiedensten Traditionen und Momente im Leben ist hier einfach immer präsent und es kommt selten vor, dass ich ohne die Musik einer der vielen Feiern meiner Nachbaren einschlafe. Denn auf den Festen hier vor Ort dürfen viel mexikanisches Essen, kunterbunte Piñatas, eine mexikanische ,,Banda‘‘ sowie traditionelle Tänze nie fehlen – und somit ist natürlich immer für Spaß gesorgt!

Und obwohl ich mich hier also schon sehr wohlfühle und mich schon sehr gut einleben konnte, merke ich doch, dass ich immer wieder neue Dinge über das Land und seine Menschen kennenlernen darf. Allen voran habe ich gelernt, anstatt einer Stunde Verspätung besser mit zwei Stunden Verspätung auf einer Geburtstagsfeier zu erscheinen – ansonsten wird man automatisch noch zum Teil des Aufbau-Teams. Auch die Bedeutung des Begriffs ,,ahorita‘‘ konnte ich erst nach einiger Zeit ergründen, weil der Begriff je nach Kontext ,,sofort‘‘, ,,später‘‘ oder einfach auch ,,irgendwann‘‘ bedeuten kann. Das Leben ist hier einfach lockerer und es wird alles nicht ganz so ernst genommen. Was zu Beginn an eher noch fremd und unverständlich für mich war, wird momentan auch immer mehr zu meiner eigenen Mentalität und ich spüre, dass ich es immer mehr genieße, mich jeden Tag aufs Neue von Gott und meinem Alltag hier vor Ort überraschen zu lassen – ohne jegliche Vorplanung oder fixe Terminabsprachen, sondern stattdessen mit Spontanität, Gelassenheit und vor allem einem offenen Herzen für neue Erlebnisse und Begegnungen.