Der Alltag in Oaxaca hat mir eine ganz neue Seite des Landes gezeigt eine, auf die mich nichts wirklich vorbereiten konnte. Am Anfang dachte ich, dass ich mich hier nicht wie eine Touristin fühlen würde. Immerhin bin ich zur Hälfte Mexikanerin, spreche die Sprache und kenne die Kultur aus meiner Familie. Doch schon nach kurzer Zeit wurde mir klar, dass ich trotzdem als „die deutsche Freiwillige“ wahrgenommen werde. Dieses Gefühl zwischen zwei Welten zu stehen, hat mich anfangs verunsichert. Ich gehörte irgendwie dazu und gleichzeitig auch nicht ganz.
Meine ersten Wochen waren geprägt von Staunen. Alles war neu, lebendig und faszinierend. Heute, einige Monate später, ist genau das zu meinem Alltag geworden. Der kleine Kiosk nebenan ist nichts Besonderes mehr, sondern ein vertrauter Ort, an dem man sich kennt und grüßt. Genau das ist es, was ich an Mexiko besonders liebe: die Offenheit der Menschen. Es ist ganz normal, sich zu begrüßen, ein paar Worte zu wechseln, selbst wenn man sich kaum kennt. Diese Herzlichkeit hat mir geholfen, mich schnell willkommen zu fühlen.
Ein großer Teil meines Alltags ist meine Arbeit im Kindergarten. Ich arbeite mit Kindern im Alter von vier bis fünf Jahren, also mit den Ältesten der Einrichtung. Von Anfang an wurde ich herzlich aufgenommen – sowohl vom Team als auch von den Kindern. Es hat nicht lange gedauert, bis ich eine enge Bindung zu ihnen aufgebaut habe. Die Kinder begegnen mir mit so viel Vertrauen und Zuneigung, dass ich mich oft nicht wie eine Freiwillige, sondern wie eine richtige Erzieherin fühle. Besonders berührend ist für mich ein kleiner Moment, der sich immer wieder wiederholt: Wenn die Kinder mich „Maestra Samy“ nennen – also „Lehrerin Samy“, da schmilzt jedes Mal mein Herz. Es ist ein so einfaches, aber gleichzeitig unglaublich bedeutungsvolles Zeichen dafür, dass ich wirklich angekommen bin und als Teil ihres Alltags gesehen werde.
Was mich kulturell besonders beeindruckt, ist, wie die Menschen hier feiern. Wenn in Mexiko gefeiert wird, dann richtig. Jeder Anlass wird ernst genommen und mit viel Herz und Freude gefeiert. Das erlebe ich nicht nur im Alltag, sondern ganz besonders auch im Kindergarten. Ob der Unabhängigkeitstag, Weihnachten, der Tag der Toten, Muttertag oder der Kindertag – jeder einzelne Feiertag wird vorbereitet, gestaltet und gemeinsam gefeiert. Gerade jetzt, wo wir viel für den Kindertag mit den Kindern vorbereiten, merke ich, wie viel Bedeutung hinter diesen Momenten steckt. Es geht nicht nur ums Feiern, sondern darum, Gemeinschaft zu erleben und Erinnerungen zu schaffen. Das finde ich besonders schön.
Auch außerhalb der Arbeit habe ich mir hier ein Leben aufgebaut. Besonders gerne verbringe ich Zeit im Zentrum von Oaxaca, wo sich ein großer Teil meines sozialen Lebens abspielt. Dort treffe ich mich mit anderen Freiwilligen, gehe essen oder genieße einfach die Atmosphäre der Stadt. Die Straßen sind voller Leben: Musik erklingt aus allen Richtungen, Menschen lachen, unterhalten sich und überall gibt es etwas zu entdecken. Diese Momente, einfach durch die Straßen zu laufen, die Musik zu hören und das Leben um mich herum zu spüren, gehören zu meinen liebsten Erfahrungen hier.
Trotzdem gab es auch Herausforderungen. Der Umgang mit öffentlichen Verkehrsmitteln war für mich anfangs ungewohnt, da es oft keine festen Haltestellen gibt. Man hebt einfach die Hand und hofft, dass der Bus anhält. Auch Orientierung war nicht immer leicht, da Apps wie Google Maps nicht so zuverlässig funktionieren wie in Deutschland. Inzwischen kenne ich jedoch meine Wege und habe mich gut eingelebt.
Ein weiterer Kulturschock war die Geräuschkulisse des Alltags. Es ist völlig normal, dass zu jeder Feier – sei es ein Geburtstag, eine Taufe oder eine andere Veranstaltung, Raketen und Böller gezündet werden. Dazu kommen die Geräusche von Hühnern und Hunden, oft schon früh am Morgen. Was mich anfangs irritiert hat, ist heute ein Teil meines Alltags geworden. Auch die vielen Straßenhunde haben mich zunächst verunsichert, doch mit der Zeit habe ich gelernt, damit umzugehen.
Ein besonders wichtiger Bestandteil meines Jahres sind die Menschen, die mich begleiten. Lea, meine Mit-Freiwillige, ist zu einer engen Bezugsperson geworden. Wir verbringen viel Zeit zusammen, unterstützen uns gegenseitig und sind im Laufe der Monate sehr zusammengewachsen. Der Gedanke, dass wir in einigen Monaten nicht mehr jeden Tag zusammen sein werden, fällt mir schwer.
Mit der Zeit hat sich mein Blick auf vieles verändert. Mexiko ist für mich nicht mehr nur ein Ort, den ich besuche, es ist zu einem Zuhause geworden. Gleichzeitig kann ich mir mein Leben in Deutschland im Moment nur schwer vorstellen. Ich habe gelernt, den Moment bewusster zu erleben und wertzuschätzen, weil mir klar ist, dass diese Zeit begrenzt ist.
Wenn ich daran denke, dass mein Freiwilligenjahr bald zu Ende geht, wird mir bewusst, wie schnell die Zeit vergangen ist. Was am Anfang neu und überwältigend war, ist heute vertraut und normal. Und genau das wird mir am meisten fehlen: die Straßen, die Musik, die Sprache und das Gefühl, Teil dieses Alltags zu sein.
Samyra





